Huahine, die doppelte Insel

Ein Eiland mit zwei Gesichtern

Von Stephan Schmidt, Redaktion Klaus W. Schmidt

Ich habe auf den Spuren nach den Paradiesen der Südsee noch drei Wochen Zeit und möchte diese nutzen, um zu besuchen, das bekannt ist für seine vielen erhaltenen und . Ich habe keine Ahnung, ob meine von Deutschland aus zwei Monate zuvor getätigte Buchung einer Unterkunft in Fare noch Gültigkeit hat. Es gibt einen Flug von nach Huahine mit Zwischenlandung in . Nach dem Besteigen der ATR habe ich mich im Flugzeug so weit wie möglich nach vorne begeben, um beim Landeanflug freie Sicht zu haben. Das Wetter ist gut, nur wenige Wolken – und da ist sie, die Zwillingsinsel.

Die Doppelinsel als Schema

Die Doppelinsel als Schema Huahine besteht aus zwei Vulkanen. Beide sind von einer Lagune umgeben

Huahine besteht aus zwei Zentralinseln, die fast zusammenhängen. Sie sind miteinander durch eine etwa fünfundzwanzig Meter lange Straßen-Brücke verbunden. Das Meer reflektiert in dunklem Blau, beide Inseln sind von einer relativ schmalen Lagune umgeben. Der Flughafen liegt an der Nordspitze der größeren der beiden Inseln – sie heißt Huahine-Nui.

Anflug auf Huahine-Nui, im Sichtfeld die Hauptstadt Fare

Anflug auf Huahine-Nui, im Sichtfeld die Hauptstadt Fare

Beim Landeanflug hat man einen wunderbaren Blick auf das bis zum Gipfel begrünte Gebirge, dessen höchste Erhebung der Mont Turi mit 670 Metern ist. Ich kann hellgrün den palmenbedeckten Küstenstreifen mit dahingesprenkelten einzelnen bunten Flecken, den Dächern von vereinzelten freistehenden Häusern, erkennen. In Flughafennähe gibt es keine Ansiedlungen. Die Hauptstadt Fare ist eher ein verschlafenes Tropendorf. Ich kann sie von oben sehen – sie liegt an der Nordwestküste von Nui. Während des Sinkfluges erkenne ich die Brandung, offenbar sind es hohe Wellen, die sich an den Atollen brechen. Sicher setzen wir auf der sehr großzügig dimensionierten Landebahn auf. Die Maschine rollt gemächlich aus. Da ich lediglich Handgepäck mit mir führe, muss ich auf keinen Koffer warten.

Anders als auf Maupiti

Mich überrascht ein buntes Treiben, ein regelrechtes Tohuwabohu. Im Flughafengebäude, einer großen Holzhalle, stoße ich auf einen im Vergleich zum Airport Maupiti geradezu großstädtischen Menschenauflauf. Von allen Seiten werde ich mit heftig-freudigen Begrüßungsszenen konfrontiert. Langsam leert sich die Halle und siehe da, ich entdecke eine schöne, dunkelhaarige, europäisch aussehende Frau um die vierzig. Wie sich später herausstellt, ist sie eine normalerweise in Kalifornien ansäßige Französin, die ein Schild in die Höhe hält, auf welchem der Name der Pension geschrieben steht, die ich gebucht hatte: „Chez Guynette“. Erleichtert atme ich auf, ich wurde nicht vergessen! Die Pension war vor Jahrzehnten von einem Belgier gegründet worden und befindet sich in Familienbesitz.

Die Pension „Chez Guynette“ an der Hauptstraße von Fare, gegenüber dem Hafengebäude in Gelb gelegen

Die Pension „Chez Guynette“ an der Hauptstraße von Fare, gegenüber dem Hafengebäude in Gelb gelegen

Hier sehe ich bereits einen deutlichen Unterschied zu Maupiti, wo sich die beiden Pensionen, in denen ich abgestiegen war, in polynesischer Hand befinden. Mal abwarten. Die Pension ist einfach, straff organisiert und preiswert. Sie liegt inmitten von Fare in unmittelbarer Nähe zum Hafen und zum Strand. Hier ist alles voller Leben, die Terrasse vor der Pension, ein Treffunkt für Besucher und Weltenbummler, ist bei meiner Ankunft brechend voll.

Blick aus dem Fenster meines Zimmers durch das Moskitogitter

Blick aus dem Fenster meines Zimmers durch das Moskitogitter

Die Pension hat Zimmer, deren Zugänge – Fenster und Türen – mit Moskitonetzen und -gittern verhangen sind. Das Chez Guynette hat außerdem für kleine Geldbeutel ein so genanntes Dormitory, einen Schlafsaal für die Übernachtung von vielen Gästen in einem Raum. Mit dieser preiswerten Übernachtungsmöglichkeit wirbt das Chez Guynette: „Pension Familiale et Premier ‚Club Bed‘ du Monde“. Die Pension stellt allen ihren Gästen eine Gemeinschaftsküche mit Kühlschrank zur Verfügung, wo diese ihre selbst gekauften Lebensmittel deponieren und sich gegebenenfalls Mahlzeiten zubereiten können. Am meisten beeindruckt mich wieder einmal die gute Laune der Menschen, die Stimmung und die überschäumende Lebensfreude. Bereits am ersten Tag habe ich so viele Menschen kennengelernt, dass ich am Abend in der Bar nebenan mit großem Hallo begrüßt werde.

Eine einheimische Frau als Gast in der Bar der Pension „Chez Guynette“

Eine einheimische Frau als Gast in der Bar der Pension „Chez Guynette“

Wie schön das Leben doch sein kann, denke ich, als ich mit einem kühlen Bier zwischen all den Menschen sitze und das Gefühl habe, schon immer dazu zu gehören. Und zufrieden stelle ich fest, dass keine Pauschaltouristen in Sicht sind, obwohl es am nördlichen Rand von Fare so etwas ähnliches wie ein Resort-Hotel gibt. Hier, im Zentrum von Fare, findet sich eine anregende Mischung aus Einheimischen zusammen, die tagsüber ihre Geschäfte erledigen und sich jetzt mit Freunden treffen, und mit Besuchern wie mir, die das Südseeflair atmen wollen und sich für die kulturellen Hinterlassenschaften und Belange der Einheimischen interessieren.

Treffpunkt für Globetrotter

Eine ganz eigene Menschengattung habe ich vergessen zu erwähnen: Schweigsame, in sich ruhende junge Leute aus allen Teilen der Welt, zumeist aus Australien, die leicht an den Osso-di-Sepia-förmigen Auswüchsen unter dem einen oder anderen Arm zu erkennen sind, den Surfbrettern. Ich habe sie nur als sehr liebenswürdige Menschen erlebt. Huahine gilt als Geheimtipp für Surfer. Fare hat einen natürlichen Zugang zum Meer, weil die ringförmigen Atolle dort eine große Lücke lassen. So gibt es einen Naturhafen, der selbst für größere Frachter geeignet ist. In einer Entfernung von etwa drei Kilometern, an den jeweiligen Enden der Riffe, laufen gewaltige Wellen auf, die gut zwanzig Meter Höhe erreichen können. Für Surfer ist das eine nicht alltägliche Herausforderung. Während meines Aufenthaltes haben im Dormitory regelmäßig mehrere Surfer übernachtet.

Fare scheint ein Treffpunkt von Globetrottern und globalen Vagabunden zu sein, hauptsächlich Franzosen, US-Amerikanern und Kanadiern, die alle irgendwelche Geschäfte zu erledigen haben. Interessant ist ein kanadischer Ingenieur, der die Aufgabe hat, eine Initiative zur Installation von Solarenergie auf der Insel mit Leben zu erfüllen. Da ist Christophe aus Paris, der damit beschäftigt ist, seiner eifersüchtigen Ehefrau zu entkommen. Sie ruft ihn ständig an. Und die Telefonverbindungen von und nach Polynesien sind sündhaft teuer. Da ist Claire aus Belgien, die sich von ihrem untreuen Ehemann nicht scheiden lassen will und hier nach Gelegenheiten sucht, das Konto auszugleichen.

Ich habe Glück und finde das Wohlgefallen einer Gruppe von Einheimischen, mit denen ich mich regelmäßig zum Trinken, Singen und Tanzen treffe. Ich werde in die ‚Großfamilie‘ aufgenommen. Auch hier fällt mir auf, wie freundlich, zuwendend und doch distanziert die Menschen sind – das halte ich für eine Kunst. Ihre Herzen können offensichtlich am leichtesten gewonnen werden, wenn man mit ihnen tanzt. Die polynesische Musik ist weich, rhythmisch und melodisch. Zu Hause tanze ich eigentlich nie, hier ist es kein Problem, einfach loszulegen. Die Menschen freuen sich darüber und machen mir Komplimente. Sie sagen, ich sei ein guter Tänzer. Das habe bis dato nicht gewusst.

Das Fahrrad

In Papeete hatte ich vier Wochen zuvor ein Fahrrad gekauft und vereinbart, dass es mir per Schiff nach Fare gebracht wird. In der heutigen Nacht soll die Taporo II, ein ziemlich großer Frachter, der neben Tahiti auch die Inseln Huahine, Raiatea, Tara und Bora Bora regelmäßig anläuft, hier um zwei Uhr nachts mit meinem Fahrrad ankommen. Ich bleibe daher so lange in der Bar, warte und zweifle. Ich zweifle daran, ob das wirklich funktioniert. Wir haben bereits drei Uhr. Plötzlich kann ich in der Schwärze der Nacht die Lichter des Frachters ausmachen. Im Mondschein kann ich sogar die Umrisse erkennen. Kurze Zeit später gleitet das Schiff in den Hafen und macht an der Pier fest. Ich weiß nicht, wo die vielen Menschen plötzlich herkommen, die helfen, die Fracht zu löschen. Zwischen zwei Kisten steht mein blau-metallic-farbener Beachcruiser mit Weißwandreifen. Ich hole meinen Speditionsnachweis aus der Tasche, lege ihn dem diensthabenden Oberaufseher vor, hole mein Fahrrad und schiebe es glücklich zur Pension, wo ich es in meinem Zimmer verstecke. Angeblich soll nämlich in ganz Polynesien das Verständnis von Eigentum sehr frei interpretiert werden.

Mein Beachcruiser ohne Gangschaltung und vermutlich der einzige Fahrradfahrer in ganz Polynesien mit Helm (rechts)

Mein Beachcruiser ohne Gangschaltung und vermutlich der einzige Fahrradfahrer in ganz Polynesien mit Helm (rechts)

Selbstporträt in Montur: Vermutlich der einzige Fahrradfahrer in ganz Polynesien mit Helm

Selbstporträt in Montur: Vermutlich der einzige Fahrradfahrer in ganz Polynesien mit Helm

Der erste Ausflug mit dem Fahrrad

Mein neues Fahrrad ist ein einfaches Fahrrad ohne Schaltung, ohne Felgenbremse, nur Rücktrittbremse, sehr geeignet jedoch für die flachen Küstenstraßen, welche um die Inseln Nui und Iti herumführen. Die Reifen haben einen großen Durchmesser und sind breit mit ausgeprägtem Profil.

Gute Straßen führen durch das Buschland nach Maeva

Gute Straßen führen durch das Buschland nach Maeva

Mein erster Ausflug führt mich in die Stadt Maeva, über die ich während meiner literarischen Vorbereitungen viel erfahren habe. Heute ist Maeva ein landwirtschaftliches Zentrum, war aber in der Vergangenheit das kulturelle und politische Zentrum von Huahine. Es herrscht wenig Verkehr, einige Pickups, einige Scooter. Es ist trocken, wir haben 35 Grad Celsius und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Das macht mir aber schon lange nichts mehr aus, mein Körper hat sich gut angepasst. Der Straßenbelag ist durchgängig geteert ohne Schlaglöcher, eine Freude zu fahren.

Die wunderschöne Post von Fare.

Die wunderschöne Post von Fare.

Die Fahrt führt mich zuerst am Postgebäude von Fare vorbei, einem besonders schönen Bau aus der französischen Kolonialzeit. Zugewunken wie auf Maupiti wird mir hier nicht. Ich beobachte jedoch die verwunderten Blicke, denn ich bin offenbar der einzige Fahrradfahrer auf der Insel mit Sturzhelm. Der Weg nach Maeva führt mich durch Buschland.

Außer vereinzelten streunenden Hunden – eher groß – gibt es hier, wie auch auf Maupiti keine gefährlichen Tiere, weder giftige noch räuberische. Aber die Kokoskrabben! Diese auch Palmendieb genannten eindrucksvollen Tiere in ihren Ritterrüstungen können den Reifen von Fahrrädern den Garaus bereiten. Nicht etwa, weil sie willkürlich oder aus Lust und Laune sich darüber hermachen würden. Werden sie jedoch von Autos überfahren, so bleiben häufig spitze Überreste ihres Panzers oder ihrer Scheren auf der Straße liegen. Dann besteht größte Gefahr für die Reifen. Beim Fahrradfahren ist Aufmerksamkeit gefordert.

Ein Marae, eine Kultstätte, im Hintergrund links ist ein restauriertes Andachtshaus zu erkennen. Dahinter liegt der vom Meerwasser gespeiste Lac Fa‘una Nui

Ein Marae, eine Kultstätte, im Hintergrund links ist ein restauriertes Andachtshaus zu erkennen. Dahinter liegt der vom Meerwasser gespeiste Lac Fa‘una Nui

Auf dem Weg nach Maeva komme ich an den Lac Fa’una Nui, einen Salzwasser-Binnensee, der vom Meer durch einen schmalen Zufluss gespeist wird. Hier stoße ich auf die erste der vielen Marae von Huahine, der Kultstätten der Polynesier. Die einheimischen Bewohner sind derzeit dabei, die Kultstätte und das Andachtshaus zu restaurieren. An dieser Stelle war in der Vergangenheit nicht nur Andacht gehalten worden. Hier war auch einer der Plätze, an denen junge Menschen ihr Leben lassen mussten, um als Menschenopfer zu dienen. Erst die Christianisierung sorgte für das Ende dieser Rituale. In Maeva wurden Steinhäuser und eine protestantische Kirche gebaut.

Schwer zu erkennen: Der Steinhaufen mit seinen V-förmigen Ausläufern ist eine traditionelle Fischfalle im Meereszufluss des Lac Fa‘una Nui

Schwer zu erkennen: Der Steinhaufen mit seinen V-förmigen Ausläufern ist eine traditionelle Fischfalle im Meereszufluss des Lac Fa‘una Nui

Bis heute werden die traditionellen Fischfallen verwendet. Im Zugang vom Lac Fa’una Nui zum Meer entsteht jeweils bei Ebbe und Flut eine starke Strömung, in welcher Fische mitgezogen werden. Die Einheimischen haben in diesen Zugang Steine dergestalt positioniert, dass sich die Fische darin beim Abfluss des Wassers wie in einer Sackgasse sammeln und herausgeholt werden können.

Der tropische Wald in Richtung Haapu

Der tropische Wald in Richtung Haapu

Meine große Sorge: Aber die Regengüsse blieben doch draußen

Meine große Sorge: Aber die Regengüsse blieben doch draußen

Hinter Maeva fahre ich die Lagune entlang weiter, bis die Passstraße beginnt, die ins Landesinnere abbiegt. Das soll für heute reichen und ich kehre um.

Erkundung der ganzen Insel

Ich freue mich darauf, mit dem Fahrrad die Insel ganz zu umrunden. Wer sich die Karte von Huahine anschaut, kann erkennen, dass es nicht einfach eine Rundfahrt ist. Die Route hat in etwa die Form einer Acht. Der Ausgangspunkt ist Fare im Norden. Die Straße führt mich Richtung Süden entgegen dem Uhrzeigersinn in Richtung Übergang nach Huahine-Iti. Über die Brücke gelange ich auf die kleinere der beiden Inseln und folge der Straße stets durch tropischen Wald mal auf ebenen, mal auf steileren Straßenpassagen in Richtung Haapu. Zwischendurch muss ich darauf achten, immer wieder zu trinken. Der Flüssigkeitsbedarf ist doch ganz schön hoch.

Die Die Brücke von Iti nach Nui

Die Die Brücke von Iti nach Nui

Hier biege ich ab in Richtung Faie

Hier biege ich ab in Richtung Faie

Die Fahrt ist zeitweise anstrengend, aber es lohnt sich: Der Wechsel zwischen Tropenwald, finster und dunkel, und den sich immer wieder bietenden Ausblicken auf Lagune und Meer sowie die Gipfel der grünen Berge sind einfach märchenhaft. Verkehr existiert so gut wie nicht, der Straßenbelag ist weitgehend hervorragend. Im Südwesten komme ich immer den Lagunen entlang zur Baie d‘Auea, an den angeblich schönsten Strand Polynesiens. Dort entdecke ich eine kleine Pension direkt am Wasser der Lagune, wo ich übernachten kann.

Blick von der Pension aus auf die Lagune der Baie d‘Aurea, schemenhaft ist ganz hinten Raiatea zu erkennen. Der Regen bleibt da, wo er ist.

Blick von der Pension aus auf die Lagune der Baie d‘Aurea, schemenhaft ist ganz hinten Raiatea zu erkennen. Der Regen bleibt da, wo er ist.

Umweltschäden im Paradies

Nachdem ich mich am nächsten Tag fertig gemacht habe und ins Freie trete, stutze ich. Irgendwas stört mich. Irgendetwas stimmt nicht. Ich überlege. Vor meiner Hütte liegt ein Kajak. Ich darf ihn benutzen und paddle auf die Lagune hinaus. Es sind kaum Fische zu sehen. Es ist nicht so, wie auf Maupiti, wo ich von einer großen Zahl der unterschiedlichsten Meeresbewohner begleitet worden war. Das Wasser ist zwar klar, ich kann jedoch deutlich sehen, dass die Korallen größtenteils abgestorben sind. Abgestorbene Korallen sind für Fische nicht attraktiv.

Die Lagune am zweiten Abend von meiner Hütte aus gesehen: Der Regen hat sich längst verzogen

Die Lagune am zweiten Abend von meiner Hütte aus gesehen: Der Regen hat sich längst verzogen

Ich bringe das Kajak wieder zurück und lege meine Schnochelausrüstung an. Jetzt offenbart sich mir das ganze Grauen am „schönsten Strand Polynesiens“. Zumindest an dieser Stelle ist die Lagune so gut wie tot. Ich beginne, mir um meine eigene Gesundheit Sorgen zu machen und verlasse das Wasser schleunigst wieder. Zurück an Land fallen sie mir auf, die Parzellen, in die der gesamte Strand eingeteilt worden ist. Hier stehen viele Wochenend- und Privathäuser sowie einige Bungalowanlagen, die jeweils für sich einen Strandabschnitt reklamieren. So zeigt sich wieder einmal, wie sich Schönheit durch Überbeanspruchung in das Gegenteil verkehren kann. Wie ich später auf Nachfrage erfahre, kommt ein weiterer Umstand hinzu: Auf ganz Huahine Iti wird intensve Landwirtschaft betrieben. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Allerdings scheinen zumindest bis vor Kurzem sämtliche landwirtschaftlichen Abwässer, insbesondere Dünger, ungeklärt in die Lagunen eingeleitet worden zu sein. Niemand kann mir glaubhaft versichern, dass sich das geändert habe.

Und wieder familiäre Kontakte

Der Stopp für zwei Nächte in dieser sehr kleinen Pension soll wieder einmal zu einem familiären Erlebnis werden. Ich bewohne eine winzige Hütte direkt am Strand. Das Fahrrad habe ich aus bereits genannten Gründen – immer wieder werde ich darauf hingewiesen – auf dem Balkönchen gesichert.

Mein Fahrrad habe ich am Geländer meiner Hütte festgemacht

Mein Fahrrad habe ich am Geländer meiner Hütte festgemacht

Ich richte mich häuslich ein und mache es mir bequem. Auf dem Balkönchen sitzend betrachte ich den malerischen Sonnenuntergang über der Lagune. Die Regenfront über Raiatea vom Vortag hat sich längst verzogen und die Sonne malt ihre Farben in Himmel, Wolken und Wasser.

Ich denke einmal mehr darüber nach, was ich jemandem anraten würde, der eine solche Rundfahrt macht: Er (oder sie) muss viel trinken, sich mit Repellant gegen die Mücken schützen (Stichwort Dengue), einen guten Sonnenschutz auftragen und gutes Kartenmateriel mitführen. Das sind allerdings üblicherweise alles Dinge, die auf den kleinen Inseln nur schwer zu bekommen sind. Überraschender Weise jedoch gibt es in Fare einen hervorragend bestückten Supermarché, unmittelbar neben dem Chez Guynette gelegen. Es soll sich um den bestausgestatteten Supermarkt Polynesiens handeln. Dieser führt tatsächlich fast alles, Nahrungsmittel, Drogeriewaren, Bücher, ja selbst Fahrradwerkzeug, Plastikplanen und sogar Dreizehner Schlüssel für den Bastler.

Aber zurück zur Pension: Sie wird von einer polynesischen Familie betrieben. Hier treffe ich auf eine Grande Madame und deren eher zurückhaltenden Ehemann. Die beiden erfreuen sich zweier wunderschöner Teenie-Töchter, fünfzehn und siebzehn Jahre alt, die gerade an diesem Wochenende von ihrem Internat auf Raiatea zu Besuch sind. Sie sind äußerst wissbegierig und sprechen perfekt englisch. Ich bin für sie ein echter Exot, der auch noch alleine eine solche Reise unternimmt. Während des Abendessens – roher Fisch, Taro (ein Wurzelgemüse) und Brotfrucht, welches mit tahitianischem Bier heruntergespült wird –  fragen sie mich Löcher in den Bauch. Ich beantworte alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen. Die beiden haben eine sehr genaue Vorstellung davon, wo sie leben wollen. So haben sie vor, im Anschluss an die Schule im Internat in Papeete zu studieren – was, war ihnen nicht so klar – und anschließend nach Huahine zurückzukehren.

Ich beobachte den letzten Sonnenuntergang von der Bar in Fare aus

Ich beobachte den letzten Sonnenuntergang von der Bar in Fare aus

Ein Wiedersehen voller Freude

Am nächsten Morgen verabschiede ich mich von der Familie und trete meine Rückfahrt nach Fare an. Dieses Mal komme ich durch den östlichen Teil von Iti, der von Plantagen geprägt ist, auf denen meist Melonen, Avocados und Vanille angebaut werden. Schließlich erreiche ich die Brücke nach Nui und komme jetzt von Süden aus nach Maeva. Dort passiere ich die Kultstätten und erreiche schließlich Fare. So ganz hatten sie in der Pension offenbar nicht damit gerechnet, dass ich die Insel tatsächlich umrunden würde. Um so größer sind die Freude und das Hallo, als ich wieder eintreffe. Auf der Terrasse vor dem Chez Guynette kann ich viele bekannte Gesichter ausmachen.

An diesem Abend ist eine große Familienfeier vorgesehen, von der „Prinzessin von Raiatea“ in der Bar des Chez Guynette angekündigt. Sie scheint Stammgast auf der Terrasse des Chez Guynette zu sein, jedenfalls ist sie immer da, wenn ich auch da bin. Sie ist eine interessante Persönlichkeit und ich kann einiges über sie in Erfahrung bringen. Sie ist eine der ehemaligen Miss Tahitis und stammt aus einer privilegierten Familie. Zwar verfügt sie immer noch über relativ große Ländereien, tut sich jedoch sehr schwer mit der Veränderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Zudem ist sie ein anschauliches und trauriges Beispiel für das oft merkwürdige Verhältnis zwischen den Geschlechtern in Polynesien. Nach zwei Ehen mit regelmäßigen Gewaltattacken sind Gesicht und Körper der einstmals wunderschönen Frau geschunden und von Narben übersät. Mehrfach musste sie in der Vergangenheit einen längeren Zeitraum im Krankenhaus verbringen und wäre fast gestorben. Heute lebt sie alleine in ihrem Plantagengarten, betreibt Tauschhandel mit den Fischern und hat offenbar ein Alkoholproblem. Ich habe sie gesehen, wie sie auf dieser Terrasse zu tahitianischer Musik tanzt – und weiß seither, was diese ganz besondere Anmut ist.

Die Prinzessin ist offenbar nicht nur von meiner Ruhe und Zurückhaltung angetan, nein, sie findet auch meine Inselrundfahrt äußerst beeindruckend, was sie veranlasst, mir aus ihrem ‚königlichen‘ Plantagengarten stammende Mangos, Avocados und Brotfrucht zur Stärkung zu überreichen. Die Prinzessin versucht an diesem Abend, mir polynesische Tänze beizubringen. Am selben Abend bittet sie mich zur Familienfeier und ich lerne ihre Schwester kennen, ebenfalls eine schöne Frau. Mir werden zudem die Mitglieder der folgenden Generationen vorgestellt. Alles, man muss es einfach so sagen, ungewöhnliche und schöne Menschen.

Am darauf folgenden Tag ist die Stunde des Abschiedes gekommen. Das Fahrrad will ich mitnehmen, daher bin ich zunächst damit beschäftigt, es zu demontieren und auf diese Weise zu einem leicht transportierbaren Paket zu schnüren. Das erklärt den Dreizehner Schlüssel und die Plastikhülle, in die ich das Fahrrad einwickle, weil es die Fluggesellschaft als Transportbedingung verlangt. Am frühen Nachmittag wird mein Abschied in der Bar nebenan ausgiebig zelebriert.

Eine schwarze Perle als Andenken

Eine schwarze Perle als Andenken

Es sind alle da und es geht sehr herzlich zu. Die Prinzessin überreicht mir feierlich ein wahrhaft königliches Abschiedsgeschenk, ein Schmuckstück aus Familienbesitz: Ein Amulett mit einer  schwarzen Perle.

Link zum ersten Teil der Reise – Maupiti

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 15. Februar 2016.