Finistère

Im Land der Bigouden

Die Faszination unseres vierwöchigen Aufenthaltes in der Bretagne im Herbst des Jahres 2015, unmittelbar inspiriert von den Romanen Jean-Luc Bannalecs, war in der Tat so nachhaltig, dass wir uns bereits während unserer damaligen Spurensuche entschlossen hatten, zwei Wochen der ersten Hälfte des Septembers 2016 ebenfalls in der Bretagne zu verbringen, dieses Mal jedoch im äußersten Westen.

Seinerzeit nach Hause zurückgekehrt machten wir uns umgehend daran, einen geeigneten Ort zu finden. Über ein einschlägiges Internet-Portal wurden wir auf ein Ferienhaus in Saint-Guénolé aufmerksam, einem Ortsteil von Penmarc‘h. Die eingestellten Fotografien vermittelten einen vorzüglichen Eindruck, der Preis stimmte auch. Wir machten die Buchung im Frühjahr 2016 perfekt. Zu unserem Entzücken veröffentlichte zu Beginn des Sommers 2016 Jörg Bong alias Jean-Luc Bannalec seinen fünften Kriminalroman mit dem Titel „Bretonische Flut“. Dessen Handlung spielt nicht weit entfernt von Saint-Guénolé.

Informationen anderer Art

Selbstverständlich machten wir uns sofort daran, das Buch zu lesen. Allerdings war die Enttäuschung bei uns allen recht groß, vollführte doch die Handlung nach viel versprechendem Beginn eine Wende in das Reich der Legende, hin zu einem Schatz vor dem Hintergrund der vor Douarnenez versunkenen Stadt Ys, Hauptstadt des Königreiches Cornouaille, sowie der von ihrem Vater Gradlon im Stich gelassenen liebreizenden Prinzessin Dahut – die den Tod allerdings mehr als verdient hatte. Unserer Meinung nach wäre es erheblich interessanter gewesen, in den mit dem Niedergang der Sardinenfischerei verbundenen Strukturwandel eine Handlung um Neid, unlauteren Wettbewerb, Leidenschaft und dadurch ausgelösten Mord und Totschlag einzuweben. Stattdessen ist das Buch noch mehr als die anderen zu einem etwas anderen Reiseführer mit Mordgeschichte geraten. Allerdings muss schon zugestanden werden, dass unseres Wissens solcher Art verfasste Informationen über Douarnenez, Audierne, die Île de Sein und das Bigoudenland in keinem der etablierten Reiseführer zu finden sind.

Wie im Jahr zuvor haben wir uns entschieden, getrennt von unseren Freunden anzureisen und den Aufenthalt in Penmarc‘h – Saint Guénolé um einen zweitägigen Aufenthalt in Le Mans zu verlängern. Le Mans ist zwar nicht so überbordend, was geschichtliche Details anbelangt, dennoch gibt es hier einiges zu sehen, wie beispielsweise eine beeindruckende Kathedrale oder eine schöne Altstadt. Hinzu kommt selbstverständlich der Circuit-des-24-Heures-du-Mans, der Geburts- und Standort des legendären 24-Stunden-Rennens. Silvia und Albert hatten dieses Mal für sich eine Übernachtung in Bayeux geplant.

Donnerstag, 1. September 2016

Wie das bei uns so üblich ist, besteigen wir gegen Mitternacht das vollgepackte Auto. Der Navigator zeigt uns eine Entfernung von exakt 729 Kilometern zu unserem Zielort an, ein paar Kilometer hinter Le Mans gelegen. Wir hatten vorab im „Hôtel Domaine de Châtenay au Mans“ ein Doppelzimmer für zwei Nächte gebucht. Da wir im vergangenen Jahr gelernt haben, stellen die Mautstellen keine Hindernisse mehr dar. Noch vor Beginn des Hauptverkehrs verlassen wir den Großraum Paris und trudeln erheblich zu früh für ein Einchecken im Hotel gegen sechs Uhr dreißig in Le Mans ein. Wir durchqueren die bereits geschäftig sprudelnde Stadt. Wir haben Hunger, und genau der ist es, der uns schließlich in Erwartung eines Hotelfrühstücks weitertreibt.

Frühstück mit Hindernissen

Dieses Schild ist der einzige Hinweis auf das Hôtel Domaine de Châtenay au Mans

Dieses Schild ist der einzige Hinweis auf das Hôtel Domaine de Châtenay au Mans

Das Vorhängeschloss ist offenbar benutzt

Das Vorhängeschloss ist offenbar benutzt

Das Hotel befindet sich etwa zwanzig Kilometer von Le Mans entfernt in ländlicher Gegend nahe einem Ort namens Saint Saturnin. An der vom Navigator angegebenen Stelle befindet sich rechts abbiegend die Einfahrt in einen Waldweg. Zwei große, etwas verwitterte Schilder weisen auf das Hotel hin. Allein, eine Kette verhindert die Einfahrt. Das scheint uns sonderbar. Es gibt auch keine Möglichkeit, sich beispielsweise mit Hilfe einer Sprechanlage bemerkbar zu machen. Wir überlegen, ob es möglicherweise einen Zugang auf der anderen Seite des Geländes geben könnte. Nach Auswertung der von Google Earth auf dem Tablet bereitgestellten Luftaufnahmen ist ein solcher nicht auszumachen. Also fassen wir den Beschluss, nach Le Mans zurückzufahren, um uns in einem der vermeintlich zahlreichen Cafés jeweils einen Café Crème und zwei Croissants zu genehmigen. Das erweist sich als schwierig, erstens, weil „autoläufig“ – wir müssen ja das voll beladene Auto möglichst im Auge behalten können – erst nach längerer Suche überhaupt ein Café zu finden ist, zweitens, weil dieses Café nur Kaffee im Angebot hat, nicht jedoch Croissants. Die wiederum sollen wir uns selbst bei einem Bäcker die Straße hoch in fußläufiger Entfernung kaufen und anschließend in dem Café verzehren. Ungeachtet der Aufwendungen, die wir zu erbringen haben, tut uns das kleine Frühstück außerordentlich gut und weckt wenigstens vorübergehend die Lebensgeister.

Gegen viertel vor acht stehen wir abermals vor der Kette. Petra geht mit Goya als begleitendem Schutzhund in den Wald, um das ‚Schatöschen‘ aufzuspüren. Der Weg ist lang. Irgendwann verschwinden die beiden, sie wurden vom Wald verschluckt.

Ein kleines Abenteuer

Das Hôtel Domaine de Châtenay au Mans ist über diesen Waldweg zu erreichen

Das Hôtel Domaine de Châtenay au Mans ist über diesen Waldweg zu erreichen

Für Petra ist das eine durchaus spannende Angelegenheit. Wie sie später berichtet, taucht nach einer gefühlten halben Stunde strammen Fußmarsches hinter einer Biegung auf einer großen Lichtung das auffallend hübsche Haupthaus der Domaine de Chatenay auf. Das Gebäude ist scheinbar völlig verlassen. Weit und breit ist keine Menschenseele zu erahnen. Das Hauptportal ist verriegelt. Weil in jedem normalen Hotel um diese Zeit Frühstück für die Gäste angeboten wird, klingelt sie zaghaft. Welche Gäste, habe sie sich gefragt, während niemand reagiert. Sie drückt den Klingelknopf noch einmal, dieses Mal energischer, als sich in der Mauer ein von Efeu bewachsenes, kaum erkennbares Gartentörchen öffnet. Ein ältere, sehr freundlich aussehende Dame kommt auf sie zu, um sie zu begrüßen. Sie stellt sich als die im Haus nebenan wohnende Schwester des Hoteliers vor und ist selbst über das verlassene Hotel verwundert. Nach einem Telefonat mit der Schwägerin stellt sich heraus, dass ihr Bruder einen Arzttermin wahrnehmen will. Weil er jedoch etwas vergessen hat, müsse er eh noch einmal im Hotel vorbeikommen. Wir seien derzeit tatsächlich die einzigen Gäste. Andere würden erst am Nachmittag erwartet.

Ich selbst warte vor der Einfahrt, steige aus und inspiziere die Kette. Sie ist stabil, das Vorhängeschloss ist blank und macht einen regelmäßig gebrauchten Eindruck. Ich setze mich wieder in den Wagen. Die Zeit verrinnt. Die lange Fahrt fordert ihren Tribut. Ein Klopfen lässt mich aus dem Schlaf aufschrecken. Neben der Fahrertür steht ein mittelalter, schlanker und hochgewachsener Mann. Er bedeutet mir mimisch, dass er etwas sagen will. Ich öffne das Fenster. Er stellt sich als Monsieur Benoît Desbans vor. Er sei der Hotelier und habe sich beeilt, um schnell zurückzukommen, nachdem ihn seine Frau angerufen und auf unsere Ankunft aufmerksam gemacht habe. Ich entschuldige mich für unser viel zu frühes Erscheinen. Er will davon nichts wissen, entriegelt die Kette, besteigt sein hinter mir abgestelltes Auto, fährt an mir vorbei und gibt Zeichen, ihm zu folgen.

Verborgenes Kleinod

Das Haupthaus des Hôtel Domaine de Châtenay au Mans, ehemals ein Gut

Das Haupthaus des Hôtel Domaine de Châtenay au Mans, ehemals ein Gut

So etwas wie ein Himmelbett

So etwas wie ein Himmelbett

Der Waldweg ist ordentlich lang. „Arme Petra“, denke ich. Zugleich packt mich das gute Gewissen ob der gesundheitsfördernden Maßnahme, die ich ihr verschaffen konnte. Schließlich fahre ich vor dem wunderschönen, kleinen Herrenhaus vor. Neben

dem Haupthaus befindet sich ein weiteres Gebäude, das ursprünglich als Stallung gedient haben mag und welches heute weitere Gästeunterkünfte bereit hält. Wir, Petra und ich, unterhalten uns noch mit Bruder und Schwester. Anschließend zeigt uns Benoît – so sollen wir ihn anreden – die Unterkunft, bietet uns Kaffee an und bringt Getränke auf das Zimmer.

Die vierzehnjährige Schäferhündin...

Die vierzehnjährige Schäferhündin…

...und sie hat siebzehn Jahre auf dem Buckel

…und sie hat siebzehn Jahre auf dem Buckel

In welchem Hotel wird man bereits um acht Uhr morgens aufs Zimmer gelassen, obwohl der Anreisetermin erst um vierzehn Uhr vereinbart ist! Das Hotelzimmer ist schön, gemütlich und anheimelnd, mit so etwas wie einem Himmelbett. Wir laden das Gepäck aus und halten eine kurze Siesta. Anschließend setzen wir uns mit einem weiteren Kaffee draußen unter das Dach einer Kommunikationsecke und beobachten zwei Hunde, die neugierig beobachtend auf uns zukommen. Die beiden, eine 14-jährige deutsche Schäferhündin und eine sage und schreibe 17-jährige Husky-Hündin, beide toppfit, sind primär an Goya interessiert. Sorgen, die wir haben könnten, erweisen sich als unbegründet. Nach kurzem Schnuppern und grüßendem Wedeln mit dem Schwanz legen sie sich abseits hin.

Kurzbesichtigung einer Kirche

Eine Seite der Kathedrale Saint-Julien du Mans

Eine Seite der Kathedrale Saint-Julien du Mans

Die romanisch-gotische Kathedrale Saint-Julien du Mans wirkt außerordentlich wuchtig

Die romanisch-gotische Kathedrale Saint-Julien du Mans wirkt außerordentlich wuchtig

Gegen 11Uhr30 brechen wir auf, um die Gegend zu erkunden und zu sehen, was uns in Le Mans erwartet. Ich habe mir tags zuvor beim Weintrinken die Kniescheibe derart angeschlagen, dass ich kaum gehen kann. Weichei, stellt Petra fest. Wir stellen das Auto in der Nähe der Kathedrale Saint-Julien du Mans ab. Petra muss sie alleine besichtigen, ich muss mit Hund leider draußen bleiben.

Die romanisch-gotische Kathedrale ist von außen betrachtet trotz fehlenden hohen Turmes im wahrsten Sinne des Wortes eine Wucht. Wie Petra berichtet, wird ihr Inneres von beeindruckender, schlichter Eleganz beherrscht. Pracht zeige sich nur an wenigen Stellen, dafür umso hervorstechender, wie beispielsweise die ungewöhnlichen Strebepfeiler im Chor, die Ausmalung der Gewölbe oder die wunderbaren Glasmalereien der Kirchenfenster beweisen. Der Versuch eines Rundgangs durch die Altstadt hinter der Kathedrale entlang der gallo-römischen Stadtmauer aus dem dritten Jahrhundert, von der um 1980 ein Teil wieder freigelegt worden war, muss abgebrochen werden, weil er für mich zu beschwerlich ist. Die Mauer ist ein Beleg für die architektonische und künstlerische Fertigkeit des Architekten.

Jedoch, warum ist Le Mans hauptsächlich in der Männerwelt so bekannt? Richtig! Wegen des (Petra: „angeblich“) legendären 24-Stunden-Rennens mit seinen (Petra: „angeblich“) so legendären Starts. Also fasse ich die Beschlüsse, erstens morgen zum Circuit zu fahren, zweitens jetzt einen Kaffee zu trinken. Da wir zur Mittagszeit keine Lokalität finden können, in welcher ohne größeren Verzehr lediglich etwas getrunken werden kann, fahren wir zurück ins Hotel. Da gibt’s einen einfachen, nackten Milchkaffee. Danach fasst Petra den Beschluss, am morgigen Tage vor der Besichtigung der Rennstrecke den „legendären“ Foire aux Oignons, den Zwiebelmarkt in Le Mans zu besuchen. Ich bin einverstanden, äußere jedoch von meinem lädierten Knie untermauerte Bedenken. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Petra mein Leiden nicht so recht ernst nimmt.

Fünf-Gänge-Menü in einer Mühle

Der von M. Benoît eigens für seine Gäste angefertigte Lageplan der 'Alten Mühle' in Neuville-sur-Sarthe

Der von M. Benoît eigens für seine Gäste angefertigte Lageplan der ‚Alten Mühle‘ in Neuville-sur-Sarthe

Nach Suchfahrt gefunden: Der Eingang zum 'Vieux Moulin' in Neuville-sur-Sarthe

Nach Suchfahrt gefunden: Der Eingang zum ‚Vieux Moulin‘ in Neuville-sur-Sarthe

Der Hunger meldet sich bei uns mit Macht. Auf Anraten von Benoît brechen wir gegen 18Uhr30 nach Neuville-sur-Sarthe auf. Dort befinde sich das „Vieux Moulin“, ein ausgezeichnetes Restaurant in traumhafter Lage. Die von Benoît zeichnerisch gefertigte Wegbeschreibung – eine vom Navigator akzeptierte Benennung der Örtlichkeit hat er nicht – lässt keinesfalls auf die tatsächliche Entfernung schließen. Zu guter Letzt führt sie gar in die falsche Richtung. Glücklicherweise entdecken wir nach rund zehn Kilometern Fahrt durch eine sehr natürliche Landschaft ein Hinweisschild und erreichen das Ziel.

Der malerische Blick von der Terrasse des Restaurants auf die angestaute Sarthe

Der malerische Blick von der Terrasse des Restaurants auf die angestaute Sarthe

Es ist idyllisch an einem wegen des Mühlenbetriebes vor Jahrhunderten künstlich angestauten See mit kleinen Wasserfällen gelegen, eingerahmt von altem Baumbestand. Das Essen ist hervorragend. Wir genießen auf der Terrasse bei angenehmen Außentemperaturen und wundervollem Ausblick ein fünf-Gänge Menu, welches als absoluten geschmacklichen Höhepunkt Jakobsmuscheln mit einer leichten Safran-Buttersoße, angedünstetem Lauch und Zwiebelconfit bietet.

Vor der Rückfahrt lassen wir Goya in der hereinbrechenden Dämmerung ein wenig im Wasser der Sarthe toben. Im Hotelzimmer gibt es für ihn zu fressen. Auf dem obligatorischen mitternächtlichen Hundespaziergang werden wir von einer Eule und von Fledermäusen begleitet. Wir glauben, ganz deutlich die schwarz-roten Mäntelchen erkennen zu können. Selbst dem Hund scheint das Ganze unheimlich zu sein. Wir treffen noch auf Benoît, der uns bittet, die Lichter im Haus zu löschen und hinter uns abzuschließen. A demain!

Freitag, 2. September 2016

Wir verbringen die laue Nacht in Antiquitäten bei unglaublicher Stille. Das Fenster ist geöffnet. Bis auf die Rufe verschiedener, nachtaktiver Tiere und das Spiel des Windes mit dem Laub der Bäume ist nichts zu hören. Haben wir zuerst noch Schwierigkeiten, der Stille wegen einzuschlafen, fallen wir beide dann doch in einen tiefen Schlaf. Von den am Nachmittag zuvor eingetroffenen Gästen haben wir nichts mitbekommen.

Auf dem Weg zum Frühstücksraum durchqueren wir Vergangenheit

Auf dem Weg zum Frühstücksraum durchqueren wir Vergangenheit

Das Frühstück mit sehr persönlichem Service von Benoît Desbans

Das Frühstück mit sehr persönlichem Service von Benoît Desbans

Um acht Uhr in der Früh‘ bin ich wach. Petra ist nicht ansprechbar. Sie schläft noch. Sie schläft erstaunlicherweise ohne zu schnarchen. Das Duschen erweist sich als kleines Abenteuer. Ständig wechselt die Temperatur von angenehm nach eiskalt. Schimpfend versuche ich immer wieder, korrigierend einzugreifen, kann jedoch den gefühlten Verbrühungen nicht entgehen. Offenbar verrichten andere Gäste im Haus zeitgleich ihre Morgentoilette. Frisch geduscht, entmüffelt und angekleidet mache ich mich mit dem Hund auf dessen morgendlichen Spaziergang. Die Strecke zur Straße hin und wieder zurück ist für Goya ideal und in mir weckt sie die Lebensgeister. Alleine mein Knie sagt mir mit jedem Schritt: „Aufhören, aufhören!“ Zurück im Hotel stelle ich erfreut fest, dass sich Petra bereits in vorzeigefähigem Zustand befindet. Beide begeben wir uns in den Frühstücksraum. Der Weg dahin lässt in mir den Eindruck entstehen, ins 18. Jahrhundert zurückversetzt worden zu sein. Das Frühstück ist ausgezeichnet. Benoît gibt sich die größte Mühe, seine Gäste zufriedenzustellen.

Ein Zwiebelmarkt ohne Zwiebeln

Das Auto wartet bereits, im Hintergrund eines der zu barrierefreien Ferienwohnungen umgebauten, ehemaligen Nebengebäude

Im Hintergrund eines der zu barrierefreien Ferienwohnungen umgebauten, ehemaligen Nebengebäude

Noch herrscht wegen der Terrorgefahr offiziell der Ausnahmezustand

Noch herrscht wegen der Terrorgefahr offiziell der Ausnahmezustand

Gestärkt machen wir uns auf den Weg nach Le Mans zum Foire aux Oignons, dem Zwiebelmarkt, der einmal im Jahr jeweils am ersten Freitag im September stattfindet. In unmittelbarer Nähe eines der Zugänge zur Avenue de la Libération ergattern wir einen regulären, kostenlosen Parkplatz. Auffällig sind die Absperrungen sowie die hohe Präsenz der Polizei.

Viele Zugänge zum Markt sind mit Betonzylindern geschützt

Viele Zugänge zum Markt sind mit Betonzylindern geschützt

Ich erinnere mich: In Frankreich ist ja offiziell der Ausnahmezustand verkündet. Die Angst vor Terroranschlägen beherrscht weiter das öffentliche Leben – zumindest von Seiten der Verwaltung. Die Menschen auf dem Markt verhalten sich dagegen recht gelassen und sind zahlreich vertreten. Allerdings sind wir beide ziemlich ernüchtert. Wir haben uns etwas anderes unter dem Foire aux Oignons vorgestellt. Da sind zwar einige (wenige) Stände mit Knoblauch, Zwiebeln und anderem Gemüse, den meisten Platz auf der langen Avenue jedoch belegen Stände mit Lederwaren, Klamotten und Dingen, die niemand braucht. Merkwürdig erscheinen uns Menschen, die jeweils im Abstand von 30 Metern mitten auf der Straße auf einem Tischchen einen Hund oder eine Katze sitzen haben und versuchen, die Besucher in ein Gespräch über Tiere, Tierschutz und die Hilfsbedürftigkeit der ausgestellten Wesen zu verwickeln. Es ist nichts anderes, als der Versuch, an das Mitleid der Besucher zu appellieren, um an Geld zu kommen.

Auf der Avenue de la Libération wohnen offenbar ärmere Menschen

Auf der Avenue de la Libération wohnen offenbar ärmere Menschen

Der Zwiebelmarkt hat ordentliche Ausmaße

Der Zwiebelmarkt hat ordentliche Ausmaße

Man könnte sagen, es handelt sich um eine Spelunke

Man könnte sagen, es handelt sich um eine Spelunke

Ich fange fotografisch einige Impressionen von Straßensperren, Polizei, Menschen und Gebäuden ein. Mir fällt auf, dass die Avenue de la Libération ein ziemlich wildes und sozial problematisches Viertel zu sein scheint. Dafür sprechen die Optik verschiedener Lokale und Kneipen, nur unzulänglich verborgen hinter Marktständen, sowie das Erscheinungsbild der hier beheimateten Leute.

Fast die ganze Strecke entlang Marktübliches

Fast die ganze Strecke entlang Marktübliches

Musik, Getränke und Essen in einer Kneipe mit ausnahmsweiser Außengastronomie

Musik, Getränke und Essen in einer Kneipe mit ausnahmsweiser Außengastronomie

Wie in vielen anderen französischen Städten sind viele der Menschen offensichtlich afrikanischer Herkunft, was vor dem Hintergrund der kolonialen Vergangenheit Frankreichs nicht weiter verwundert. Wir beschließen, den Zwiebelmarkt zu verlassen. Ich freue mich auf den „Circuit des 24 Heures du Mans“. Bereits im Jahr 1923 hat hier das erste 24-Stunden-Rennen überhaupt stattgefunden. Es war als Test für die Zuverlässigkeit der Autos gedacht.

An der Rennstrecke

Der Haupteingang zum Circuit des 24 Heures du Mans

Der Haupteingang zum Circuit des 24 Heures du Mans

Am Haupteingang angekommen stelle ich erfreut fest, dass es so gut wie keine Besucher hierher verschlagen hat. Ein Parkplatzproblem gibt es nicht. Leider dürfen Hunde weder mit ins Museum, noch in das im Museum befindliche Café, und im Auto wollen wir Goya wegen der Sonne nicht zurücklassen.

Petra macht ihr Desinteresse mehr als deutlich: „Geh‘ Du nur, lass mich zurück. Ich finde schon ein Plätzchen, wo ich auf Dich warten kann“, lässt sie mich mit zittriger Stimme wissen. Also löse ich eine Eintrittskarte für mich alleine. Petra zieht sich auf die Terrasse vor dem Gebäude zurück, wo es ebenfalls Tische und Stühle gibt, jedoch ohne Restauration.

Die erste Kurve auf dem Circuit des 24 Heures du Mans nach Start / Ziel ist eine Rechtskurve bergauf

Die erste Kurve auf dem Circuit des 24 Heures du Mans nach Start / Ziel ist eine Rechtskurve bergauf

Blick auf die Sitzreihen der Zuschauer von der anderen Seite der Rennstrecke aus

Blick auf Sitzreihen der Zuschauer von der anderen Seite der Rennstrecke aus

Die Anzahl der im Museum ausgestellten Autos – fast ausnahmslos solche, die hier an Rennen teilgenommen haben – sowie die Dokumentationen sind umfangreich. Alleine, mit dem Gefühl der draußen wartenden, armen Petra kommt in mir keine Ruhe auf. Mein Gewissen quält mich ohne Unterlass. Ich eile durch die Ausstellung, sehe mir das eine oder andere Ausstellungsstück etwas genauer an und fotografiere einige der unzähligen Sportwagen. Schließlich wende ich mich der Rennstrecke zu.

In der Boxengasse wird das Training mit Formel-Doppelsitzern vorbereitet

In der Boxengasse wird das Training mit Formel-Doppelsitzern vorbereitet

Leider lassen es die Schmerzen in meinem Knie nicht zu, dass ich mich von der Zielgeraden aus in die Unterführung begebe, um ins Fahrerlager und vielleicht sogar in die Boxengasse zu gelangen. Ich kann von gegenüber Formel-Doppelsitzer erkennen und Menschen, die dort herumwerkeln. Ich befinde mich bereits auf dem Rückweg, als sich die Boliden in Bewegung setzen, für mich zu spät. Mein Abenteuer „Circuit des 24 Heures du Mans“ hat gut eine Stunde gedauert. Goya freut sich über meine Rückkehr. Petra hängt merkwürdig verkrümmt auf einem Stuhl, schlafend! Die angenehme, spätsommerliche Wärme hat sie in das Land der Träume entführt. Letztlich bin ich froh, wieder im Auto zu sitzen.

Bewundernswert flexibel

Während des improvisierten Mahls beobachten wir in der Sarthe einen Optimisten

Während des improvisierten Mahls beobachten wir in der Sarthe einen Optimisten

Wir haben Hunger, also beschließen wir, noch einmal in die alte Mühle zu fahren, um ein Mittagessen einzunehmen. Erstens war es dort am Abend zuvor perfekt, zweitens ausgesprochen schön. Zuerst haben wir Pech, denn bei unserer Ankunft wird die Küche aufgeräumt – es ist bereits nach halb drei. Dann haben wir Glück, denn das Personal ist so nett und erklärt sich bereit, für uns jeweils eine Portion Weinbergschnecken an Kräuterrisotto in der Nähe von gedünsteten, leicht getrockneten Kirschtomaten in Rotweinreduktion mit Knoblauch unter etwas Entenstopfleber zuzubereiten – ein „Reste-Essen“ der ganz besonderen Art. Und es war göttlich! Nach einem kurzen Planschvergnügen für Goya fahren wir zurück ins Hotel.

Ein internationales Stelldichein

Nach Siesta und Hundespaziergang gesellen sich vor dem Haus unter dem Baldachin Gäste aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich zu uns. Wie wir sind alle auf der Durchreise. Das deutsche Ehepaar möchte in der Bretagne den Spuren Bannalecs folgen. Wir können ihnen so einige Ratschläge mit auf den Weg geben. (Siehe Link) Zwei holländische Schwestern sind mit ihren Hunden auf dem Weg in den Norden der Bretagne. Den Schlenker über Le Mans machen sie, um Benoît zu besuchen, dessen Haus sie das erste Mal bereits vor vielen Jahren auf einer anderen Durchreise zu schätzen gelernt haben. Die drei Franzosen sind Geschäftsleute, die sich hier in der Abgeschiedenheit für ein konspiratives Treffen, wie es scheint, verabredet haben. Es wird ein angenehmer und unterhaltsamer Abend.

Samstag, 3. September 2016

Fast finden wir es schade, schon heute die Domaine de Chatenay zu verlassen. Wir packen, frühstücken, gehen mit Goya spazieren und machen uns gegen elf Uhr auf den Weg nach Penmarc‘h. Das Hotel werden wir in sehr guter Erinnerung behalten. Für die restlichen vierhundert Kilometer haben wir inklusive Pausen knapp fünf Stunden veranschlagt.

Mauststelle auf dem Weg in das Finistère. In der Bretagne selbst gibt es die nicht.

Mauststelle auf dem Weg in das Finistère. In der Bretagne selbst gibt es die nicht.

Goya, wie immer mit Engelsgeduld, wird versorgt

Goya, wie immer mit Engelsgeduld, wird versorgt

Die eintönige Fahrerei ist ermüdend. Der Tempomat und die neben mir schnarchende Petra tun ein Übriges. Ich höre Musik. Kurz vor vier Uhr nachmittags – nach Penmarc’h sind es nur noch wenige Kilometer – wird in Plomeur meine Geduld an einer abenteuerlichen Baustelle auf die Probe gestellt. Petra wacht auf. Albert meldet sich telefonisch und verkündet, bereits angekommen zu sein. Er könne jedoch an der angegebenen Adresse zwar das Haus, jedoch keinen Zugang finden. Na ja, wir haben ja die Telefonnummer der Vermieterin und gehen davon aus, diese jederzeit erreichen zu können. Dann geht es endlich weiter. Wir durchqueren Penmarc‘h. Saint Guénolé ist bereits ausgeschildert. Die letzten Kilometer fahren wir durch Straßen mit Häusern, denen deutlich der Zahn der Zeit anzusehen ist.

Irritationen

Leer stehender Vergnügungsschuppen auf dem Weg zum Ferienhaus

Leer stehender Vergnügungsschuppen auf dem Weg zum Ferienhaus, stark renovierungsbedürftig

Der Eindruck, den St.-Guénolé auf uns macht, ist traurig. Wir passieren den Fischereihafen und biegen in die „Zielstraße“, Rue des Embruns, direkt am Meer ein. Wir versuchen gemeinsam, die Informationen, welche wir dem Internet entnommen hatten, zu rekapitulieren: Ferienort mit dem Charme der Fischereiwirtschaft. Ein Fischereihafen mit moderner Versteigerungshalle, hinter dem Fischereihafen die Rochers, die Felsen, die seit Menschengedenken dem Ansturm der Wellen des offenen Atlantiks trotzen. Da stand nichts von Konservenfabriken, die nicht mehr produzieren.

Je weiter wir in den Ort hineinfahren, desto mulmiger wird uns. Saint-Guénolé befindet sich offenbar inmitten eines grundlegenden Strukturwandels: Wegfall der Sardinenverarbeitung, Aufbau der Tourismusbranche. Wir überlegen, wer von uns beiden dieses traumhafte Feriendomizil gefunden hat. Ich bin sicher, Petra war’s. Petra ist sicher, ich war’s. Wir haben uns offenbar von den geschickt aufgenommenen Fotos täuschen lassen. Und wir fühlen uns ja den anderen gegenüber verantwortlich. Was sollen die denken?

Ein tröstlicher innerer Eindruck

Erster Eindruck von St.-Guénolé - stark renovierungsbedürftig

Gebäude eines ehemaligen Betriebes für die Verarbeitung von Hering

Man dreht sich um und sieht den Eingang zum Ferienhaus. Hinter dem Gebäude liegt das Meer

Man dreht sich um und sieht den Eingang zum Ferienhaus. Hinter dem Gebäude liegt das Meer

Wir biegen rechts ab in die Rue des Embruns und entdecken sofort Albert mitten auf der Straße stehend. Das Haus auf der rechten Seite erkenne ich und wir halten an. Silvia hat uns auch erblickt und steigt vom Aussichtsfelsen herab. Ich stelle den Wagen ab und ziehe umgehend mit Albert und Goya los, damit dieser etwas Auslauf hat. Silvia und Petra umrunden das Carrée. Sie treffen auf der Rückseite auf eine Frau, die rauchend vor dem Eingang zu ihrem Haus auf der gegenüberliegenden Seite steht und die wir noch besser kennenlernen sollen: Claudine C. Weil in diesem Ort fast jeder jeden kennt, weiß sie auch, wo wir unsere Vermieterin treffen können. Die ist nämlich schon da. Sie steht auf der Empore des Hauses gegenüber vor der Wohnungstür auf der vom Meer abgewandten Seite, offensichtlich in Erwartung unserer Ankunft.

Der Blick vom Balkon des Ferienhauses auf die Rochers und das Meer

Der Blick vom Balkon des Ferienhauses auf die ‚Rochers‘ und das Meer

Das wirkt bedrohlich! Auf einem Warnschild mit Rettungsring wird auf die 'Sterbliche Gefahr' hingewiesen

Das wirkt bedrohlich! Auf einem Warnschild mit Rettungsring wird auf die ‚Sterbliche Gefahr‘ hingewiesen

Die Besichtigung versöhnt uns. Die Wohnung ist hell, großzügig und erstreckt sich über zwei Etagen. Im Hochparterre befindet sich der große, dem Meer zugewandte Wohnbereich mit offener Küche. Zur anderen Seite hin befinden sich ein Schlafzimmer und ein Badezimmer plus Extratoilette. Ein über die ganze Breite des Wohnzimmers verlaufender, rund zwei Meter tiefer Balkon vervollständigt den positiven Eindruck. In der oberen Etage befinden sich zwei Schlafzimmer zur Meerseite, eines mit Balkon, und ein Badezimmer. Ganz unten auf der Straßenebene gibt es eine von der Rückseite her zugängliche große Garage für zwei PKWs. Man kann von innen über eine Treppe in den Wohnbereich gelangen. Kleiderschränke sind allerdings Mangelware. Nun, zwei Wochen lang werden wir uns damit arrangieren können.

Eine faszinierende Umgebung

Ein erster Spaziergang auf den 'Rochers'

Ein erster Spaziergang auf den ‚Rochers‘

Wie dahingewürfelt stehen die um diese Jahreszeit weitgehend verlassenen Ferienhäuser auf den Felsen herum

Wie dahingewürfelt stehen die um diese Jahreszeit weitgehend verlassenen Ferienhäuser auf den Felsen herum

Nach der Zimmerverteilung gehe ich mit Albert und dem Hund nochmals nach draußen. Wir haben entdeckt, dass es nur ein paar Meter weiter wunderbare Möglichkeiten gibt, auf den Felsen völlig gefahrlos entlangzugehen. Silvia und Petra versuchen währenddessen, die Zutaten für ein Abendessen zu erjagen. Jedoch, die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort sind katastrophal, anders kann man es nicht ausdrücken. Es gibt keinen Super U, stattdessen einen ziemlich schäbigen, heruntergekommenen Intermarché. Wir haben uns alle sehr auf fangfrische Crevetten und Artischocken als Urlaubsessensauftakt gefreut.

Die 'Letzte Crèperie vor Amerika'

Die ‚Letzte Crèperie vor Amerika‘

Weil der Kühlschrank leer bleibt, bleibt uns nichts anderes übrig, als essen zu gehen. Verwöhnt vom vergangenen Jahr machen wir uns guten Mutes auf, eine Crèperie zu suchen. Da gibt es keine große Auswahl. Der Hunger lässt uns schließlich direkt am Hafen in einem einfachen Restaurant mit billigem Mobiliar und ausgeprägtem Plastikflair stranden. „Letzte Crèperie vor Amerika“ steht da. Das hat was! Wir bestellen blind und ohne großartige Erwartung Pastis (alle), Bier (Albert+Petra), Cidre (Silvia+ich), Galette complète (Silvia+Albert), Moules frites (ich) sowie Fischsuppe (Petra). Erfreulicher Weise ist das Essen erheblich besser, als es das Ambiente erwarten lässt.

Zurück in der Ferienwohnung räumen wir erst einmal alles aus und ein. Nachts gehe ich mit Albert und Goya ein weiteres Mal spazieren und einigermaßen versöhnlich gestimmt legen wir uns schlafen. Das ohrenbetäubende Getöse der Wellen in den Felsen findet Petra herrlich – im Gegensatz mir.

Sonntag, 4. September 2016

Morgendämmerung in der Bretagne, im Finistère, am Ende der Welt. Es regnet. Der Blick über das Meer ist geheimnisvoll, die Gischt, die über den Felsen von Saint-Guénolé hängt, lässt die Urgewalt der Brandung erkennen.

Regel und Nebel begleiten den Spaziergang

Regel und Nebel begleiten den Spaziergang

Noch eine Warnung vor der gefährlichen Brandung: ‚Viele Menschenopfer‘.

Ich mache mich mit Goya auf. Wir beide marschieren durch den Regen schnurstracks auf die Felsen zu. Das Wasser hat sich hier überall bildhauerisch betätigt. Den Gesteins-Interpretationen sind keine Grenzen gesetzt. Der Weg auf den Rochers ist breit. Der Ort ist zersiedelt. In Deutschland hätte man für keines der Häuser, direkt auf den Felsen verstreut, eine Baugenehmigung erhalten. Offenbar handelt es sich um Ferienhäuser. Die meisten sind verrammelt, kein Wunder bei den hier im Spätherbst zu erwartenden Stürmen. Nur einige wenige Touristen sind zu sehen. Auf dem Rückweg gehe ich noch ein wenig durch das Dorf, vorbei an den Gebäuden stillgelegter Fischverarbeitungs- und konfektionsstätten sowie an Hotels und an Häusern, die zum Verkauf stehen.

Angler halten sich denn auch in repektvoller Entfernung auf

Angler angeln denn auch in repektvoller Entfernung.

Vom Wasser geschaffen: Ein Dinosaurier.

Vom Wasser geschaffen: Ein Dinosaurier.

Die Straßen sind wie ausgestorben. Einzig ein imposantes Gebäude direkt an den Felsen soll offenbar wieder zum Leben erweckt werden. Es handelt sich um die schlossartige „Villa des Goélands“, die, umgeben von einer Mauer in einem parkartigen Gelände gelegen, eine wechselvolle Vergangenheit aufzuweisen hat.

Eierbecher aus Eierverpackung zurechtgeschnitten

Eierbecher aus Eierverpackung zurechtgeschnitten

Zurück in der Ferienwohnung hat Albert bereits Croissants und Baguettes besorgt. Eierbecher sind in der Küche nicht zu finden. Also macht Albert den McGyver: Er schneidet von den „pappenen“ Zehner-Eierkartons jeweils einen doppelten Behälter ab. So können wir die weichgekochten Frühstückseier umfallfrei hineinstellen und im Parallelbehälter die Eierschalen unterbringen, oder Salz.

Markt in Guilvinec

Markt n den engen Straßen von Le Guilvinec

Markt n den engen Straßen von Le Guilvinec

Misstrauisch beobachtet der Händler während des Bezahlens einen Interessenten

Misstrauisch beobachtet der Händler während des Bezahlens einen Interessenten

Gebackene Coiffes, Hauben der Bigouden

Gebackene Coiffes, Hauben der Bigouden

Gegen elf Uhr vormittags haben wir fertig gefrühstückt. Wie zum Gruß schickt die Sonne ihre ersten Strahlen zu uns hinab. Wir müssen dringend Essensvorräte anlegen. In Anbetracht der Einkaufswüste Saint-Guénolé brechen wir nach Le Guilvinec auf, wo auch noch Markt abgehalten wird. Wie üblich sind wir, markttechnisch betrachtet, zu spät dran, um all das erwerben zu können, was wir gerne gehabt hätten. So sind die Austernkörbe – es gab sogar Bélon-Austern – gähnend leer. Nur zwei Preisschilder zeugen von deren früheren Existenz. Wir hetzen über den Markt auf der Suche nach Artischocken und entdecken tatsächlich welche, violette.

Ausstellung beeindruckend schlimmer Bilder von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer

Ausstellung in Guilvinec von beeindruckend schlimmer Bilder von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer

Am Strand von Kérity

Am Strand von Kérity

In der Ferienwohnung gibt es keinen ausreichend großen Kochtopf für die Kawenzmänner. Egal, wir werden sie in Folie zusammen mit Zitronenscheiben einwickeln und im Backofen garen. Begleitet von selbstgemachter Mayonnaise ist das ein kulinarisches Vergnügen. Der Artischockenstreik aus dem vergangenen Jahr ist Geschichte. Wir erstehen weiteres Gemüse sowie Gewürze, Kräuter und Käse. Anschließend lassen wir uns im Außenbereich eines Cafés nieder und stärken uns mit Café au Lait und einer Flasche Cidre. Dann ist Goya dran. Wir suchen nach einem Strand und finden den Plage du Stêr, der sich ziemlich genau zwischen Le Guilvinec und Kérity erstreckt. Goya freut sich über den Spaziergang. Dann setzen wir uns auf eine Bank und genießen Meer, Sonne, Sandstrand und die leichte Brise ohne auch nur einen einzigen Touristen – außer uns natürlich.

Wir haben jetzt 16 Uhr und es wird es Zeit, Kuchen für den Nachmittagskaffee und Baguettes für das Abendbrot zu besorgen. Nach dem Kaffee begebe ich mich mit Albert und Goya auf den Nachmittagsspaziergang. Silvia und Petra ruhen uns währenddessen aus. Am Abend gibt es die ersten Artischocken. Sie munden allen. Doppelkopf schließt den Abend ab.

Montag, 5. September 2016

Spaziergang mit Hund auf den Felsen: Gerade hat es noch geregnet, schon klart es wieder auf

Spaziergang mit Hund auf den Felsen: Gerade hat es noch geregnet, schon klart es wieder auf

Er scheint sich als regelmäßiges Event einzurichten, der Regen am frühen Morgen. Aber, wie wir bereits vergangenes Jahr erfahren haben, in der Bretagne ändert sich ja das Wetter oft innerhalb weniger Minuten grundlegend. So auch jetzt: Das Spiel der Wolken, deren ständig wechselnde Formen sind eine wunderbare Show. Letztlich setzt sich immer wieder die Sonne durch. Ich gehe mit Goya zusammen los auf die Felsen, fotografiere und relaxe ein wenig auf einer Bank. Heute Nachmittag erwarten wir unsere Freunde Susanne und Michael, echte Globetrotter, die in einem als Wohnwagen getarnten VW-Bus unterwegs sind und uns ein paar Tage lang in Saint-Guénolé besuchen wollen.

Ein endloser Strand

Am Plage de Pors Carn / Plage de la Torche, kein Mensch am Strand zu sehen

Am Plage de Pors Carn / Plage de la Torche, kein Mensch am Strand zu sehen

Wo es ordentlich an den Strand brandet sind Surfer nicht weit

Wo es ordentlich an den Strand brandet sind Surfer nicht weit

Nach meiner Rückkehr ist bereits das Frühstück bereitet. Gemeinsam konsultieren wir die Landkarte und beschließen, die unmittelbare Umgebung im Norden von Saint-Guénolé zu erforschen. Petra hat in diesem Zusammenhang wieder einmal einen Kalvarienberg entdeckt. Es soll sich um den ältesten und schönsten der gesamten Bretagne handeln: Der Kalvarienberg der Kapelle Notre Dame de Tronoën, in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts von Templern erbaut. Glücklicherweise liegt er sozusagen gleich um die Ecke des berühmten Strandes Plage de Pors Carn / Plage de la Torche, der wiederum nach Norden lückenlos in den Plage de Kermabec übergeht, zehn Kilometer feinster Sandstrand, nur kurz vom Pointe de la Torche unterbrochen. Wegen der pausenlos auf den flachen Strand rollenden Wellen ist dieser Abschnitt des Finistère bei Surfern und solchen, die es werden wollen, sehr beliebt, wovon auch die zahlreichen Surfschulen Zeugnis ablegen.

Wellenreiten für Anfänger

Hier wird geübt. Mehrere Surfschulen bieten Unterricht an

Hier wird geübt. Mehrere Surfschulen bieten Wellenreit-Unterricht an

Die Möwen scheinen beim Wellenreiten auf ihre Art mitzumachen

Die Möwen scheinen beim Wellenreiten auf ihre Art mitzumachen

Im Moment teilen wir uns den im gleißenden Licht liegenden, nicht enden wollenden Strand mit sehr wenigen Leuten, obwohl die Sonne von einem fast wolkenlosen Himmel herabscheint. Die Wellen des tiefblauen Meeres bauen sich weit draußen langsam auf. Die geübten Surfer lassen sich von diesen dann an den Strand tragen. Die weniger geübten werden, wild mit den Armen rudernd, vom Wasser verschluckt. Silvia entdeckt im Sand Hufspuren. Sie meint, die Abdrücke eines der hier äußerst seltenen Eselpinguine erkennen zu können. Laut lachend machen wir uns auf den Weg zum Auto.

Notre Dame de Tronoën, eine kliene gotische Kirche

Notre Dame de Tronoën, eine kliene gotische Kirche

Petra kann von Kirchen und Kalvarienbergen kann gar nicht genug bekommen. Notre Dame de Tronoën ist nicht schwer zu finden. Den Turm der Kapelle kann man schon von weitem sehen. Gegenüber dem Kalvarienberg befindet sich ein Parkplatz. Dort angekommen müssen wir feststellen, dass sich hier scheinbar sämtliche Touristen, die derzeit in der Bretagne unterwegs sind, ein Stelldichein geben. Der Kalvarienberg gehört zu der kleinen gotischen Kirche Notre Dame de Tronoën. Diese ist, wie die meisten bretonischen Kirchen und Kathedralen, aus Granit erbaut. Im Gegensatz zum Prunk in den vielen anderen Kirchen mit Calvaires, die wir gesehen haben, ist das künstlerische Dekor dieser Kirche sehr einfach gehalten. Die Raumaufteilung des rechteckigen Bauwerkes verleiht der Kirche eine gewisse Größe. Die wird unterstützt von der Ausarbeitung der Säulen, die in steinerne, gotische Kreuzrippengewölbe – ein typisches Merkmal der gotischen Architektur – übergehen. Die Kreuzrippen haben die Aufgabe, die Druck- und Schubkräfte des Gewölbes auf die Pfeiler abzuleiten. Die neuen Fenster mit den Glasmalarbeiten von Michel Petit aus dem Jahr 1990 harmonisieren durch deren diskrete Ausführung mit der Architektur.

Vielfältige Darstellungen

Die Kirche Notre Dame de Tronoën ist innen im Gegensatz zu den meisten anderen Calvaires sehr einfach und nüchtern ausgestattet

Die Kirche Notre Dame de Tronoën ist innen im Gegensatz zu den meisten anderen Calvaires sehr einfach und nüchtern ausgestattet

Der Kalvarienberg von Notre Dame de Tronoën

Der Kalvarienberg von Notre Dame de Tronoën

Schwer zu erkennen: Am Kalvarienberg von Notre Dame de Tronoën die Darstellung von Maria im Wochenbett mit entblößter Brust

Schwer zu erkennen: Am Kalvarienberg von Notre Dame de Tronoën die Darstellung von Maria im Wochenbett mit entblößter Brust

Der Zahn der Zeit hat dem Kalvarienberg stark zugesetzt, dennoch sind die Mannigfaltigkeit der Darstellungen und die handwerkliche Fertigkeit deutlich zu erkennen. Auf einem rechteckigen Unterbau, der auf der Südseite aus Granit vom Steinbruch südlich von Scäer und auf der Nordseite aus Kersanton-Granit besteht, der leichter zu bearbeiten ist und trotzdem den Witterungsbedingungen des Meeresklimas widerstehen kann, befinden sich die vielfältigen bildhauerischen Darstellungen. Unterhalb der Kreuzigungsszene sind zwei Friese platziert, in denen Szenen des Paradieses und Bilder der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu abgebildet sind. Einmalig ist die Darstellung von Maria im Wochenbett mit entblößter Brust, daneben stehend der jugendliche oder bereits erwachsene Jesus (da streiten sich die Gelehrten), der in der linken Hand eine Art Apfel hält, welcher ihn als Weltherrscher auszeichnen soll. Mit der rechten Hand weist er nach oben zur Kreuzigung. Andere Szenen stellen beispielsweise die heiligen drei Könige dar, die Taufe im Jordan, das Abendmahl oder die Handwaschung des Pilatus. Zudem sind einzelne Statuen auszumachen, wie die Veronika mit dem Schweißtuch und der heilige Jakobus mit Pilgerstab und Muschelschale. Wir nehmen uns vor, für diesen Kalvarienberg an einem anderen Tag mehr Zeit aufzuwenden, wenn weniger Besucherandrang herrscht. Er liegt ja nicht weit entfernt von unserer Ferienwohnung.

Überlebenswichtiges Geschäft

Im Eingang zum 'Océane Alimentaire' das Bigoudenpaar mit Gesichtslöchern

Im Eingang zum ‚Océane Alimentaire‘ das Bigoudenpaar mit Gesichtslöchern

Im Anschluss an die Besichtigung fahren wir zurück nach St. Guénolé. Wir erwarten unsere Freunde Susanne und Michael und müssen noch einkaufen. Weil einer von uns die Stellung halten soll, bleibt Albert alleine zu Hause. Er lässt sich mit seiner Gitarre auf dem Balkon nieder. Ich setze mich mit Petra, Silvia und Goya zuerst einmal in ein modernes Café am Hafen. Dabei fällt uns auf, dass ein langes Gebäude vis-à-vis des Hafens, welches wir bislang nur flüchtig betrachtet und für eine Fabrik gehalten haben, in Wirklichkeit so etwas wie ein Einkaufsmarkt ist. Weil überlebenswichtige Geschäfte stets begutachtet werden müssen, beschließen wir, das „Océane Alimentaire“ umgehend aufzusuchen. Und tatsächlich, angesichts der angebotenen Waren wie konservierten Sardinen, Algen, weißem Thunfisch und Makrelen, jeweils im Glas, sowie vielen anderen typischen Produkten der Region nehmen wir einiges zum Testen mit.

Im Eingang zum Einkaufsmarkt steht auf eine Holzwand aufgemalt ein gesichtsloses Bigouden-Paar. Die Besucher sollen ihnen die individuellen Gesichter verleihen, indem sie von hinten ihre Köpfe in die eigens dafür ausgesparten Öffnungen stecken. Es ist erstaunlich, wie viele Touristen diese Gelegenheit wahrnehmen und sich von ihren menschlichen Begleitungen ablichten lassen. Auch Petra und Silvia tun das. Ich versuche, die beiden Damen durch allerlei kindische Grimassen zum Grinsen zu animieren.

Im Océane Alimentaire inspizieren wir jede Kleinigkeit. Die Damen leiden offensichtlich ob der Einkaufs-Diaspora in Saint-Guénolé unter schweren Entzugserscheinungen. Sie sind auf „Sardine“. Das meiner Meinung nach einzig Interessante hier sind zwei altertümlich erscheinende Maschinen zur Verarbeitung von Sardinen und Thunfisch, solche, mit welchen der Fisch sozusagen eingebüchst wurde. Sie stehen hier zur Dekoration und vermutlich als Hinweis auf die ursprüngliche Funktion des Gebäudes.

Gegen sechzehn Uhr sind wir vollständig. Susanne und Michael sind eingetroffen. Wir helfen den beiden dabei, zu entladen, das Schlafzimmer unten zu beziehen und sich etwas einzurichten. Ich glaube, auch sie sind etwas irritiert ob der Umgebung. Damit die beiden Neuankömmlinge gar nicht erst dazu kommen, über eine unmittelbare Weiterfahrt in optisch betrachtet gastlichere Regionen nachzudenken, brechen wir zum Phare d’Eckmühl auf der Pointe de Saint-Pierre auf. Er zählt mit seinen rund sechzig Metern Höhe zu einem der höchsten Leuchttürme Europas. Auch hier wurde Kersanton-Granit zum Bau verwendet.

Interessante Geschichte

Mit sechzig Metern Höhe zählt der Phare d’Eckmühl auf der Pointe de Saint-Pierre zu den höchsten Leuchttürmen in Europa

Mit sechzig Metern Höhe zählt der Phare d’Eckmühl auf der Pointe de Saint-Pierre zu den höchsten Leuchttürmen in Europa

Das ganze Ensemble: Der Vieille Tour (links) mit angebauter Kapelle, der vierzig Meter hohe Phare de Penmarc‘h (Mitte) und der Phare d’Eckmühl

Das ganze Ensemble: Der Vieille Tour (links) mit angebauter Kapelle, der vierzig Meter hohe Phare de Penmarc‘h (Mitte) und der Phare d’Eckmühl

Neben dem Phare d’Eckmühl stehen zwei weitere: Der Vieille Tour, nur knapp fünfzehn Meter hoch, diente von 1806 bis 1831 eher als Wach- und Signalturm. Im Jahr 1835 wurde er vom Phare de Penmarc‘h als echtem Leuchtturm abgelöst. Der ist rund vierzig Meter hoch. Aus technischen Gründen konnte er nicht erhöht werden, weshalb der Phare d’Eckmühl Ende des neunzehnten Jahrhunderts erbaut wurde und in Betrieb ging. Am Vieille Tour wurde die Kapelle Saint-Pierre angebaut. Der merkwürdige, weder französische noch bretonische Name erklärt sich aus der Geschichte des Leuchtturms: Dessen Finanzierung war seinerzeit von der Marquise Adélaïde-Louise d’Eckmühl de Blocqueville sichergestellt worden. Die Bedingung lautete: Zum Gedenken an ihren Vater Maréchal Louis Nicolas Davout, Herzog von Auerstädt, Prinz von Eckmühl musste der Leuchtturm den Namen „Phare d‘Eckmühl“ erhalten. Der Namenszusatz des ehrwürdigen Maréchal „Prinz von Eckmühl“ geht auf die am 22. Juli 1809 geschlagene Schlacht bei Eggmühl in Oberbayern zurück, in deren Anschluss Napoleon Bonaparte den Genannten solchermaßen auszeichnete. Langer Rede kurzer Sinn, wer zur Laterne des Phare d’Eckmühl aufsteigen möchte, muss dreihundertsieben Stufen bewältigen. Die Aussicht soll jedoch die Strapaze vergessen machen.

Sonnenuntergang vom Balkon aus getrachtet

Sonnenuntergang vom Balkon aus getrachtet

Michael ist plötzlich verschwunden. Nach längerem Suchen werden wir durch einen Ruf veranlasst, nach oben zu schauen. Auf der Plattform des Leuchtturms steht er, winkend. Unbemerkt von uns hat er sich entfernt und die dreihundertacht Stufen vermutlich ganz locker bewältigt. Vielleicht sollte er sich mal bei dem jährlich im Sommer stattfindenen Wettkampf anmelden. Der Rekord steht derzeit bei knapp siebenundvierzig Sekunden.

Im Anschluss an Eckmühl geht es zum Einkaufen in den Super U, endlich! Susanne und Michael wissen, wo in der Nähe einer ist. Dort erstehen wir Rochen und Lieu Jaune, auch Pollack oder Seelachs genannt. Nach einer kommunikativen Zubereitungsphase, einem leckeren Abendessen (ich persönlich muss keinen Rochen mehr essen – jetzt weiß ich, was es bedeutet, einen Rochus zu haben) und nach gemütlichem Zusammensein löst sich die Runde gegen Mitternacht auf.

Dienstag, 06. September 2016

Im Museumshafen von Douarnenez

Im Museumshafen von Douarnenez, dem Port Rhu

Vom Port Rhu aus die D207, die als Brücke den Ästuar Pouldavid überquert

Vom Port Rhu aus gesehen die D207, die als Brücke den Ästuar Pouldavid überquert

Mit Susanne und Michael an Bord ist sofort ein ganz anderer Zug drin. Die beiden sprühen vor Unternehmungslust. Wir kommen frühmorgens um elf Uhr nach unten, die Sonne kippt ihre Farbeimer ins Meer. Wir frühstücken auf dem Balkon. Anschließend machen wir uns mit zwei Autos auf nach Douarnenez. Diese Hafenstadt, am Ästuar „Pouldavid“ gelegen, wurde bereits von den alten Römern wegen ihrer besonders ruhigen Lage geschätzt. Sie diente daher den römischen Seefahrern als Zwischenstation auf dem Weg nach Britannia.

Ausblick vom von der Passerelle Jean Marin aus auf den Ausgang zum Atlantik bei Ebbe

Ausblick vom von der Passerelle Jean Marin aus auf den Ausgang zum Atlantik bei Ebbe

Die Herstellung von Garum

Douarnenez ist bekannt als Produktionsstätte für das berühmte Garum, eine Würzsoße, die wahrscheinlich in Nordafrika erfunden wurde und die aus Meeresgetier wie Thunfisch, Sardelle, Aal und/oder Makrele gewonnen wird. Die Fische werden im Ganzen, sprich mit Kopf, Karkassen, Haut, Eingeweiden und Blut, in einer Salzlake in offenen Behältern rund zehn Tage lang der Sonne überlassen. Dabei muss das entstehende Gebräu bei einer gleichmäßigen Temperatur von etwa vierzig Grad Celsius gehalten werden. Ist die Fermentation abgeschlossen, wird das entstandene Produkt ausgepresst und gefiltert. Übrig bleibt das Garum als eine honigfarbene Flüssigkeit. So fein das Endprodukt riecht, so bestialisch ist der Gestank während der Fermentation. Die Würzsoße kann für salzige und süße Speisen verwendet werden. Wir haben noch nicht herausgefunden, wo man heutzutage original hergestelltes Garum kaufen kann. Wir wissen nur, dass es verschiedene Köche gibt, die so etwas selbst produzieren. Ganz nebenbei fragen wir uns, welche Erfahrungen gemacht werden müssen, damit so etwas gegessen werden kann, wie viele Menschen dafür oder dabei sterben mussten.

Die Passerelle Jean Marin kann geöffnet werden. Sie dient zugleich als Barriere, die den Wasserpiegel im hinteren Bereich des Ästuars auf immer gleichem Niveau hält.

Die Passerelle Jean Marin kann geöffnet werden. Sie dient zugleich als Barriere, die den Wasserpiegel im hinteren Bereich des Ästuars auf immer gleichem Niveau hält.

Von Douarnenez aus wurden bis Ende des 19. Jahrhunderts rund neunzig Prozent des Weltmarktes mit Sardinen versorgt. Ungefähr vierzig Fabriken verarbeiteten die Fische. Das wurde durch die Erfindung des Prinzips der Fischkonserve möglich: Nicolas Appert entdeckte im Jahr 1795 die Konservierungsmethode, durch Erhitzen der Sardinen die Keime abzutöten und sie anschließend luftdicht in Behältern zu verschließen. Im Zuge dieser Erfindung wurde mit dem heute noch aktiven, fischverarbeitenden Unternehmen „Connétable“ die älteste Konservenfabrik der Welt gegründet. Um die Jahrhundertwende übernahmen die Amerikaner die Spitzenstellung in der Sardinenverarbeitung. Seither geht der Sardinenfang und deren Verarbeitung in der Bretagne drastisch zurück.

Die Sardinenstadt Douarnenz hat gleich vier Häfen: Den Museumshafen Port-Rhu, den Fischereihafen Port Rosmeur, den neuen Hafen sowie einen Jachthafen. Der französische Begriff für Jachthafen lautet bezeichnender Weise „Port de Plaisance“.

Unser sechs- beziehungsweise siebenköpfiges Reisegrüppchen macht Halt im Museumshafen. Da der Wasserstand ja von den Gezeiten abhängig ist und sich der Hafen weiter im Landesinneren befindet, also der Wasserstand bei Ebbe ein niederer ist, wurde ein Schleusentor eingebaut, welches den Wasserstand gezeitenunabhängig auf Flut-Niveau hält. Der Port-Rhu wurde 1993 angelegt und beherbergt das Bootsmuseum. Die hölzernen Anlegestellen wurden nach althergebrachter Technik aus dem neunzehnten Jahrhundert an den steinernen Kai angesetzt. Leider ist zum Zeitpunkt unseres Besuches eine Besichtigung nicht mehr möglich. Über die zweihundert Meter lange Grand Pont gelangt man mit dem Auto von der Stadt der Fischer zum Stadtteil Tréboul, einem Seebad mit Jachthafen. Im Westen des Seebades befinden sich die Sandstrände Saint-Jean und Sable Blancs.

Der Besuch der alten Dame

Nach einer Erfrischung in einer Kneipe direkt am Port Rhu machen sich Susanne und Michael auf, zu Fuß mit Hilfe eines Stadtplanes die Altstadt zu erkunden. Wir anderen setzen uns erst mal gemütlich auf eine Bank am Hafen, um unsere Pläne zu besprechen. Schon von Weitem können wir eine auffällige weibliche Gestalt erkennen, die leichtfüßig auf uns zukommt. Die Erscheinung entpuppt sich als ältere Dame in schickem, maritimem Look. Mit wachen Augen mustert sie uns. Wir scheinen ihr Interesse geweckt zu haben. Nach kurzem Smalltalk hält sie uns offenbar ihrer Lebensgeschichte für würdig. In der Folge entnehmen wir dem in italienischer Geschwindigkeit vorgebrachten, fünfzehnminütigen französischen Monolog, dass sie mindestens achtzig Jahre alt sein muss. Bevor sie ihren offenbar täglichen Hafenrundgang fortsetzt, wissen wir folgendes: Zum Ersten wurde sie in Douarnenez geboren. Zweitens war ihr Vater Fischer. Drittens ist ihr Vater auf See geblieben, als sie zwölf Jahre alt war. Viertens wurde sie in heiratsfähigem Alter von ihrer Mutter unter dem Vorwand, für sich selbst eine Arbeit suchen zu müssen, in Absprache mit einer anderen Fischerswitwe bei dieser untergebracht. Fünftens arbeitete sie dort als Haushälterin. Sechstens wurde sie kurzerhand im Zimmer des Sohnes der Fischerswitwe untergebracht, weil dieser auf See war. Siebtens war das alles ein abgekartetes Spiel! Denn achtens, als der Sohn nach Douarnenez zurückkehrte, fand er sein Zimmer besetzt vor und die Besetzerin ausgesprochen attraktiv. Neuntens waren sie einen Monat später miteinander verheiratet. So ist die Rechnung der beiden Mütter aufgegangen. Die alte Dame hat sowohl ihren Mann als auch die Schwiegermutter überlebt und ist als Witwe zu ihrer eigenen Mutter zurückgezogen. Heute lebt sie alleine in deren Haus und stromert jeden Tag durch die Häfen.

Die Église Saint-Herlé de Ploiré am Place Jean Gouill

Die Église Saint-Herlé de Ploiré am Place Jean Gouill

Ein Brauch: Ausgediente Boote werden Wind und Wetter überlassen

Ein alter Brauch: Auf dem Kutterfriedhof werden ausgediente Boote Wind und Wetter überlassen

Eine hügelige Stadt

Nachdem die alte Dame weitergezogen ist, haben wir keine Lust mehr, nichts zu tun. So beschließen wir, erst einmal mit dem Auto Douarnenez zu erfahren. Auf diese Weise können wir uns einen weiträumigen Überblick über die Stadt und ihre Anlage verschaffen. Douarnenez ist verhältnismäßig groß und für den erstmaligen Besucher ziemlich unübersichtlich. Interessante Ecken der Stadt liegen relativ weit auseinander. Wir machen einen eher zufälligen Umweg an einem kleinen Kutter-Friedhof vorbei. Erst im Laufe der Arbeiten an dem vorliegenden Bericht erfahre ich auf Grund entsprechender Recherchen, dass solche Friedhöfe in der Bretagne eine lange Tradition haben. Dementsprechend gibt es eine ganze Menge von ihnen.

Über den Ortskern gelangen wir zur Église Saint-Herlé de Ploiré am Place Jean Gouill. Das scheint der höchstgelegene Punkt von Douarnenez zu sein, welches sich insgesamt als ziemlich bergig erweist. Die gotische Kirche, im sechzehnten Jahrhundert erbaut, ist zu diesem Zeitpunkt leider wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen.

Der Port Rosmeur. Hier lagen vor hundert Jahren noch regelmäßig hunderte von Sardinentrawlern vor Anker

Der Port Rosmeur. Hier lagen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts noch regelmäßig fast tausend Sardinenkutter vor Anker

Wir alle treffen wieder am Quai du Petit Port im Port Rosmeur zusammen, im alten Fischereihafen, wo wir in die Bar Le Neptune einkehren. Was muss das seinerzeit für ein Anblick gewesen sein! Zu Hochzeiten der Sardinenfischerei von Mitte bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts lagen hier regelmäßig bis zu achthundert Sardinenkutter vor Anker. Jedoch, auch ohne diese bietet die Bucht einen schönen Anblick. Buntes Treiben herrscht auf der gesamten Länge des Kais. Dröhnendes Gelächter löst der dahingeworfene Kommentar von Susanne angesichts eines auf einem schweren Motorrad vorbeifahrenden Bikers aus, dessen lange, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene Haare im Fahrtwind hinter ihm her wehen: „Der hat aber einen langen Schwanz.“ Immer diese Missverständnisse!

Teure Keramik

Der Aufbruch wird von dem Wunsch der Damen überschattet, auf der Suche nach originalen Figuren von Bigouden-Frauen einer Töpferei in Plonévez-Porzay einen Besuch abzustatten, im Hauptverkehr! Das liegt etwa zwanzig Kilometer nordwestlich von Douarnenez. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Fahrt ist völlig sinnlos, weil die Keramiken einfach zu teuer sind. Na ja, der Besuch ist insofern nicht ganz vergeblich, als es tatsächlich beeindruckend ist, sich die Figuren mal live anzusehen. Erinnerungen werden bei mir wach an Dresden und an den Originalladen mit original Meissener Porzellan – traumhaft schön und traumhaft teuer.

Westlich von Douarnenez, am Plage de Pors Peron

Westlich von Douarnenez, am Plage de Pors Peron

Zurück in Saint-Guénolé auf dem Nachhauseweg von der letzten Crèperie vor Amerika

Zurück in Saint-Guénolé auf dem Nachhauseweg von der letzten Crèperie vor Amerika

Um die Stimmung wieder zu heben, suchen wir, Douarnenez passierend, möglichst parallel zum Meer eine Möglichkeit, Goya etwas toben und uns ein wenig Wind um die Nase wehen zu lassen. Etwa zehn Kilometer westlich von Douarnenez, am Plage de Pors Peron, finden wir eine Parkmöglichkeit mit Strand und rundherum hochaufragenden Felsen mit Pflanzenbewuchs. Das Meer gibt uns das Urlaubsgefühl wieder und auch Goya hat sein Vergnügen. Er schwimmt für sein Leben gerne. Eingeschränkt wird das allerdings durch den Umstand, dass gerade Ebbe ist. Zudem beginnt er, zu humpeln.

Wegen des Strandausfluges sind wir ziemlich spät dran. Niemand verspürt so rechte Lust zum Kochen, weshalb wir ein weiteres Mal die letzte Crèperie vor Amerika, „Le Trymen“, direkt um die Ecke aufsuchen. Susanne und Michael sollen sie ja auch kennenlernen. Es gibt wieder Crèpes und Galettes. Nach Doppelkopf und Abendspaziergang fallen wir rechtschaffen ermüdet in die Betten.

Mittwoch, 07. September 2016

Beschauliche Szene auf dem Balkon der Ferienwohnung

Beschauliche Szene auf dem Balkon der Ferienwohnung

Auf dem Weg zum Hafen DIE Warnung: Sterbliche Gefahr!

Auf dem Weg zum Hafen DIE Warnung: Sterbliche Gefahr!

Um den Hund zu schonen, wird der Tag zu einem allgemeinen Ruhetag für fünf und einem Aktionstag für zwei. Das soll heißen: Silvia, Albert, Petra, Goya und ich baden bei traumhaftem Wetter auf dem Balkon in der Sonne, musizieren und kümmern uns um die Wäsche. Wir beschränken wir uns auf kurze Spaziergänge mit Goya. Regelmäßig verabreichtes „Traumeel“ soll ihm wieder mehr Stabilität verleihen. Michael und Susanne schwingen sich auf ihre Fahrräder und fahren zur Chapelle Saint-Vio bei Tréguennec, zur kleinsten Kapelle im Bigoudenland. Ihren Berichten zufolge durchqueren sie eine wunderschöne Teich- und Sumpflandschaft mit reicher Flora und Fauna.

Ich möchte den Tag nutzen, mir den Hafen von Saint-Guénolé mal genauer anzusehen. Der soll nämlich nach Douarnenez und Le Guilvinec zu den ganz bedeutenden des Sardinenfangs gehört haben. Auch Silvia ist interessiert, also machen wir uns mit den Kameras zu Fuß auf – er ist ja gleich um die Ecke. Wie sich schnell herausstellt, sind der Hafen und das Hafengelände erheblich größer, als vom Anfang des Hafenbeckens aus zu erkennen.

Von Hafen-Romantik wenig zu sehen

Beigefangener Katzenhai, noch immer lebend, mitleiderregend

Beigefangener Katzenhai, noch immer lebend, mitleiderregend

Der im Ort liegende Teil des Hafens von Saint-Guénolé, viel zu groß

Wir kommen an einer Fischhalle vorbei, wo die letzten Kisten mit dem Fang des heutigen Tages auf kleine Lastwagen und Lieferwagen verladen werden. Aus einer der Kisten schaut ein Katzenhai heraus, der verzweifelt versucht, den Kopf hin- und herschwenkend in sein Element zurück zu gelangen, ein stummer und aussichtsloser Kampf um das Leben. Ich habe bis dahin nicht gewusst, dass die Köpfe der Katzenhaie in solch hohem Maße dem Kindchenschema entsprechen. Sie tun mir leid. Sie werden nicht gezielt gefangen, sondern geraten als Beifang in die Netze.

Eis zum Frischhalten des gefangenen Fisches wird in den Laderaum gekippt.

Eis zum Frischhalten des gefangenen Fisches wird in den Laderaum gekippt.

Der Weg über das Hafengelände von St.-Guénolé macht auch optisch deutlich, dass die Fischereiwirtschaft nicht mehr

Reparaturarbeiten unter Wasser

Reparaturarbeiten unter Wasser

das ist, was sie einmal war. Die Größe des Hafens steht ganz offensichtlich in keinem Verhältnis mehr zum Aufkommen von Hochsee-Trawlern und Fischerbooten. Größere Aktivitäten sind zum Zeitpunkt unseres Besuches lediglich bei einem Trawler auszumachen, an welchem ein Taucher unter Wasser Reparaturen vornimmt. Andere Trawler werden mit Eis beladen. Dabei handelt es sich natürlich nicht um ganze Eisblöcke, sondern um kleine Eisstücke, die aus einem oben offenen Behälter mit jeweils einer Kantenlänge von etwa einem Meter (ein Kubikmeter) mit Hilfe eines Krans in eine Offnung auf dem Deck des Trawlers in dessen Laderaum geschüttet werden. Dort wird der Fang gekühlt und kann auf diese Weise während des Transportes frisch gehalten werden. Am Ende des Hafens, kurz vor dem offenen Meer, liegen Fischerboote an Pontonbrücken fest gemacht. Nach etwa zwei Stunden haben wir genug gesehen und fotografiert. Wir kehren zurück in das Ferienhaus.

Noch ein Spaziergang durch die verlassenen Sträßchen von St.-Guénolé

Noch ein Spaziergang durch die verlassenen Sträßchen von St.-Guénolé

Am sehr späten Nachmittag brechen Albert und Michael nochmals auf, um am Plage de Pors Corn wenigstens einmal im Meer zu schwimmen. An den Rochers ist das ja mit „sterblicher Gefahr“ verbunden!

Zum Abendessen gibt es auf Michaels Initiative hin einen Salade Niçoise, der sich als ganz besonders gut erweist, plus Käse und Rosé. Welch ein Wunder! Die Farbe des Rosés – Bonbonfarbe gleich Bonbongeschmack – spielt bei Silvia ab sofort keine Rolle mehr. Ich muss allerdings konzedieren, dass dies oft genug zutrifft. Die Runde löst sich nach reichlichem Weingenuss relativ frühzeitig auf.

Donnerstag, 08. September 2016

Goya geht es heute deutlich besser, so dass wir abwarten wollen, wie sich sein Zustand weiter entwickelt. Es ist Markt in Pont-l’Abbé angesagt, in der historischen Hauptstadt des Bigoudenlandes, französisch „Pays Bigouden“. Der Name der Stadt verweist auf den Bau der Brücke im siebten Jahrhundert, angeblich veranlasst von einem Abt aus Loctudy.

Die Brücke in Pont l’Abbé, die eigentlich keine ist.

Petra tut ihren Zweifel kund, was an dieser Brücke so Besonderes sein soll. Das einzig Bemerkenswerte sei nach ihrer Meinung, dass es eigentlich gar keine Brücke ist, eher eine Häuserreihe mit darunterliegenden Durchlässen für das Wasser. Viel interessanter scheint ihr, dass in Pont l’Abbé noch ausgiebig alte Traditionen gepflegt werden. Allgegenwärtig sind Stickereien, besonders auffällig die hohen Hauben der Trachten, die Coiffes. Hier wird noch geklöppelt und hier werden noch bretonische Möbel hergestellt. Die Coiffes erinnern irgendwie an einen Menhir. Diese Hauben nahmen im Laufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts immer ausgefallenere Formen an und waren ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Region. Sie machten deutlich, wer die Trägerin war und in welchem Gemütszustand sie sich befand. Es gibt viele Abarten bretonischer Trachten, somit gibt es auch eine große Vielfalt an Coiffes. Auf der „Fête des Brodeuses“, dem Fest der Stickerinnen, welches regelmäßig am zweiten Sonntag im Juli stattfindet, können solche Arbeiten bewundert werden. In den Überresten der ehemaligen Burganlage „Château des Barons du Pont“, auch „Château de Pont l’Abbé“ genannt, befinden sich heute das Rathaus und das „Musée Bigouden“, in welchem man sich ein genaueres Bild machen kann.

Eher enttäuschend

Vom Wochenmarkt mitgebrachte Beute

Vom Wochenmarkt mitgebrachte Beute

Das Schloss in Pont l'Abbé beherbergt heute unter Anderem das Bigoudenmuseum

Das Schloss in Pont l’Abbé beherbergt heute unter Anderem das Bigoudenmuseum

Der eigentliche Anlass unserer Fahrt nach Pont l’Abbé ist der Besuch des größten und schönsten Wochenmarktes der Region auf der Place Gambetta und der Place de la République. Für das leibliche Wohl muss schließlich auch gesorgt werden, und ein Rundgang über einen Markt ist für Petra immer ein Vergnügen. Jedoch, die Gemüsestände mit Produkten der Region sind nicht besonders gut sortiert. Artischocken finden wir gar nicht. So können auch ein ordentliches Käseangebot sowie alle möglichen Haushalts- und Lederwaren den Rundgang für uns nicht sonderlich befriedigend gestalten.

Da der Ort wegen des Marktgeschehens überfüllt ist, können wir uns die sonstigen Sehenswürdigkeiten nicht ausgiebig zu Gemüte führen. So beschließen wir, an einem anderen Tage wieder zu kommen. Wir fahren alternativ zum Super U, wo wir Crevetten, Salat und Artischocken erstehen. Das Wetter spielt mit, das Abendessen kann einmal mehr bei untergehender Sonne auf dem Balkon eingenommen werden. Später wird zu fünft Doppelkopf gespielt. Susanne zieht es vor, zu lesen. Um halb zwei Uhr morgens löst sich die Runde auf.

Freitag, 09. September 2016

Am Jachthafen von Audierne. Spannender Seegang direkt vor der Haustüre ist üblicher Weise garantiert

Am Jachthafen von Audierne. Spannender Seegang direkt vor der Haustüre ist üblicher Weise garantiert

Wie immer ist unser Frühstück ausgiebig und gut. Dabei wird der Beschluss gefasst, die Spuren Bannalecs, welche er in seinem Roman „Bretonische Flut“ hinterlässt, von Audierne aus aufzunehmen. Rege Diskussionen um das Für und Wider einer Überfahrt zur Île de Sein werden bestimmt von der Schilderung viel zu kleiner Boote, die mit extrem starken Motoren der aufgewühlten See trotzen. Die Beschreibung hat Eindruck hinterlassen. Als ehemaliger Angehöriger der Marine unter uns weiß ich zwar als einziger, wie ich vermute, was Seekrankheit wirklich bedeutet, was wiederum nicht heißt, dass die anderen ganz locker aushalten könnten, gefühlt zu Tode geschaukelt zu werden. Langer Rede, kurzer Sinn: Am Ende wollen nur Michael und ich das Wagnis einer Überfahrt eingehen. Die anderen bevorzugen, sich derweil Audierne anzusehen.

Was ist das? Petra protestiert, während ich dies schreibe. Sie schiebt den Hund als Begründung für ihren behaupteten Verzicht vor. Na ja, wer’s glaubt… Jedoch, nach kurzer Recherche, die Michael vor Ort am Ticketschalter vornimmt, ist die Überfahrt zur Île de Sein eh gegessen. Denn dummerweise starten ab September jeweils nur eine einzige Fähre von Audierne aus am Morgen um neun Uhr und von der Insel aus am Abend um neunzehn Uhr. Und natürlich sind wir jetzt um halb-zwölf Uhr mittags viel zu spät dran. Das ist gerade heute sehr schade, weil sich das Meer bei wolkenlosem Himmel ruhig und – für bretonische Verhältnisse – geradezu spiegelglatt präsentiert. So hätten die Überfahrten ein unspektakuläres und angenehmes Erlebnis werden können. Allerdings, der Gedanke, neun Stunden auf einem Felsbrocken im Atlantik vor der Küste Frankreichs zu verbringen, verliert bei genauerer Betrachtung erheblich an Reiz. Hinzu kommt, dass ich es persönlich bevorzuge, meine Erlebnisse mit den Beteiligten, insbesondere natürlich mit Petra, zu teilen. Lediglich davon zu erzählen mit dem Zusatz „da hast Du aber was verpasst“ bringt mir gar nichts.

Eine Alternative ist gefragt

In einem Lokal an der Bucht von Audierne genießen wir eine kurze Weile die Aussicht und machen uns dann auf zur Pointe du Raz. Das ist der westlichste Punkt an der äußersten Spitze des Cap Sizun, welches nördlich der Baie d’Audierne und südlich der Baie de Douarnenez liegt. Zugleich ist die Pointe du Raz der westlichste Punkt des ehemaligen Herzogtums Cornouaille. Diesen Namen verpassten ihm im fünften Jahrhundert christliche Kelten, die aus Cornwall geflohen waren und die sich dort zwischen dem fünften und siebten Jahrhundert ansiedelten. Noch heute bezeichnen die Franzosen das englische Cornwall als „Cornouailles“, umgekehrt heißt in England die Bretagne „Brittany“, ein Überbleibsel aus alter Verbundenheit.

Wenige Touristen

Hier beginnt der Fußweg zur Pointe du Raz

Hier beginnt der Fußweg zur Pointe du Raz – ist nicht zu verfehlen

Unser Konvoi aus zwei Fahrzeugen erreicht den weiträumigen Parkplatz mit angeschlossener Restauration, ausschließlich fastfood-orientiert, wie es scheint, sowie unzähligen Möglichkeiten, Geld für nutzlose Souvenirs zu opfern. Das Areal lässt auf endlose Besucherströme während der Hauptsaison schließen. Um diese Jahreszeit jedoch haben einige der Geschäfte bereits dauerhaft geschlossen. Ein Shuttle wartet auf fußfaule oder -lahme Kundschaft. Wir machen uns auf, den einen Kilometer zur Spitze auf einem ausgebauten Fußweg sportlich zu bewältigen. Dem Shuttle ist die parallel verlaufende Straße vorbehalten.

Am Horizont taucht das Sémaphore auf, danach ist Schluss mit Land

Am Horizont taucht das Sémaphore de la Pointe du Raz auf, zweihundert Meter weiter ist Schluss mit Land

Die Statue Notre-Dame des Naufrages

Die Statue Notre-Dame des Naufrages, dahinter die Turmspitze des Sémaphore

Nach kurzer Zeit schiebt sich am Horizont eine Baugruppeins Sichtfeld des Besuchers. Das Näherkommen lässt einen Turm mit Beobachtungsraum erkennen. Der Turm ist mit allen möglichen Antennen und einem Radargerät beziehungsweise dessen rotierendem „Duplexer“ bestückt. Bei der Station handelt es sich um das „Sémaphore de la Pointe du Raz“, um eine Signalstation, die von der französischen Marine betrieben wird. Dahinter soll eine Statue die Schiffbrüchigen unter ihre Fittiche nehmen. Es ist die „Notre-Dame des Naufrages“, eine Skulptur, die sich inklusive Sockel bis in sechs Meter Höhe erhebt. Ein solcher Schutz ist in Anbetracht des unberechenbaren Meeres dringend nötig. Das macht schon der Name der im Norden angrenzenden Bucht mehr als deutlich: „Baie des Trépassés“, Bucht der Dahingegangenen. Hier hat sich das Meer im Laufe der Jahrhunderte viele tausend Menschen geholt. Die Skulptur selbst ist anderthalb Meter hoch, besteht aus Carrara-Marmor und wurde im Jahr 1904 von Cyprian Godepski, einem französischen Bildhauer mit polnischen Wurzeln, geschaffen. Der Sockel misst viereinhalb Meter in der Höhe und stammt von dem Architekten Jean-Marie Abgrall.

Ein erhabenes Gefühl

Wir sind unmittelbar an den Felsen zum Kap und blicken zurück auf das Sémaphore de la Pointe du Raz und Statue

Wir sind unmittelbar an den Felsen zum Kap und blicken zurück auf das Sémaphore de la Pointe du Raz und die Statue Notre-Dame des Naufrages

Vom Kap aus der Blick auf die Île de Sein. Das Teleojektiv lässt die Insel ganz nah erscheinen.

Vom Kap aus der Blick auf die Île de Sein. Das Teleojektiv lässt die Insel ganz nah erscheinen.

Auf dem Weg zur Pointe durchqueren wir eine Heidelandschaft mit immer wieder hervorstehenden Felsplatten und Steinbrocken. Die Pointe de Raz selbst ist ein in den Atlantik ragender, wild zerklüfteter Granitfelsen. Er erhebt sich gezeitenabhängig um die zweiundsiebzig Meter und bietet einen grandiosen Blick auf das Meer und auf die herausragenden Leuchttürme Torelle de la Plate, Phare de la Vieille sowie etwas nördlich den Phare de Tévennec. Deutlich ist auch die Île de Sein mit ihren beiden Leuchttürmen zu erkennen. An diesem herrlichen Sonnentag blicken wir auf eine ruhige, dennoch kraftvolle Brandung. Man kann sich gut vorstellen, wie sich das Wasser bei Sturm Stück für Stück des Festlandes einverleibt. Wer möchte, kann auf einem geahnten Pfad die Felsen zum Meer hinabsteigen. Das lässt sich Michael natürlich nicht nehmen und arbeitet sich über die Felstrümmer ganz nach vorne. Wir anderen machen es uns bequem und genießen Sonne, Wind und den Ausblick. Nach Michaels Rückkehr geht es zurück zum Parkplatz.

Eine Möwe begleitet uns hartnäckig

Eine Möwe verfolgt uns hartnäckig. Es könnte ja was dabei herausspringen

Der Weg und das anschließende Stolpern durch die heideartige Landschaft zum letzten Ende der Pointe du Raz hat Goya doch ziemlich geschlaucht. Er humpelt immer noch etwas. Daher beschließt der Hund, im Anschluss an den Besuch der Landspitze auf den Shuttle zu warten, um sich zum Parkplatz zurückfahren zu lassen. Da er alleine nicht in den Bus darf, muss ich ihn begleiten. Silvia und Petra packt das schlechte Gewissen. Sie wollen Goya und mich nicht alleine lassen. So kommt es, dass wir vier in den Bus steigen – widerwillig von meiner Seite aus, wie ich betone. Ich wäre so gerne mit Susanne, Michael und Albert zurückgejoggt.

Zufrieden

Auf dem Parkplatz versammeln wir uns. Wir wollen ein schönes Café aufsuchen, um gemütlich Milchkaffee und Croissants zu uns zu nehmen. Das Wetter bleibt stabil. Die Suche allerdings ernüchtert, denn geöffnete Cafés sind in dieser Gegend keine zu finden. Schließlich machen sich Susanne und Michael in ihrem VW-Bus getrennt von uns auf den Weg. Wir übrigen fahren an der Küste entlang in Richtung Westen. Es ist wunderschön. Immer wieder ist der Ausruf des einen oder anderen Mitfahrers zu vernehmen: „Oh, schaut mal!“ oder „Was ist das denn?“ oder „Das ist ja toll!“ Der Schlenker wegen, die der Volvo unmittelbar im Anschluss an jeden einzelnen, solchermaßen verkündeten Hinweis macht, gewöhnen sich die anderen an, ergänzend zu rufen: „Oh, schaut mal! Du nicht, Klaus!“

Eine faszinierende Ruine

Die Ruine der Chapelle de Languidou, im Stil des des Städtchens Pont Croix erbaut, ein Fachbegriff

Die Ruine der Chapelle de Languidou, im dreizehnten Jahrhundert im Stil des Städtchens Pont Croix erbaut, ein Fachbegriff

Viele der Steine der Kapelle wurden in der Vergangenheit abgebaut, um anderswo Verwendung zu finden

Viele der Steine der Kapelle wurden in der Vergangenheit abgebaut, um anderswo Verwendung zu finden

Auf dem Weg zum Ferienhaus bremse ich plötzlich heftig ab. Ich hatte etwas aus den Augenwinkeln wahrgenommen und rufe: „Oh, schaut mal!“ Auf der linken Seite steht eine verfallene Kirchenanlage. Ich stelle den Wagen ab und wir steigen aus. Hinter einem Durchgang sind die Ruinen einer Kapelle zu sehen. Es handelt sich, wie wir auf einem Schild nachlesen können, um die Chapelle de Languidou. Sie stammt aus dem dreizehnten Jahrhundert

Die Kapelle war in einem Stil erbaut worden, welcher typisch ist für die Sakralbauten des Städtchens Pont Croix. Der Stil von Pont Croix ist denn auch ein Fachbegriff. Die Restauration der Kapelle blieb im Anfangsstadium stecken, weil viele der Steine in der Vergangenheit abtransportiert worden waren, um anderswo irreversibel Verwendung zu finden. Hinzu kam, dass man einer falschen Vorstellung von der Konstruktion der Kapelle aufsaß. Also wurde kurzerhand ganz bewusst der verfallene Eindruck erhalten. Was zugeordnet werden konnte, wurde entsprechend eingesetzt. Heute kann man die Reste von Granitsäulen, vom Altar, von Rundbögen, Steinbänken und Mauern bewundern. Man kann das Kirchenschiff mit Buchten und Chor erahnen. Besonders auffällig ist die Fensterrosette in der Apsis, die dem Kircheninneren ein besonders schönes Licht geliefert haben muss. Neben der Kirche befinden sich ein kleiner Kalvarienberg sowie zwei frühgeschichtliche Stelen. Das Gelände ist von einer Mauer eingegrenzt.

Der Kopf der Bigoudenfrau auf einem stilisierten Menhir ist eine Gedenkstätte für die Résistance.

Der Kopf der Bigoudenfrau auf einem stilisierten Menhir ist eine Gedenkstätte für die Résistance.

Die Weiterfahrt führt uns an der Chapelle de la Trinité (Dreifaltigkeit) in Plozévet vorbei. Hier müssen wir unbedingt anhalten, weil wir neben einem Kriegerdenkmal eine in Stein gemeißelte Bigoudenfrau entdecken. Es ist eher der Kopf einer Bigoudène mit der typischen Coiffe auf einem Menhir und stammt von dem bretonischen Bildhauer René Quillivic (1879 – 1969). Das Ensemble ist eine Gedenkstätte für die Résistance.

Anschließend fahren wir ohne Umweg nach Saint-Guénolé, wo wir in der Fischhalle am Hafen frischen Fisch für das Abendessen kaufen wollen. Wir erstehen einen Seeteufel. Er ist ein Hochgenuss. Noch immer von der intensiven Sonne aufgeheizt und ermüdet fallen wir alle früher als sonst, also kurz nach Mitternacht, ins Bett.

Samstag, 10. September 2016

In Erinnerung an das vergangene Jahr und in dem Bestreben, Susanne und Michael etwas Besonderes zu bieten, fahren wir nach dem Frühstück zum Bélon. Wir hoffen darauf, dass es bei tiefhängenden, mittel- bis dunkelgrauen Wolken wenigstens trocken bleibt – das hat uns der norwegische Wetterdienst mit einer Wahrscheinlichkeit von achtzig Prozent versprochen. Alleine, der Norweger muss gelogen haben. Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen (Valentin, Twain, Churchill etc.)

Japanische Touristen passieren im Regen das Château de Belon

Japanische Touristen passieren im Regen das Château de Belon

Japanische Touristen passieren im Regen das Château de Belon

Trüb‘ ist der Blick entlang des Belon auf den Zusammenfluss mit dem Aven

Haben wir bei der Abfahrt aus Saint-Guénolé noch passables Wetter, so verdunkelt sich der Himmel mit jedem Kilometer, welcher uns dem Bélon näher bringt. In Riec-sur-Bélon fängt es an, leicht zu tröpfeln, in Port-de-Bélon auf dem Parkplatz oberhalb des Austernzuchtbetriebes „Huitrières du Château de Bélon“ hoffen wir auf allenfalls leichten, schnell vorübergehenden Regen. Wir stellen die Autos auf dem abschüssigen Parkplatz kurz vor dem Château de Bélon ab und begeben uns zu den Bänken, von denen aus der dort sitzende, Huîtres Plates und Muscadet schlürfende Gast den herrlichen Blick auf den Fluss und die im Hintergrund stattfindende Vereinigung mit dem Aven kurz vor der gemeinsamen Mündung in den offenen Atlantik erahnen kann. Die geschützten Plätze im Inneren des Hofes des Châteaus sind besetzt. Dann öffnen sich die Schleusen des Himmels. Daran, draußen über dem Fluss an den grob gehauenen Holztischen auf den grob gehauenen Holzbänken mit dem wunderbaren Ausblick auf den Bélon zu sitzen, ist nicht zu denken.

Glück im Unglück

Üppiges Angebot bei Anne in Port de Belon

Üppiges Angebot bei Anne in Port de Belon

Wir gehen hinunter zum Fluss am Restaurant Chez Jacky vorbei – hat geschlossen – und versuchen es bei Austern-Anne. Dort sind am Kai vor dem Haus für wetterfeste Besucher Plätze unter Schirmen vorbereitet. Allerdings sutzt da sitzt niemand, weil die Schirme nicht sonderlich dicht sind, wie wir schnell feststellen. Die aufmerksame Anne muss unsere Not bemerkt haben. Weil es mittlerweile wie aus Kübeln schüttet, bittet sie uns nach drinnen. Der Raum ist groß, kühl und voll besetzt. Feuchtigkeit liegt in der Luft. In der Mitte platziert ist so etwas wie ein Marktstand, groß, mit einer riesigen Auslage voller Meeresfrüchte, an welcher ein Mann mittleren Alters Austern und andere Muscheln im Akkord knackt, sozusagen ein bivalvischer Alptraum.

Die Speisenkarte von Anne in port de Belon

Die Speisenkarte von Anne in port de Belon

Variétés de Coquillages - der Teller bleibt nicht der einzige...

Variétés de Coquillages – der Teller bleibt nicht der einzige…

Anne organisiert einen weiteren Tisch mit Stühlen. Nach kurzer Information beginnt das Schlemmen: Europäische Bélon-Austern (huitres plates – waren nicht mehr viele da), pazifische Austern (huitres creuses), rohe und gegarte Miesmuscheln, Vernis und Venusmscheln, die wir uns vorher an der Auslage aussuchen können, Graubrot und Muscadet. Wir sind zufrieden und durch die Fenster ist der eine oder andere Sonnenstrahl zu erkennen. Dennoch bleibt das Wetter ungastlich und ein längerer Aufenthalt am Bélon ist wenig verlockend. Zwar gesättigt, jedoch ziemlich frustriert setzen wir uns ins Auto und machen uns auf den Weg zurück in Richtung St.-Guénolé. Weil wir nicht einfach die langweilige Route über die Autobahn nehmen wollen, führt uns der Weg über Quimperlé.

Besichtigung aus dem Auto heraus

Im Jahr davor haben wir ja das Städtchen sozusagen links liegen lassen, vermutlich deswegen, weil wir damals von unserem Besuch in Quimper so enttäuscht waren und Quimperlé wegen seines Namens in den gleichen Topf geworfen hatten. Dies sollte man keinesfalls tun. Die am Fluss Laëta gelegene Kleinstadt offenbart sich bei unserer wegen des Regens nur aus dem Auto heraus vorgenommenen Besichtigung als eine hübsche und interessante Stadt auf mehreren Hügeln. Sie besteht aus einer Ober- und einer Unterstadt mit wunderschönen Fachwerkhäusern, Markthallen und Kirchen. Besonders erwähnenswert ist dabei die Abteikirche Sainte-Croi, datiert aus dem Jahr 1029, von der allgemein behauptet wird, es handele sich um die schönste romanische Kirche der Bretagne. Wir können uns darüber kein Urteil erlauben, da wir lediglich vorbeifahren. Wir beschließen, den Besuch auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben und Zeit für dieses Städtchen einzuplanen.

So erfolgt der obligatorische Einkauf beim Super U, der uns zum Abendessen Crevetten mit selbstgemachter Mayonnaise beschert. Für Albert gibt es endlich seine heißersehnten Nudeln, die er aber leider alleine essen muss, da der Rest der Mannschaft lieber Garnelen puhlen will – bis auf mich, der sie sich von den anderen puhlen lässt, damit ich mir nicht die Finger schmutzig machen muss. Der Abend wird mit Doppelkopf geschlossen.

Sonntag, 11. September 2016

Auf dem Wochenmarkt in Le Guilvinec

Auf dem Wochenmarkt in Le Guilvinec

Heute wollen sich Susanne und Michael in ihrem Wohn-VW wieder aufmachen, um ihre Erkundungsfahrt fortzusetzen. Insbesondere Vannes hatte sie nicht zuletzt wegen unserer Erzählungen neugierig gemacht. Also ist dies ihr nächstes Ziel. Im Anschluss wollen sie die Loire entlangfahren und im Übrigen Weiteres auf sich zukommen lassen. Nach Frühstück und Abschied machen wir Zurückgebliebenen uns auf nach Le Guilvinec zum Wochenmarkt.

Silvia und ich finden es furchtbar langweilig, stundenlang über Märkte zu schlendern, uns die immer gleichen Auslagen anzusehen und das eine oder andere zu erstehen. Wir beobachten lieber Menschen und interessante Szenerien. Also trennen wir uns nach kurzer Zeit von Albert und Petra, um den Fischereihafen von Guilvinec zu inspizieren und zu fotografieren. Petra schlendert mit Albert und Goya über den Markt und ist über die manchmal befremdliche Darbietung der Waren erstaunt, wie auf dem Boden ausgebreitete Zwiebeln und anderes Gemüse.

Ein großer Fischereihafen

Der Hafenausgang von Le Guilvinec mit dem Leuchtfeuer

Der Hafenausgang von Le Guilvinec mit dem Leuchtfeuer

Im Hafen von Le Guilvinec auf dem Pier auf dem Gelände der Reparaturwerft aufgebockte Fischtrawler

Im Hafen von Le Guilvinec auf dem Pier auf dem Gelände der Reparaturwerft aufgebockte Fischtrawler

War ich schon über die Ausmaße des Fischereihafens einer so kleinen Ortschaft wie St.-Guénolé überrascht, so bin ich es jetzt noch mehr. Der Hafen ist groß, sehr groß. Sogar eine Reparatur-Werft mit Trockendock ist im Hafen angesiedelt. Die Fischer haben auch hier keinerlei Probleme, sich bei ihrer Tätigkeit fotografieren zu lassen. In Frankreich scheinen die meisten Menschen diesbezüglich entspannt zu sein. Selbst wenn jemand bei der Arbeit fotografiert wird, ist das offenbar in Ordnung. Nach gründlicher Besichtigung und vielen Fotos machen wir uns auf, Petra und Albert zu suchen.

Die Prozession findet nicht statt

Leere Straßen in Pont l'Abbé

Leere Straßen in Pont l’Abbé

Es ist noch relativ früh am Tag und gegen dreizehn Uhr wollen wir in Pont l’Abbé sein, da wir gelesen haben, dass heute die Bigoudenfrauen in ihren Trachten durch den Ort prozessieren sollen. Als wir dort eintrudeln, ist weit und breit nichts zu sehen, was auf eine Prozession hinweist. Ganz im Gegenteil ist die Stadt wie ausgestorben. Wir halten nach Passanten Ausschau, die wir fragen können. Und endlich, da ist einer! Auf Nachfrage schüttelt dieser den Kopf. Davon wisse er nichts. Zehn Minuten später finden wir einen zweiten Passanten, der sich inhaltlich dem ersten anschließt. Albert versucht sein Glück in dem am Ende der Straße liegenden Schlossgebäude, in welchem das Bigoudenmuseum untergebracht ist – ergebnislos. Und so machen wir einen Rundgang durch die (fast) menschenleere Stadt. Silvia, Albert und Petra stecken jeweils ihren Kopf durch die Öffnung einer fahrradfahrenden Pappkameradin in Bigoudentracht und lassen sich von mir fotografieren, sozusagen als Ersatz. Anschließend setzen wir uns wieder ins Auto und fahren weiter nach St.-Kérity.

Das Restaurant 'Le Doris' in Kérity

Das Restaurant ‚Le Doris‘ in Kérity

St.-Kérity ist neben Bourg, St-Pierre und St-Guénolé jeweils administrativer Bestandteil der Kleinstadt Penmarc‘h. St.-Kérity war im sechzehnten Jahrhundert ein wichtiger Umschlagshafen für Bordeaux- und Loireweine gewesen. Auch der Verkauf von Fisch und Segeltuch war hier abgewickelt worden. Spannend ist die Geschichte des Guy Eder, der Ende des sechzehnten Jahrhunderts als der berüchtigte Pirat „La Fontanelle“ sein Unwesen getrieben hatte. Er kaperte nicht nur Schiffe, sondern er war auch eine Landplage. So fiel er regelmäßig über die Bauern der Umgebung her und raubte sie aus. Im Jahr 1602 wurde er gefangen genommen, nach Paris gebracht und dort aufs Rad geflochten, wo er jämmerlich krepierte.

St.-Kérity macht einen einladenden Eindruck. In einem Hafenrestaurant namens „Le Doris“ lassen wir uns auf der Terrasse nieder und genießen mit Blick auf das Meer Kaffee und Cidre. Die Sonne, eine leichte Brise und das sanfte Rauschen des Meeres lassen mich schläfrig werden. Goya geht es auch wieder gut.

Schließlich kehren wir in die Ferienwohnung zurück. Silvia und ich kopieren unsere Fotos um, Petra und Albert sitzen auf dem Balkon, wobei Albert zum Vergnügen der Vorbeigehenden auf der Gitarre Petras Gesang begleitet. Wie mir Petra später versichert, haben die Passanten nicht den Gang beschleunigt.

Wenn der Wirt erzählt

Heute hat keiner Lust, sich in die Küche zu stellen und ein Abendessen zuzubereiten. Also machen wir uns gegen neunzehn Uhr auf, um in der letzten Crèperie vor Amerika gleich um die Ecke zu Abend zu essen. Der Wirt, der uns gegenüber langsam auftaut, zeigt Fotos von den Sturmfluten der Jahre 2000, 2013 und 2016! Es ist absolut beeindruckend, im Bild festgehalten zu sehen, wie sich das Meer über das Land hergemacht hat. Der Hafen war in den Jahren 2000 und 2013 überzogen mit gewaltigen Algenschaumbergen, hoch bis auf die Dächer der an der Küste liegenden Häuser und weit ins Landesinnere. Im Jahr 2016 war St.-Guénolé etwa einen Meter hoch überflutet. Die Schiffe hatten sich selbständig gemacht und lagen nicht mehr an ihren angestammten Liegeplätzen. An Land war vieles zerstört worden. Wie bitte? 2016? Das war doch erst jetzt im Frühjahr! Ich muss mehrmals bei dem Gedanken schlucken. Die Betrachtung weiterer Fotos jedoch offenbart ganz deutlich: Der echte, reinrassige Bretone lässt sich von so was nicht aus der Ruhe bringen. Anschließend wird einfach wieder aufgeräumt. Mit vollem Magen und neuen Erkenntnissen gelangen wir nach Hause und spielen Doppelkopf. Petra ist wieder mal die Erste – von hinten.

Montag, 12. September 2016

Den ersten Hunger gestillt

Den ersten Hunger gestillt

Gegen Mittag erwarten wir die Ankunft von Charima und Fritz, zwei Freunden, die sich von Berlin aus auf den Weg gemacht haben. Den Tag beginnen wir mit einem leichten Frühstück. Wegen der beiden Berliner haben wir keine Pläne gemacht. Silvia und ich nutzen die Zeit, um Fotos umzukopieren und so auf den Speicherkarten Platz für weitere Aufnahmen zu schaffen. Albert macht auf dem Balkon Musik, Petra wäscht, Goya schläft – welch eine Idylle! Gegen Mittag wird es unruhig. Albert entdeckt vom Balkon aus den roten Golf mit Berliner Kennzeichen. Wir leiten Charima und Fritz auf die Rückseite des Gebäudes in die Einfahrt, wo sie mit großem Hallo empfangen werden und ihr Gepäck auf das Zimmer bringen.

Die beiden sind schwer ausgehungert. Daher begleiten wir sie zum Hafen in ein Restaurant, wo sie jeweils einen Salat mit Getier aus dem Meer verspeisen. Cidre und Kaffee runden die ganze Angelegenheit ab. Das Wetter ist wunderbar. Nach dem Mittagsschmaus breche ich mit Charima, Fritz und Albert auf, um die Rochers zu erkunden. Weil wir Goya noch etwas schonen wollen, bleibt er bei Petra. Das wiederum hat zur Folge, dass Silvia und Petra nicht, wie geplant, gemeinsam in den „Comptoir de la Mer“ gehen können, weil dort Hunde leider draußen bleiben müssen. Daher wechseln sie sich ab: Erst zieht Silvia los, Geld ausgeben, danach Petra, währenddessen Silvia den Doggy-Sitter spielt.

Noch ein Spaziergang über die Rochers

Direkt am Meer auf die Felsen gebaut sind die Häuser Wind und Wetter ausgesetzt

Direkt am Meer auf die Felsen gebaut sind die Häuser Wind und Wetter ausgesetzt

Direkt am Meer gebaut, Wind und Wetter ausgesetzt, leiden die Häuser

Auch solch prächtige Häuser sind beständig pflegebedürftig

Der Weg über die Rochers ist trotz aller Warnungen grundsätzlich harmlos und ungewöhnlich. Bei schwerem Wetter sollte man den Rochers in unmittelbarer Nähe des Wassers einfach fernbleiben. Auffällig ist die Zersiedelung der Felsen-Landschaft insofern, als abseits der eigentlichen Ortschaft auf den Felsen Häuser, in der Regel Ferienhäuser, wie zufällig hingeworfene Würfel stehen. Für die meisten scheint die Saison zu Ende, was man aus den dauerhaft geschlossenen Fensterläden schließen kann. Wir können uns gut vorstellen, was hier in der Hauptsaison abgeht. Dennoch ist es ein wunderbarer und spannender Weg, der uns bis vor die Pointe de la Torche führt. Bestens gelaunt kehren wir nach ungefähr anderthalb Stunden von unserem Spaziergang zurück.

Surfer nutzen die recht ordentlich Brandung am Plage de Pors Carn

Surfer nutzen die recht ordentlich Brandung am Plage de Pors Carn

Surferin auf dem Weg ins Wasser hat sich vermutlich eine Muschel in den Fuß getreten

Surferin auf dem Weg ins Wasser hat sich vermutlich eine Muschel in den Fuß getreten

Nach unserer Rückkehr und nach einer kurzen Ruhepause auf dem Balkon begleitet Petra Charima, Fritz und Albert zur Fischhalle. Dort sei nichts zu spüren von leer gefischten Meeren, erzählt Petra. Das Angebot sei riesig und es sei nicht leicht, das Angebot zu sondieren. Die vier entscheiden sich für Crevetten, Seezunge und Seeteufel, alles kurz zuvor aus dem Meer geholt. Sie erstehen noch ein paar Flaschen Muscadet und das Abendessen ist rund. Die Sonne scheint weiter von einem wolkenlosen Himmel. Es ist sehr warm, so dass wir kurz vor Sonnenuntergang das Abendbrot auf dem Balkon einnehmen können. Frischen Fisch zu essen ist ein wahrer Hochgenuss, und das zu erschwinglichen Preisen. Fleisch hat derzeit keine Chance. Wir vermissen es einfach nicht.

Im Anschluss an eine Plauderstunde verziehen sich Charima und Fritz ins Bett, die lange Fahrt fordert ihren Tribut. Gegen halb elf löst sich der Rest der Runde langsam auf. Petra und ich müssen wegen Goya noch bis zwölf Uhr durchhalten. Um diese Uhrzeit ist ja das nächtliche Gassigehen angesagt. Für heute kehrt allgemeine Ruhe ein.

Dienstag, 13. September 2016

Während des üppigen Frühstückes beratschlagen wir, was zu unternehmen sei. Prinzipiell besteht Konsens dahingehend, dass wir die Gegend erkunden, insbesondere im Hinblick darauf, dass für Charima und Fritz diese Ecke der Bretagne sozusagen ein weißer Fleck ist.

Nach einem kurzen Palaver fällt die Entscheidung, die beiden Berliner die Küste entlang an den Bélon zu locken. Das bietet sich heute vor allem deswegen an, weil ganz im Gegensatz zur Behauptung des Norwegers, der eine sehr durchwachsene Wetterlage verkündet, das real erlebte Wetter super ist. Petra, ja Petra hält mit ihrem regionalen Wetterdienst dagegen und hat Recht! Den Bélon bei Sonnenschein zu erleben, nicht wie mit Susanne und Michael im strömenden Regen, ist doch etwas ganz Anderes. Ich hoffe sehr, dass das so bleibt.

Katamarane am Plage du Cap Coz am Baie de la Forêt

Katamarane am Plage du Cap Coz am Baie de la Forêt

Die Ferienhäuser am Plage du Cap Coz am Baie de la Forêt sind bis nah ans Wasser auf den Strand gesetzt - les pieds dans l'eau (die Füße im Wasser), wie der Franzose sagt.

Die Ferienhäuser am Plage du Cap Coz am Baie de la Forêt sind bis nah ans Wasser auf den Strand gesetzt – les pieds dans l’eau (die Füße im Wasser), wie der Franzose sagt.

Wir fahren auf der Küstenstraße voraus, der rote Golf der beiden Berliner hinterher. Der Weg führt uns mit Hilfe der Karte des Navigators über Guilvinec, Lechiagat, Lesconil, Plobannalec nach Loctudy, wo wir die Brücke suchen, über die man zur Île-Tudy übersetzen können soll. Das erweist sich als eine glatte Fehlinformation, so dass wir über Pont-l’Abbé und Bénodet zur Pointe de Musterlin fahren. Von dort gelangen wir zu dem am Baie de la Forêt gelegenen Cap Coz. Es gibt lange Sandstrände, die zu jeder Art von Wassersport einladen. In Anbetracht des Lichtes und der Vegetation fühlen wir uns an die Côte d’Azur versetzt: Feigenbäume und Palmen gedeihen hier. Nette Einfamilienhäuser stehen unmittelbar am Strand, „les pieds dans l’eau“, wie die Franzosen sagen. Nach einem ausgiebigen Spaziergang am Strand kehren wir in das Hotel-Restaurant „Belle-Vue“ ein. „Schöner Blick“ ist etwas geschönt, weil der Blick auf das Wasser durch die gegenüberliegenden Gebäude ziemlich eingeschränkt ist. Immerhin ist auf der anderen Seite der Bucht Concarneau zu erkennen. Leider hat die Küche heute geschlossen, so dass wir lediglich einen Kaffee trinken können.

Wie im Siebengebirge

Albert schaut nach Concarneau hinüber

Albert schaut nach Concarneau hinüber

Wir machen uns wieder auf die Socken und fahren über Fouesnant und La Forêt-Fouesnant an Pont-Aven vorbei nach Riec-sur-Bélon. Die Sonne scheint immer noch von einem tiefblauen Himmel! À Propos Fouesnant: Dieser Ort gilt als Hochburg der qualitativ ganz besonderen Cidre-Produktion in der Bretagne. Die Bretonen behaupten gar, der Cidre aus Fouesnant stelle den besten Cidre aus der Normandie bei weitem in den Schatten. Daraus ist zwingend zu schließen, dass der Cidre aus Fouesnant der beste ganz Frankreichs ist, damit natürlich der beste der Welt. Mal abgesehen davon, dass lokalem Patriotismus Übertreibungen natürlicherweise immanent sind, sind die Produkte guter Cidre-Kellereien sowohl der Bretagne wie der Normandie keinesfalls mit Äppelwoi, Apfelmost oder anderswo gebrautem Allerwelts-Cidre zu vergleichen. Einmal im Jahr, an jedem dritten Sonntag im Juli, lässt man in Fouesnant auf der „Fête des Pommiers“ den Cidre der Region hochleben. Und wie auf allen besonderen Feiern tragen auch hier die Damen zu ihren Trachten die Coiffes, diesmal die Coiffes Fouesnantaises, ganz bezaubernde Schmetterlingshauben.

Die Gegend um Cap-Coz gefällt uns allen so sehr, dass wir sie für einen der nächsten Bretagne-Urlaube in die engere Wahl einbeziehen wollen. Hier wird jeder Geschmack erfüllt. Es gibt einen schönen weißen Sandstrand und im Hinterland Wald wie im Siebengebirge. Wenn’s nicht an die Bläck Fööss erinnerte, würde ich sagen: Es ist fast wie zu Hause.

Endlich gutes Wetter am Bélon

Ein Mitarbeiter des Château de Belon leert Austernsäcke

Ein Mitarbeiter des Château de Belon leert Austernsäcke

Das Klärbecken im Innenhof des Château de Belon

Das Klärbecken im Innenhof des Château de Belon

Der Bélon heißt uns dieses Mal bei schönstem Wetter willkommen! An unserem angestammten Platz auf einer der grob gehauenen Bänke an einem der grob gehauenen Tische verzehren wir reichlich Austern, plates wie creuses, bei Schwarzbrot und Muscadet. Wir beobachten die Austernfischer bei der Arbeit. Sie bringen die vollen Taschen, die „Poches“, Säcke aus Drahtgeflecht, mit einem Boot an Land, wo sie auf einen Traktor verladen werden. Direkt in Sichtweite entleert ein Mitarbeiter die Poches in Kisten, die umgehend in den Klärbecken versenkt werden. Vorschriftsgemäß müssen die Austern in sauberem Meerwasser, mit reinem Sauerstoff versetzt, für rund achtundvierzig Stunden verbleiben, um sie von Bakterien zu befreien. Austern werden ja in den Poches in flachen Gewässern, den Gezeiten ausgesetzt, auf Bänken gezüchtet. Bis zu ihrer Ernte lagern sich Algen, Schlamm und Sand auf ihnen ab.

Der Rückweg führt uns nahezu gewohnheitsmäßig zum Super U in Probannalec, wo wir Crevetten, Käse, frisches Baguette und Rotwein erstehen. Es ist mir ein Rätsel, warum die Weineinkäufer der Supermärkte so oft mehr oder weniger intensiven „Château de Vinaigre“ anbieten. Die sind doch teuer genug. Für zwölf Euro je Flasche kriegt man wahrhaftig auch besseren Stoff. Und schlechter Wein ist immer zu teuer.

So schön sich uns der Tag präsentiert, so stürmisch wird der Abend. Auf dem Balkon können wir nicht sitzen. Wir müssen uns mit dem Wohnzimmer begnügen. Der Wind pfeift durch alle Ritzen. Der Nachtspaziergang mit dem Hund gestaltet sich abenteuerlich, weil Goya ein um das andere Mal gegen die Windböen ankämpfen muss. In der Nacht kann ich wegen des Geklappers kaum schlafen – an die ständige Brandung habe ich mich gewöhnt.

Mittwoch, 14. September 2016

Heute brechen Charima und Fritz wieder auf. Es ist immer noch stürmisch, es herrscht ein wahrhaft bretonisches Wetter: Unterstützt von Windböen wechseln sich Wolken und Sonne ständig ab. Charima und Fritz sind bestens gelaunt. Sie wollen sich in den kommenden Tagen von weiteren französischen Eindrücken überraschen lassen. Nach dem Frühstück packen sie und fahren los. Auch wir, die „Stammbesatzung“, entern das Auto und fahren in Richtung Norden mit dem Ziel Brest.

Stadt mit leidvoller Vergangenheit

Die mächtige Hubbrücke 'Pont de la Recouvrance' überquert den 'Penfeld'

Die mächtige Hubbrücke ‚Pont de la Recouvrance‘ überquert den ‚Penfeld‘

Ausgerechnet und endlich Brest. Im Jahr zuvor hatten wir dieser Stadt aus mehreren Gründen keine Beachtung geschenkt: Erstens waren wir anderweitig ziemlich ausgelastet. Zweitens schien es uns von Saint-Pol-de-Léon aus zu weit. Drittens sollte Brest nach Meinung verschiedener Zeitgenossen ziemlich hässlich sein – im Übrigen aus nachvollziehbaren Gründen. Nach der Einnahme von Brest durch die deutsche Wehrmacht im Juni 1940 wurden die Stadt und der Hafen zu einem der wichtigsten Stützpunkte des sogenannten Atlantikwalls ausgebaut. So errichteten die deutschen Besatzer beispielsweise einen gewaltigen U-Boot-Bunker, der mit einer Breite von dreihundertdreißig Metern, einer Länge von hundertneunzig Metern, einer Höhe von siebzehn Metern und einer Deckenstärke von über sechs Metern der größte seiner Art im zweiten Weltkrieg war. Anfang 1944 wurde Brest von Hitler neben anderen Hafenstädten zur Festung ernannt, was den Befehl zur Folge hatte, diese Festungen bis „zum letzten Mann“ zu verteidigen. Kapitulation sei ausgeschlossen. Nach der Landung der alliierten Truppen in der Normandie ab dem 6. Juni 1944 (D-Day) rückten amerikanische Truppen auch in die Bretagne vor. Brest wurde in der Folge dreiundvierzig Tage lang belagert und bombardiert, bis am 20. September 1944 der Kommandant von Brest, Hermann-Bernhard Ramcke, aufgab und gefangen genommen wurde.

Ein Eindruck von der Nachkriegsbebauung in Brest

Ein Eindruck von der Nachkriegsbebauung in Brest direkt am Hafen

Wie man sich leicht vorstellen kann, sah Brest danach ziemlich scheiße aus. Die Stadt musste völlig neu aufgebaut werden. Ein Architekt namens Jean-Baptiste Mathon machte sich daran, ein neues Brest nach rein pragmatischen Gesichtspunkten zu planen. Bereits im Jahr 1961 war der Wiederaufbau weitgehend beendet. Heute bestimmen Betonbauten an schachbrettartig angelegten Straßen das Gesicht der Stadt. Von der historischen Bausubstanz ist nicht viel übrig geblieben. Das Château, das bereits im dritten Jahrhundert nach Christus von den Römern als Befestigungsanlage errichtert worden war, und dem im dreizehnten Jahrhundert von den Herzögen der Bretagne ein hoher Stellenwert bei der Verteidigung des Landes zugedacht wurde – von hier aus konnten die Flussmündung und die Einfahrt in den Penfeld kontrolliert werden – ist weitgehend erhalten geblieben. Brest ist allerdings ein Marinehafen mit sinkender Bedeutung. Heutzutage müssen das andere wirtschaftlich relevante Bereiche kompensieren.

Faszinierender Eindruck

Marineanlagen im Hafen von Brest

Marineanlagen im Hafen von Brest

In Brest angekommen, teilt sich unser Grüppchen auf. Silvia und ich wollen ins Océanopolis, auch wenn es ein sonniger Tag ist, Albert und Petra machen mit Goya einen Spaziergang über die „Pont de la Recouvrance“, die neu im Jahr 1954 fertiggestellt wurde. Sie führt in den Stadtteil Recouvrance. Die Hubbrücke ersetzte die im Jahr 1861 erbaute und 1944 zerstörte Drehbrücke Pont-National. Sie ist heute mit ihren siebzig Meter hohen Pylonen, einer Hauptspannweite von achtundachtzig Metern sowie einer lichten Höhe zwischen rund dreiundzwanzig und rund neunundvierzig Metern die höchste und längste Hebebrücke Europas. Die Pylone bestehen aus Stahlbeton, die Fachwerkträger aus Stahl. Im Rahmen der erforderlich gewordenen Sanierungsarbeiten im Jahr 2010 wurde die Brücke auch für den Straßenbahnverkehr hergerichtet.

Wie Petra berichtet, ist die Brücke musikalisch. Der Gang über die Brücke sei nicht nur ein optisches, sondern auch ein klangliches Erlebnis. Der Wind entlocke den Stahlstreben sphärische Klänge. Goya sei weniger begeistert gewesen. Ihn beeindruckt das nervige Gebimmel, wie er es vermutlich empfindet, überhaupt nicht. Aber er sei souverän neben Petra hergetrottet.

Ein grünes Denkmal für Wagemutige

Der Jardin des Explorateurs

Der Jardin des Explorateurs

Die Burg von Brest vom Jardin des Explorateurs aus gesehen

Die Burg von Brest vom Jardin des Explorateurs aus gesehen

So haben Petra und Albert den Stadtteil Recouvrance erobert, vorbei am Turm Motte-Tanguy, der heute das Musée du Vieux-Brest beherbergt. Sie seien über die Rue Bouillon in Richtung Jardin des Explorateurs geschlendert mit einem kurzen Zwischenstopp in einem Messergeschäft, in dem Petra zwei bretonische Klappmesser erstanden hat, eins für mich und eins für sie. Die Geschichte des Gartens gehe ins siebzehnte Jahrhundert zurück, als das Krankenhaus von Brest mangels Heilpflanzen einen Kräutergarten anlegte. Und dabei sei es nicht geblieben. Der Garten entwickelte sich schnell zu einem Fundus von Pflanzen, die von mehr oder weniger bekannten Weltreisenden mitgebracht wurden. Dort konnte man beispielsweise erfahren, dass die Hortensie, die Nationalblume der Bretagne, von dem Botaniker Philibert Commerson aus Japan mitgebracht worden war. Eine weitere bekannte Persönlichkeit ist Louis-Antoine de Bougainville, der erste Franzose, der von Commerson begleitet die Welt umsegelte und der sich nach seiner militärischen Laufbahn in Brest niederließ, wo er alle Hände voll damit zu tun hatte, die französische Revolution zu überleben.

Auch eines der wenigen Überbleibsel nach dem Krieg: La Tour de la Motte-Tanguy, ein Museum

Auch eines der wenigen Überbleibsel nach dem Krieg: La Tour de la Motte-Tanguy, ein Museum

An der Rue de la Pointe befinde sich ein großartiger Aussichtspunkt auf die Mündung des Penfeld mit seinem Yachthafen, auf einen Teil der Marinebasis und auf die beeindruckende Festung von Brest, neben dem „Tour Tanguy“ eines der ganz wenigen Gebäude, die aus dem zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet hervorgegangen sind. Die Festung beherbergt heute im Wesentlichen das „Musée de la Marine au Château de Brest“, im Tour Tanguy kann sich der Besucher mit Hilfe von Modellen und historischen Dokumenten darüber informieren, wie Brest vor dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen hat.

Nachdem Petra die Füße schmerzten, hätten sie wieder die Brücke überquert, um ein Café zu finden, das nicht zu weit vom Parkplatz entfernt liegt. So treffen Silvia und ich in einem Café auf der Rue de Siam Petra und Albert wieder, die sich bei Kaffee und Croissants auf uns wartend erholen.

Und wir, Silvia und ich, haben uns mehr versprochen. Die Beschilderung vom Parkplatz vom Boulevard de la Marine aus zum Océanopolis ist ausgesprochen dürftig. Wir wissen zwar in etwa die grobe Richtung, landen aber erst einmal hinter der Avenue des Travailleurs de la Réparation Navale und den beiden Trockendocks an einer Stelle, wo ein Seelenverkäufer am Pier festgemacht ist. Offensichtlich wird er abgewrackt. Das Gelände macht einen mindestens genauso trostlosen Eindruck wie die gesamte Szene.

Zwiespältiger Einduck vom Océanopolis

Auf der Suche nach dem Océanopolis entdeckt: Ein Schiff wird abgewrackt

Auf der Suche nach dem Océanopolis entdeckt: Ein Schiff wird abgewrackt

Es dauert noch ein Weilchen, bis wir das Océanopolis entdecken. Der Besuch ist enttäuschend, weil es unserer Meinung nach den vollmundigen Beschreibungen nicht gerecht wird. Vielleicht haben wir auch zu hohe Ansprüche. So dauert unser Besuch nur etwa zwei Stunden und wir fahren zurück nach Brest. Dort fotografieren wir vom Boulevard de la Marine und vom Boulevard Libre alles, was Interessantes auf dem Penfeld zu sehen ist. Es bieten sich von den erhöhten Standorten aus eine Unzahl von Motiven – Hafenanlagen, Schiffe, Trockendocks, die Hubbrücke, Marineanlagen, die Festung, die fast Plattenbauten gleichenden Wohnsilos und so weiter. Danach spüren wir Petra und Albert im direkt neben der Brücke gelegenen Café Havanna auf.

Nach jeweiligem Kundtun unserer Enttäuschung und Verkostung eines Milchkaffees möchten uns die beiden Wanderer trösten und in den Jardin des Explorateurs entführen, damit auch wir in den Genuss dieses grandiosen Ausblickes auf die Festungsanlage, den Hafen und die Mündung des Penfeld kommen. Und sie haben recht. Das hätten wir uns keinesfalls entgehen lassen dürfen. Das durchgängig sonnige und warme Wetter tut ein Übriges. Im Anschluss machen wir in Brest eine Sightseeing-Tour vom Auto aus, die allerdings recht kurz ausfällt, weil der nachmittägliche Hauptverkehr die Straßen zunehmend verstopft.

Tags zuvor waren wir von unserer Nachbarin von gegenüber, Claudine, auf einen hübschen kleinen Ort namens Locronan hingewiesen worden. Silvia hatte diesen auch schon entdeckt und folgendes in Erfahrung gebracht: Locronan gehört zu einem der schönsten Städtchen der Bretagne, wenn nicht gar Frankreichs. Folgerichtig trägt es auch den offiziell verliehenen Titel als eines der „Plus Beaux Villages de France“. Diesen Titel tragen heute landesweit etwa einhundertfünfzig Ortschaften. Claudine versicherte uns, Locronan lohne sich unbedingt, es versetze jeden Besucher in das Mittelalter zurück.

Eine amüsante Entstehungsgeschichte

Auf dem Kirchplatz des mittelalterlichen Städtchens Locronan

Auf dem Kirchplatz des mittelalterlichen Städtchens Locronan

Der Name des Städtchens mit noch nicht einmal tausend Einwohnern geht auf einen Heiligen namens Ronan zurück, der sich an dieser Stelle im sechsten oder neunten Jahrhundert, das weiß man nicht so genau, als Eremit niedergelassen haben soll (bretonisch Loc Ronan = Ort, Einsiedelei des Ronan). Die Nachbarn des Einsiedlers seien äußerst misstrauisch gewesen. Eine Nachbarin namens Kében hatte eine hübsche Tochter, die schwer erkrankte und starb. Da Kében einen Schuldigen brauchte, klagte sie bei der Obrigkeit den Ronan an, ihre Tochter getötet zu haben. Der wurde kurzerhand wegen Mordes zum Tode verurteilt und nach Quimper verbracht, wo an ihm, an einen Pfahl gebunden, zwei Doggen das Urteil vollstrecken sollten. Doch die guckten sich den Ronan nur an, beschnüffelten ihn, wedelten mit dem Schwanz und beschlossen, ihn leben zu lassen. Und weil ein Wunder nicht alleine für sich stehen konnte, erweckte Ronan das verstorbene Mädchen flugs wieder zum Leben. Das hätte Kében einfach so stehen lassen können. Alleine, sie tat es nicht. Sie setzte alles daran, Ronan das Leben auch fürderhin schwer zu machen. Zu guter Letzt schürte sie das Gerücht, wonach Ronan ihrer Tochter nachstellte und versuchte, sie zu verführen. Der hatte die Nase voll und verließ das heutige Locronan, um sich da niederzulassen, wo man ihn in Ruhe lassen würde. Nach Ronans Tod wurde dessen Leichnam auf einen Ochsenkarren gelegt. Die Tiere sollten den Karren so lange ziehen, bis sie stehen bleiben. Der Legende nach kamen die Ochsen wunderbarerweise zurück nach Locronan. Kében, die nichts vergessen hatte und offenbar ungeheuer nachtragend war, soll sich ein Waschholz gegriffen und einem der Ochsen ein Horn abgeschlagen haben. Das war zu viel. Es tat sich die Erde auf und zur Strafe sei Kében auf direktem Wege in die Hölle gefahren. An dieser Stelle wurde die Kirche von Locronan erbaut. Diese Geschichte ist an der Kanzel der Kirche Saint Ronan bildlich dargestellt.

Die Hauptstraße mit der Kirche von Saint-Ronan

Die Hauptstraße mit der Kirche von Saint-Ronan

Sechstes Jahrhundert hin, neuntes Jahrhundert her, die Kirche wurde mit Sicherheit erst zwischen den Jahren 1430 und 1480 erbaut. Hier ist reinste Spätgotik zu sehen mit einem beeindruckenden steinernen Gewölbe. Auffällig ist, dass der viereckige Turm keine Spitzhaube trägt. Es ist überliefert, dass diese am 2. Januar 1808 einem Blitzschlag mit anschließendem Feuer zum Opfer fiel. Später wurde eine niederere, achteckige Haube aufgesetzt. Über dem Hauptaltar befindet sich ein großes Kirchenfenster mit den Darstellungen der Passion Christi. Die im Jahr 1485 angebaute Chapelle du Pénity birgt das Grab des Heiligen.

Da wir recht spät am Tag in Locronan eingetroffen sind und die Abenddämmerung einbricht, sind die Lichtverhältnisse im Kirchenschiff noch schlechter als sonst. Die sehr spärliche Beleuchtung allerdings lässt uns den Eindruck, ins 15. Jahrhundert zurückversetzt worden zu sein, umso deutlicher empfinden. Der wird lediglich vom Blitzlicht des einen oder anderen Touristen immer wieder unterbrochen.

Wir beschließen, morgen wieder zu kommen. Zuallererst jedoch müssen wir etwas für unser leibliches Wohl tun und steuern die Crèperie „Ty Coz“ an, die direkt gegenüber der Kirche an der Place de L’Èglise liegt. Wir haben Glück und bekommen sofort einen Platz zugewiesen. Drei Flaschen Cidre, fünf Galettes und eine Crèpe für Albert verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Galettes und die Crèpe sind ganz hervorragend – sie gehören zum besten ihrer Art, was wir bis dato in der Bretagne gegessen haben.

Wir bekommen’s gezeigt

Die Köche erklären uns, wie Galettes richtig gebacken werden

Die Köche erklären uns, wie Galettes richtig gebacken werden

Nach dem letzten Urlaub in der Bretagne hat sich ja Petra ein paar Mal an Galettes versucht. Sie hat sich zu diesem Zwecke semi-professionell ausgestattet. Jedoch – vergeblich. Entweder klebte der Teig fest oder er war zu dick oder zu dünn oder zu flüssig oder verbrannt. Bestenfalls entstand so etwas wie eine „Galette Bataille de Flandre“ Kurzum, es war eine demotivierende Angelegenheit für uns beide. Irgendwas musste grundsätzlich falsch sein. Eigentlich in der Absicht, zu fotografieren, begebe ich mich zu den Köchen und beobachte sie eine Weile. Drei Mann hoch stehen sie hinter ihren flachen, großen, beheizten gusseisernen Platten und arbeiten. Ich frage sie schließlich, wie sie es schaffen, dass ihnen die Galettes so perfekt in Konsistenz, Farbe, Form und Geschmack gelingen. Zu meinem Erstaunen erklärt mir einer von ihnen detailliert, wie das funktioniert: Auf die heiße Heizplatte wird zuerst ein Stück Butterschmalz gegeben. Mit einem Krepppapier wird es verrieben. Anschließend kommt – und das ist offenbar ein wesentlicher Kniff – ein Ei drauf, welches mit demselben Krepppapier ebenfalls auf der Platte völlig verrieben wird. Jetzt erst gießt der Koch eine Kelle voll des flüssigen Teiges aus Buchweizenmehl (Blé Noir) auf die Platte und verstreicht ihn zügig. Das erfordert etwas Übung. Er dreht mit einem flachen Spatel die Galette um und wenn die Galette eigentlich fertig ist, gibt er einen Klacks Butter drauf, die sofort schmilzt und verstrichen wird. Jetzt sind die jeweiligen Zutaten dran. Dann wird die Galette eingeklappt und auf einem Teller angerichtet. Das ist mächtig (und) lecker. Petra will es zu Hause doch noch mal probieren. Sagt sie.

Wie ein Gemälde von van Gogh präsentieren sich die Straßen und Gassen beim Aufbruch

Wie Gemälde von van Gogh präsentieren sich die Straßen und Gassen beim Aufbruch

Gesättigt und zufrieden brechen wir gegen einundzwanzig Uhr auf und werden Zeuge eines fantastischen Restsonnenuntergangs. Das Licht der Straßenlaternen unterstreicht das mittelalterliche Flair. Der Anblick erinnert an Bilder des Vincent van Gogh. Es verwundert nicht, dass die Straßen und Häuser in Locronan eine bevorzugte Location für Filmproduktionen sind. So hat in dieser Kulisse auch Roman Polanski Szenen des Spielfims „Tess“ mit Nastassja Kinksi gedreht. Gegen zweiundzwanzig Uhr laufen wir wieder in St.-Guénolé ein. Und weil der Abend noch relativ jung ist, spielen wir bei zwei Flaschen Wein Doppelkopf. Nach langer Durststrecke entscheidet Petra das Rennen für sich.

Donnerstag, 15. September 2016

Bei Claudine in der zum Wohnhaus umgebauten Fabrik kann man in vielen Bereichen von oben nach unten durchgucken

Bei Claudine in der zum Wohnhaus umgebauten Fabrik kann man in vielen Bereichen von oben nach unten durchgucken

Zwischenzeitlich hatten wir immer wieder mal mit unserer Nachbarin Claudine von gegenüber getratscht. Sie ist nach einer Woche Urlaub gut erholt zurückgekehrt und bereitet seither wieder für die Wochenmärkte der Region ihre Speisen zu. Diese genießen einen guten Ruf, wobei erstaunlicher Weise der deutsche Kartoffelsalat mit leicht adaptiven Abwandlungen besonders gut ankommt. Warum ausgerechnet deutscher Kartoffelsalat? Nach Rückfrage stellt sich heraus, dass ihre Mutter eine waschechte Berlinerin war. Jedoch, sprachlich ist außer den Worten „Komm“, „bitte“ und „danke“ nichts hängen geblieben.

Geordnetes Chaos im 'Ankleideraum'

Geordnetes Chaos im ‚Ankleideraum‘

Irgendwie interessiert mich diese Frau, die da in der von der Straße aus zugänglichen, winzigen Küche dieses recht großen Gebäudes, das einer Fabrik gleicht, kocht und damit ihren Lebensunterhalt verdient. Aufgefallen jedoch war mir bereits in den vergangenen Tagen, dass in den Fenstern der oberen Etagen nichts auf einen Fabrikbetrieb schließen lässt, eher sind bruchstückhaft Einrichtungsgegenstände einer Wohnung zu erkennen. Ich gehe Claudine mit der Kamera besuchen. Sie ist erfreut, mich zu sehen.

Wohnlandschaft in einer Fabrik

Unter dem Dach geht's dahin, wo einst ihr Sohn aufwuchs

Unter dem Dach geht’s dahin, wo einst ihr Sohn aufwuchs

Neugierig, wie ich bin, lenke ich sukzessive das Gespräch auf Persönliches, was natürlich auch ihre Lebenssituation betrifft. Ich erfahre, dass der Vater ihres achtzehnjährigen Sohnes vor Jahren das Weite gesucht hat, und sie heute in der ehemaligen Fabrik gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrem Lebensgefährten lebt. Auf meine Frage, was das für ein Gebäude sei, in welchem sie ihre Küche hat, antwortet sie nur: „Komm!“

Und ich „komm“ aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hinter der Miniküche mit der auf einem Gasherd in einem großen Topf brodelnden Fischsuppe, die Arbeitsfläche voller Gemüse, auf der kein Quadratzentimeter freien Platzes zu finden ist, mit der Spüle, in der sich gebrauchtes Arbeitsgerät türmt und mit der Schwerstarbeit leistenden Spülmaschine öffnet sich ein Durchgang in die ehemalige Fischverarbeitungsfabrik. Ich betrete einen großen Raum von rund 200 Quadratmetern. Überall steht etwas herum. Am Fenster befinden sich eine Arbeitsplatte voller Acryl- und Ölfarben – Tuben und Flaschen, sowie Pinsel, Tücher, ein zweckentfremdeter Küchenschrank, ebenfalls mit Malereizubehör vollgestopft, eine Staffelei und allerlei Dinge, die künstlerischem Schaffen dienlich sind. Der Lebensgefährte von Claudine ist Künstler.

Unter dem Dach ein Kinderparadies

Unter dem Dach ein Kinderparadies

Die ehemalige Fabrikhalle im Erdgeschoss dient heute als Atelier

Die ehemalige Fabrikhalle im Erdgeschoss dient heute als Atelier

Anschließend führt sie mich stolz eine schmale Treppe hoch und ich komme in Räumlichkeiten, die einem Märchenfilm gerecht würden. Auf dieser Ebene befinden sich neben einem langen Flur das Schlafzimmer, ein großer Wohnbereich mit offener Küche, ein Raum mit Klamotten, untergebracht in offenen Schränken, und das Badezimmer. Das besondere ist, dass bis auf den Wohnbereich und das Schlafzimmer sämtliche Räume nach oben offen sind. Das heißt, von der Galerie der Ebene darüber kann man nach unten sehen. Auf dieser Ebene befindet sich auch ein Kinderparadies. Von so etwas hatte ich immer geträumt. Äußerst fasziniert versuche ich, so viel wie möglich fotografisch festzuhalten. Die ganze Wohnung macht einen liebevoll chaotischen Eindruck. Jede Ecke ist ausgenutzt. Überall sind geerbte oder über Jahrzehnte gesammelte Kleinode drapiert beziehungsweise zur Schau gestellt. An den Wänden hängen relativ sparsam gemalte und gezeichnete Bilder. Auffällig: Nirgendwo ist auch nur der Anflug von Staub zu erkennen. Ich hole Petra nach, damit auch sie in den Genuss dieses Anblickes kommt. Claudine ist völlig zu Recht stolz auf ihr Reich. Wir könnten immer weiter auf Entdeckungsreise gehen und immer Neues entdecken. Leider müssen wir nach viel zu kurzer Zeit aufbrechen.

Auf dem Weg nach Quimper muss ich über Claudine nachdenken. Es ist erstaunlich, was sich so hinter Menschen verbergen kann. Zudem haben wir erfahren, dass Claudine mit der Gemeinde-Verwaltung von Penmarc’h zu tun hat und mitverantwortlich am strukturellen Umbau der Region beteiligt ist. Das hätten wir mal früher wissen sollen.

Quimper bei Sonnenschein

Das Collège Tour d’Auvergne, vom Jardin de la Retraite aus gesehen

Das Collège Tour d’Auvergne, vom Jardin de la Retraite aus gesehen

Im vergangenen Jahr waren wir ja von Quimper so enttäuscht, dass wir der Stadt eine neue Chance geben wollten. Damals war es kalt, die Kathedrale machte Mittagspause, die interessanten Geschäfte waren geschlossen, von der viel gepriesenen Schönheit offenbarte sich uns nicht viel. Dieses Mal bringen wir bei sonnigem und warmem Wetter Zeit und die Bereitschaft zur Versöhnung mit. Wir stellen das Auto oberhalb der Altstadt in der Nähe vom Place de la Tourbie in der Rue des Douves auf einem kostenpflichtigen Parkplatz ab.

Bevor wir uns dem Zentrum und der Kathedrale widmen, nehmen wir denjenigen Teil der aus dem vierzehnten Jahrhundert stammenden Stadtmauer in Augenschein, welche die Altstadt im Norden begrenzt. Hier steht auch das Collège Tour d’Auvergne, heute Schule, vormals Bischofssitz, der, nach einem französischen Adelsgeschlecht benannt, erstmals um das Jahr 1206 erwähnt wurde. Hier war Caterina de‘ Medici, die ab 1547 als Königin von Frankreich herrschte, untergebracht. Leider ist dieser Bereich des alten Bischofssitzes nicht zu besichtigen.

Erholung im Park

Der Garten mit seiner mediterranen Vegetation

Der Garten mit seiner mediterranen Vegetation

Auf dem Weg hinunter in die Altstadt entdecken wir auf der linken Seite den Zugang zum Jardin de la Retraite, der sich, versteckt hinter einer Mauer, über ein Gelände von rund einem halben Hektar erstreckt. Er wurde um das Jahr 1911 von katholischen Nonnen, den „Sœurs de la Retraite“, angelegt und erst im Jahr 1979 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Garten mit seiner südländischen Anmutung ist das, was der Name suggeriert: Eine Oase der Ruhe. So scheinen hier viele der Besucher, Arbeitnehmer wie Schüler, ihre Mittagspause zu verbringen. Sie genießen ihren mitgebrachten Snack im Sonnenschein auf Bänken oder Mäuerchen. Eine eher unübliche Bepflanzung herrscht vor, wobei deren kompositorische Anlage weniger einen botanischen Garten als einen Park entstehen ließ. Die Höhenunterschiede innerhalb des Parks müssen mit Hilfe von Treppen und etwas steileren Passagen überwunden werden. Silvia und Petra sehen uns im ebenen Teil des Parks um und lassen sich schließlich auf einer Bank nieder, wo sie sich, umgeben von Palmen, der Wärme der Sonne hingeben, ab und an von Tratsch unterbrochen. Ich fotografiere ja eh und Silvia hat Albert ihren Fotoapparat mitgegeben.

Wie der Name 'Jardin de la Retraite' bereits aussagt, erholen sich hier die Menschen vom Alltagsstress

Wie der Name ‚Jardin de la Retraite‘ bereits aussagt, erholen sich hier die Menschen vom Alltagsstress

So erkunden Albert und ich das kleine Paradies. Es gibt einiges zu sehen, insbesondere ist der Blick über die Begrenzungsmauer zur Rue Élie Freron hin beeindruckend. Im oberen Teil des Jardin treffen wir auf Schüler, deren einer eine Perücke mit langen, silberweißen Haaren aufgesetzt hat. Überhaupt ist die Stimmung insgesamt recht ausgelassen. Nach ausgiebiger Besichtigung holen wir die Damen und Goya ab. Der Weg führt uns anschließend durch schmale Straßen hinab zur Cathédrale Saint-Corentin. Der Startschuss zu deren Erbauung fiel in das zwölfte Jahrhundert. So begann sie als romanische Kirche zu wachsen. Abgeschlossen wurde der Bau im Jahr 1515 im gotischen Stil. Heute reiht sie sich in die Riege „Historische Monumente Frankreichs“ ein.

Der Blick in das Hauptschiff der Kathedrale vom Eingangsportal aus irritiert den Besucher, ist doch ein deutlicher Knick in der Hauptachse auszumachen. Das ist bei großen Kirchen, deren Erbauung lange Zeit in Anspruch nahm, nicht ungewöhnlich. Bei der Konstruktion dieser Kirchen wurden erst die „Langhäuser“, die Kirchenschiffe nach Osten hin ausgerichtet. Anschließend wurde der angrenzende Chor nach der aufgehenden Sonne am lokalen Horizont orientiert gebaut. Anhand des Achsknicks kann der zeitliche Abstand zwischen den einzelnen Ausrichtungsmaßnahmen berechnet werden. Im Übrigen galt nach römisch-katholischem Kirchenrecht das Langhaus als weltlicher Ort, der Chor als der himmlische Bereich.

Kleine Missverständnisse

Mächtig recken sich die Türme der Kathedrale Sait Corentin gen Himmel

Mächtig recken sich die Türme der Kathedrale Sait Corentin gen Himmel

Zwischen den beiden Türmen ist das Reiterstandbild von König Gradlon zu erkennen.

Zwischen den beiden Türmen ist das Reiterstandbild von König Gradlon zu erkennen.

Die Kathedrale zeigt, wenn man so will, drei Etagen: Die erste wird von den Arkaden bestimmt, die zweite von der Galerie und die dritte nehmen die wunderschönen Fenster ein. Man sollte sich schon die Zeit nehmen, die Gemälde, Statuen, Reliefs, Seitenkapellen sowie die verschiedenen künstlerischen Darstellungen in den Fenstern, in welchen unter anderem auch die Geschichte des Namensgebers der Kathedrale dargestellt ist, zu betrachten. Und diese Zeit nehmen wir uns auch. Die beiden Damen haben uns Goyas wegen den Vortritt gelassen. Allerdings können wir nach der Besichtigung der Kathedrale die beiden Damen nicht entdecken. Also setzen wir uns in die Außengastronomie des Cafés „Le Finistère“ und warten. Geduldig. Das ist das Allerletzte! Dann kommen sie an. Wir sind sauer, Petra und Silvia sind sauer. Petra drückt mir die Hundeleine in die Hand. Dann verschwinden die beiden Damen in der Kathedrale. Nach ausgiebiger Besichtigung kehren sie zurück und wir schlendern gemeinsam, aber stumm durch die Gassen, beobachten patrouillierende Polizisten, die sich angeregt mit den einen oder anderen Straßenhändlern unterhalten – in Frankreich herrscht ja immer noch Ausnahmezustand -, überqueren das Flüsschen Le Steïr und kehren anschließend über den Place Terre au Duc zum Parkplatz zurück.

Auch in den Seitenstraßen von Quimper sind wenige Menschen unterwegs

Auch in den Seitenstraßen von Quimper sind wenige Menschen unterwegs

Gebäude mit mächtigem Mauerwerk stehen entlang des Flüsschens Le Steïr

Gebäude mit mächtigem Mauerwerk stehen entlang des Flüsschens Le Steïr

Am Parkscheinautomaten haben wir ein amüsantes Erlebnis. Ein Ehepaar aus England versucht verzweifelt, die anfallenden Parkgebühren zu bezahlen, mangels Bargeld mit der Scheckkarte. Allerdings wird deren englische Scheckkarte vom Automaten nicht anerkannt. Albert kommentiert die Zurückweisung trocken mit der Feststellung: „That’s because of your Brexit.“ Die Engländer stutzen kurz, bevor sie lachen. Wir wollen ihnen aus der misslichen Lage heraushelfen, sie bedanken sich jedoch und beschließen, nochmals nach Quimper zu gehen, um eine Bank zu suchen.

Überraschende Trachtengruppe

Der Blick von oben auf Locronan und die dominierende Kirche

Der Blick von oben auf Locronan und die dominierende Kirche

Wir beschließen, nach St.-Guénolé auf dem Umweg über Locronan zu fahren. Wir wollen eine für Touristen nicht so einfach zugängliche Strecke benutzen (nur für Riverains, Anlieger), die uns Claudine wegen des Ausblickes auf das Städtchen noch am Vormittag ans Herz gelegt hatte. Und Weg wie Ausblick auf Locronan lohnen sich in der Tat.

Dann geschieht ein Wunder! Wir rollen durch schmale Gassen den Berg hinunter nach Locronan hinein. Kurz vor der Kirche muss ich abrupt abbremsen. Ich habe das Gefühl, in einem falschen Film zu sein. Da reißt Silvia, von einem spitzen Schrei untermalt, noch während das Auto rollt, die Tür auf, schnappt sich ihren Fotoapparat und hopst raus. Ich realisiere Menschenmengen! Hauben! Coiffes! Trachten! Ganz viele verschiedene! Auf dem Kirchplatz! Albert und Petra steigen ebenfalls aus. Immerhin holt Petra den Hund hinten aus seiner Koje und fordert mich im Weggehen auf, einen Parkplatz zu suchen. Meinen schwachen Einwand kontert sie mit der Behauptung, ich würde das schon regeln. Das erweist sich an diesem Tage als nicht einfach, weil Locronan gut besucht ist. Sei’s drum, ich kann erheblich später das Auto auf einem regulären Parkplatz am Rande von Locronan abstellen, und begebe mich zügigen Schrittes mit Silvias Handtasche sowie meinem Fotoapparat zur Kirche.

Manchen Frauen stehen die Coiffes richtig gut

Manchen Frauen stehen die Coiffes richtig gut

Coiffes müssen nicht immer aussehen wie Türme

Coiffes müssen nicht immer aussehen wie Türme

Die Trachtengruppe ruht sich von den Strapazen ihres Auftritts aus

Die Trachtengruppe ruht sich von den Strapazen ihres Auftritts aus

Die Trachtengruppe ist mittlerweile um die Ecke verschwunden und hat sich vor einem Restaurant an dessen Tischen niedergelassen, so dass ich den aufrechten Anblick prunkvoller Gewänder und kunstvoller Stickereien vor der Kirche verpasse. Ich muss zugeben, dass die Frauen und Männer selbst sitzend ein historisch anmutendes Bild abgeben, auch wenn die Trachten etwas zu, na ja, gepflegt aussehen. Ich frage in die Runde, ob ich fotografieren dürfe. Sie alle haben nichts dagegen und ich löse ein um das andere Mal aus. Es entstehen einige schöne Aufnahmen.

Im Anschluss begeben wir uns in „unsere“ Crèperie Ty Coz, um zu Abend zu essen. Wir haben Glück, denn just in dem Moment, da wir den Gastraum betreten, wird ein Tisch frei. Hier erfahren wir, dass die Trachtengruppe von einer US-amerikanischen Reisegruppe gebucht worden war, um einen Eindruck von bretonischer Folklore zu bekommen. Rundum zufrieden fahren wir nach St.-Guénolé zurück, spielen noch eine Runde Doppelkopf und begeben uns nach dem Hundespaziergang auf den Rochers ins Bett. Die Brandung höre ich gar nicht mehr.

Freitag, 16. September 2016

Am Calvaire von Tronoan Abendmal aus Stein

Am Calvaire von Tronoan das Abendmal aus Stein

Darstellung von Jesus mit 12 Jahren zwischen zwei Gelehrten

Darstellung von Jesus mit 12 Jahren zwischen zwei Gelehrten

Der letzte Tag ist angebrochen. Nach ausgiebigem, gemeinsamem Frühstück ziehen wir los, um Vorräte für zu Hause in Deutschland einzukaufen: Thunfisch und Sardinen im Glas, Meeresalgen und so weiter, alles Dinge, die wir Daheim nicht kaufen können. Zurück in der Ferienwohnung beginnen wir damit, die Koffer zu packen und aufzuräumen.

Ansicht der Figurengruppe Geißelung Christi

Ansicht der Figurengruppe Geißelung Christi

Weil Petra das so will, fahren wir noch einmal nach Tronoën, um einen letzten Blick auf diesen ältesten Kalvarienberg der Bretagne ohne Menschenansammlung werfen zu können. Zwar ist kein Mensch zu sehen, jedoch steht an zwei Seiten unmittelbar vor dem Sockel ein etwa achtzig Zentimeter hohes Podest, das offenbar anlässlich eines vergangenen oder zukünftigen Ereignisses als Bühne aufgebaut worden war. Es bietet immerhin einen Vorteil: Wir können die skulpturellen Darstellungen besser im Detail begutachten. Nach ausgiebigen Studien fahren wir weiter und entdecken auf dem Rückweg in La Torche eine Poterie des einheimischen Künstlers „Ar Vraz“. Die Arbeiten sind ungewöhnlich. Wir können nicht widerstehen und erwerben ausgesprochen schöne Keramiken.

Der Turm der spätgotischen Kirche St.-Nonna von St. Guénolé, mehr ist nicht übrig.

Der Turm der spätgotischen Kirche St.-Nonna von St. Guénolé, mehr ist nicht übrig geblieben.

Auf dem Rückweg vom Abendessen in den Straßen von Saint-Guénolé

Auf dem Rückweg vom Abendessen in den Straßen von Saint-Guénolé

Auf dem Rückweg halten wir am Turm der spätgotischen Kirche St.-Nonna von St. Guénolé an. Sie wurde von Reedern gestiftet. Der übrig gebliebene viereckige Turm wird auf das Jahr 1508 datiert.

Nach einem Spaziergang mit Goya an der Küste entlang bleibt die Küche kalt und wir marschieren alle in die Crèperie au Port. Auf Anraten von Claudine essen Silvia, Albert und ich zum Nachtisch eine Crèpe du blé noir au chocolat, jedoch in Ermangelung der angeratenen Birne mit Apfel. Die Crèpe ist extrem süß. Jedenfalls kommt die Vertilgung des Nachtisches ziemlich schnell zum Erliegen. Petra ist froh, darauf verzichtet zu haben und sich mit einem Salat mit Thunfisch als Nachtisch begnügt zu haben. Sie ist zwar auch pappsatt, aber anders. Wie gut, dass wir einige Schritte gehen müssen.

Goya wartet auf seinen nächtlichen Spaziergang

Goya wartet auf seinen nächtlichen Spaziergang

Zurück in der Ferienwohnung werden die Autos beladen und die Wohnung übergabefein gemacht. Da Petra und ich am nächsten Morgen bereits um sieben Uhr in der Frühe aufbrechen wollen, wir damit bei der Übergabe der Wohnung nicht mehr dabei sein können, müssen wir die Übergabe Silvia und Albert überlassen. Nach dem üblichen, letzten Hundespaziergang auf den Rochers gegen zwölf Uhr gehen wir alle schlafen.

Samstag, 17. September 2016

Wie geplant überlassen wir Silvia und Albert ihrem Schicksal und sind ab sieben Uhr früh auf dem Weg in den Burgund, wo wir noch eine Woche verbringen wollen. Das Wetter ist schön, und die regionale Wettervorhersage für die kommenden Tage in Premeaux-Prissey scheint vielversprechend. Da wir beide noch nie im Burgund waren, freuen wir uns sehr auf die uns in diesem Fall geschmacklich äußerst vertrauten Orte: Gevrey-Chambertin, Chambolle-Musigny, Vosne-Romanée, Nuits-Saint-Georges, Aloxe-Corton, Chassagne-Montrachet, Marsannay-la-Côte, Savigny-les-Beaune, Santenay, Morey-Saint-Denis ….

 

Fotostrecke

2018-01-20T17:07:54+00:00 21 August 2017|