Die unglaubliche Geschichte des George Bryczek

Wie ein polnischer Landarbeiter zum Spitzenwinzer wurde

Im Polen der späten dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gibt es kaum noch Möglichkeiten, sich durch den Ertrag aus Arbeit zu ernähren. So kommen in Frankreich wie auch in anderen westeuropäischen Ländern viele Polen an, die keine andere Überlebenschance mehr sehen, als die Heimat zu verlassen. An dieser Stelle beginnt die Erfolgsgeschichte des Burgunder Winzers George (Woytek) Bryczek, auch wenn es anfangs gar nicht danach aussieht. An deren Ende steht die kleine, aber feine Domaine Bryczek in Morey-Saint-Denis.

Der Patron kommt auf dem Traktor zum Interview

Der Patron kommt auf dem Traktor zum Interview

Überall im Burgund sind die Weinlesen in vollem Gange. Daher ist auch unser Besuch bei Christophe Bryczek, dem Patron der Domaine Bryczek in Morey-Saint-Denis nicht sonderlich passend. Da er jedoch Verständnis hat, weil wir bereits einen Tag später in Bonn zurück sein müssen, nimmt er sich freundlicher Weise Zeit. Er kommt direkt vom Rebschnitt, nachdem die Tage zuvor die Vendange, die Lese in den einzelnen Lagen von Hand stattgefunden hat. Und während dieser Arbeit lassen sich die Winzer nur ungern stören.

Aus dem Fass ins Glas

Aus dem Fass ins Glas

Bryczek führt uns in den Keller. Er beantwortet geduldig alle Fragen, bevor er aus verschiedenen Fässern mit dem Glasrohr einzelne Proben zieht und uns den Jahrgang 2015 seiner vier unterschiedlichen Burgunder probieren lässt. Christophe Bryczek stünde nicht an dieser Stelle in dieser Situation, wäre da nicht sein Großvater Woytek gewesen, der mit außergewöhnlichem Willen und Fleiß die Grundlagen dafür geschaffen hat.

Christophe Bryczek beginnt zu erzählen

Christophe Bryczek beginnt zu erzählen

Schwieriger Start ins Leben
Woytek Bryczek erblickt das Licht der Welt im Jahr 1912 in Zakopane. Eine Kindheit im Sinne angstfreien, behüteten Daseins lernt er nicht kennen.  Die Schulbildung ist rudimentär. Von frühester Jugend an bestimmt die Jagd nach Arbeit sein Leben. Er versucht sich als einer der viel zu vielen Landarbeiter. Er heiratet und beschließt gemeinsam mit seiner Frau Maria, die Heimat Polen zu verlassen. Im Jahr 1938 stranden sie in Frankreich, wo sie in der Landwirtschaft ein einigermaßen geregeltes Auskommen finden.

Der Kampf ums Überleben
Ab Mai 1940 verändert sich alles. Deutsche Truppen marschieren in Frankreich ein. Um den so genannten Säuberungen zu entkommen, schließt sich Bryczek der französischen Armee an und wird in ein polnisches Bataillon gesteckt. Im Jahr 1942 gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft und landet in einem Internierungslager. Nur kurze Zeit später kann er entfliehen. Unter abenteuerlichen Bedingungen schlägt er sich bis nach Dijon durch, wo er sich erst einmal versteckt und seine Frau Maria wieder trifft.

Ein Foto im Weinkeller: George Bryczek kann als Pole und als Franzose durchgehen

Ein Foto im Weinkeller: George Bryczek kann als Pole und als Franzose durchgehen

Bryczek hat das Glück, optisch dem Bild eines Franzosen zu entsprechen. Zudem beherrscht er mittlerweile die französische Sprache so gut, dass die deutschen Soldaten ihn für einen Franzosen halten. Hervorragend gefälschte Papiere und sein neuer Vorname „George“ machen die Tarnung perfekt. Bedingt durch die Umstände jedoch bleibt das Leben unstet. In jener Zeit arbeitet er bei bürgerlichen Familien in Dijon als so etwas wie ein „Faktotum“, als jemand, der in einem Haushalt alles erledigt, in der Regel gegen Kost und Logis. Wenige Wochen nach der Befreiung von Dijon am 11. September 1944 macht sich das Ehepaar auf und landet südlich der Hauptstadt der Côte d’Or bei einem Weinbauern, wo Bryczek beginnt, das Wissen über den Weinbau wie ein Schwamm in sich aufzusaugen.

Ein Winzer wächst heran
Der Krieg ist vorbei. Endlich haben Bryczek und seine Frau die Freiheit, überall da zu arbeiten, wo es ihnen gefällt. In den kommenden acht Jahren verdingt sich Bryczek bei verschiedenen großen, alteingesessenen Winzern. Er erledigt Arbeiten im Auftrag, das heißt, er wird nur für das bezahlt, was er abarbeitet. Es gibt keine festen Arbeitszeiten. Aber er ist ja ein Arbeitstier. Unermüdlich schuftend verdient er für damalige Verhältnisse viel Geld. Beliebt macht er sich damit bei seinen Arbeitskollegen nicht. Im Gegensatz zu diesen jedoch hat er einen Traum. Er beobachtet. Er lernt. Er ist zuverlässig. Er ist ehrlich. Seine „Patrons“ schätzen ihn. Er macht sich einen Namen. Er legt jeden Sou zurück. Im Jahr 1953 ist es endlich so weit:

Das ist das erste Foto vom Weinkeller und hängt dort an der Wand

Das ist das erste Foto vom Weinkeller und hängt dort an der Wand

Von seinem ersparten Geld kann er sich in Morey-Saint-Denis die erste ordentliche Weinlage kaufen. Da kriegsbedingt Reben und Böden lange vernachlässigt wurden, hält sich die Qualität der Weine im Allgemeinen bis auf wenige Ausnahmen in Grenzen. Und so sind selbst gute Weinlagen relativ günstig zu erwerben. Im Laufe der darauf folgenden Jahre kauft Bryczek weitere Anbauflächen dazu. Er nimmt sich vor, als Winzer bedingungslos auf Qualität zu setzen.

Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit
Die Familie wohnt zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Morey-Saint-Denis zur Miete. Alles ist gemietet. Bryczeks Enkel Christophe, der heute die Domaine Bryczek alleinverantwortlich führt, erinnert sich lächelnd: „Ja, es war schon ein Problem, als Fremde, auch noch als gebürtige Polen im Burgund Wein zu produzieren. Die Nachbarn mochten es nicht, dass Fremde ihr französisches Brot aßen. Da mussten wir durch.“ Den Erfolg verdankt George Bryczek auch seiner Frau Maria, die ein strenges Regiment führt. Zudem sind die beiden äußerst religiös. Bryczek verliert seine Familie bis auf zwei Verwandte bereits während des Krieges. Daher gibt es keine besondere familiäre Beziehung mehr nach Polen. Der letzte Besuch erfolgt im Jahr 1995, weitere Besuchsabsichten werden nicht mehr realisiert.

Burgunder Wein für den Vatikan
Im Jahr 1964 ist es so weit. George Bryczek baut für sich und die Familie ein Haus – wie kann es anders sein, einen erklecklichen Anteil natürlich in Eigenleistung.

Das Haus der Bryczeks heute. Der Weinkeller befindet sich darunter

Das Haus der Bryczeks heute. Der Weinkeller befindet sich darunter

Sein Weinkeller mit den Holzfässern und die Arbeitsbereiche befinden sich fortan unter dem Gebäude. Da er zudem über eine außergewöhnliche künstlerische Begabung verfügt, sind in der Mauer und an anderen Stellen des Hauses kleine Reliefs verewigt. Auch im Weinkeller und im Garten stößt der Besucher auf Skulpturen des Winzers. Weitere neun Jahre später, im Jahr 1973 ersteht Bryczek eine besonders gute Weinlage mit Pinot-Noir-Reben, Vieilles Vignes, die bereits 1920 gepflanzt worden sind.

Am Ende des Kellers die Erinnerungen an den Papstbesuch mit Tagebuch und dem Vertrag

Am Ende des Kellers die Erinnerungen an den Papstbesuch mit Tagebuch und dem Vertrag

Dieser Kauf soll sich nicht nur qualitativ, sondern auch im Hinblick auf die Öffentlichkeitsarbeit für die Domaine Bryczek als Glücksfall erweisen. Im Oktober 1978 nämlich wird in Rom ein Pole zum Papst gewählt: Karol Józef Wojtyła. Die Begeisterung Bryczeks über seinen Landsmann Johannes Paul II. ist so groß, dass er dem Papst zwölf Flaschen seines handge- und verlesenen, ohne Hilfsmittel irgendwelcher Art hergestellten, mittlerweilen zum 1er Cru geadelten Morey-Saint-Denis, gewonnen aus den im Jahr 1920 gepflanzten Reben, in Rom vorbeibringt.

Die unumstößlichen Beweise

Die unumstößlichen Beweise

„Zufälliger Weise“ ist der Papst ebenfalls im Jahr 1920 geboren und offensichtlich ein Weinkenner. Er erteilt Bryczek die schriftliche Genehmigung, von ihm persönlich unterschrieben, dem Wein den Namenszusatz „Cuvée du Pape Jean-Paul II“ zu geben.

Gesegnetes Alter
Der Sohn von George Bryczek, Edouard, übernimmt die Geschäfte im Jahr 1984. Christophe ist seit dem Jahr 2003 Chef der Domaine und steigert die Qualität seiner Weine permanent. Großvater George Bryczek begibt sich am 1. März 2013 im hohen Alter von 101 Jahren in die ewigen Weinberge und folgt seiner Frau Maria, die sich fast auf den Tag genau zwei Jahre zuvor auf den Weg gemacht hat. George Bryczek trinkt bis zu seinem letzten irdischen Tag täglich eine Flasche Rotwein. Nicht wenige Zeitgenossen sehen hier einen deutlichen Hinweis auf die Güte der Bryczek‘schen Weine und auf die wesentliche Ursache für George Bryczeks unverwüstliche Gesundheit.

Der Vorraum zum Fasskeller. Hier wird üblicherweise verkostet

Der Vorraum zum Fasskeller. Hier wird üblicherweise verkostet

Von der Domaine Christophe Bryczek gibt es heute vier unterschiedliche Burgunder: Den Morey-Saint-Denis Clos Solon, einen Chambolle Musigny, den Gevrey-Chambertin Aux Échezeaux und den oben beschriebenen Morey-Saint-Denis 1er Cru Cuvée du Pape Jean-Paul II.

Christophe Bryczek
21220 Morey-St.-Denis
Mail: christophe.bryczek@orange.fr

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 27. Dezember 2016.