In Stein gehauenes Monument

Die Felsenkirche in Aubeterre-sur-Dronne

Die Rue Saint-Jean schlängelt sich in den hoch über dem Tal des Flüsschens Dronne thronenden Ort Aubeterre-sur-Dronne. Kurz nach dem Passieren des Ortsschildes fällt auf der rechten Seite ein Vordach ins Auge. Es schützt einen in den Felsen gehauenen Eingang, der nicht im Entferntesten ahnen lässt, was sich dahinter verbirgt: Der Besucher wird auf einem Holzsteg in das Innere des Felsens geleitet, wo er sich ungläubig umschaut und den Blick in die Höhe richtet. Er befindet sich im Inneren einer Kirche. Siebzehn Meter hoch, siebenundzwanzig Meter lang und sechzehn Meter breit ist sie die größte in Stein gehauene unterirdische Kirche Frankreichs.

Aubeterre-sur-Dronne ist eine pittoreske Gemeinde, im äußersten Süden der Charente an der Grenze zum Périgord gelegen, etwa fünfzig Kilometer östlich von Périgueux. Eines der wesentlichen landschaftlichen Merkmale dieser Region wie auch weiter Bereiche des Tals der Dordogne sind die Kalksteinfelsen. So ist der Name der „Église Monolithe Saint-Jean“ irreführend, weil die Kirche genau genommen gar keine monolithische Kirche ist. In diesem Falle müsste sie in einen einzigen riesigen Stein gehauen worden sein. Sie wurde jedoch in die Kalksteinfelsen hineingebaut. Zudem ist die unterirdische Halle nur der Überrest einer Kirche, die sich nach dem Abschluss der Bauarbeiten Anfang des zwölften Jahrhunderts bis über die Straße und den Platz erstreckte, also deutlich außerhalb der Felswand fortsetzte. An der Stelle, an der sich heute der Eingang in die Halle befindet, beginnen Mittelschiff und Seitenschiffe. Ein Querschiff fehlt, da die Kirche nach dem Muster einer Basilika in den Felsen gegraben wurde. Erosion ließ vermutlich im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts den Bereich außerhalb des Felsens zusammenbrechen.

Ein Blick nach oben

Ein Blick nach oben

Ein wenig Geschichte

Es stellt sich die Frage, wer macht so etwas und warum. Pierre de Castillon, seines Zeichens Ritter, Vicomte von Castillon-sur-Dordogne und treuer Gefolgsmann des Grafen von Poitiers, war wie andere Ritter auch von Papst Urban II. ermutigt worden, ins Heilige Land zu ziehen, um es für das Christentum zu befreien. Dieser erste Kreuzzug begann 1096 und endete mit der Einnahme Jerusalems im Jahr 1099. Pierre de Castillon, in dessen Stammbaum weder das Geburtsjahr noch ein genauer Todeszeitpunkt zu finden sind, hat offenbar gleich zu Beginn des zwölften Jahrhunderts den Bau der unterirdischen Kirche in Aubeterre-sur-Dronne (wie im Übrigen auch der unterirdischen Kirche in Saint-Émilion) angeordnet. Von Archäologen wird die Dauer der Arbeiten alleine in Aubeterre auf mindestens ein Jahrzehnt geschätzt. Allerdings gibt es durchaus begründete Vermutungen dahingehend, dass bereits zwischen dem vierten und neunten Jahrhundert – da streiten sich die Gelehrten – der Raum als solcher von Christen genutzt worden war, um christliche Rituale abzuhalten. Entweder gab es einen solchen Raum bereits als natürliche Höhle – diese Gegend ist ja durchlöchert wie ein Schweizer Käse – oder er wurde in den Kalksteinfelsen geschlagen. Für die frühere Nutzung spreche insbesondere das Taufbecken mit dem griechischen Kreuz in der Mitte des Saales. In jedem dieser beiden Fälle hätte Pierre de Castillon eine bereits vorhandene Kirche weiter ausgebaut.

Das Reliquiar

Das Reliquiar

Der Reliquienschrein

Das erste Staunen geht beim Anblick einer Aedikula, welche insbesondere wegen ihrer Unversehrtheit optisch in das gesamte Ambiente gar nicht so recht hineinpassen will, übergangslos in ein zweites Staunen über. Diese Aedikula ist ein Reliquiar. Nach der Vorgabe von Pierre de Castillon wurde es dem Reliquiar nachgebildet, welches Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert in derjenigen Höhle hatte errichten lassen, in der Jesus nach der Abnahme vom Kreuz aufgebahrt worden ein soll. Es ist rund sechs Meter hoch, misst drei Meter im Durchmesser und wurde aus einem einzigen Stein gehauen. Nach Meinung der involvierten Archäologen sei dieser Schrein die eigentliche Triebfeder für den Bau der Kirche gewesen. Offenbar war oben im Raum zwischen den Säulen eine Reliquie untergebracht, die Pierre de Castillon vom Kreuzzug aus dem Heiligen Land mitgebracht hatte und die es zu schützen galt. Der Reliquienschrein ist einer von vier Andachtspunkten in der Kirche.

Ein Teil des Begräbnisbereiches

Ein Teil des Begräbnisbereiches

Eine Begräbnisstätte

Die Église Monolithe Saint-Jean diente zudem als Nekropole, als letzte Ruhestätte für Verstorbene, die unter dem Boden der Kirche bestattet wurden. Die einzelnen, eng zusammenliegenden Gräber – man konnte 169 freilegen – wurden mit Platten abgedeckt, wobei die Toten an einigen Stellen sogar übereinander gelagert wurden, lediglich durch Steinplatten voneinander getrennt. In den Nischen der Steinwände waren die Leichname Adliger und anderer wichtiger Persönlichkeiten untergebracht worden. Natürlich sind im Laufe der Zeit mehr Menschen gestorben, als die Nekropole aufnehmen konnte. Das Problem wurde dadurch gelöst, dass die Gebeine Verstorbener nach einer gewissen Zeit in Aushebungen im Boden sowie in Aussparungen in einer gemauerten Wand gesammelt wurden. So entstanden nach und nach Beinhäuser, um Platz für nachkommende Leichname zu schaffen. Aktuell werden von Wissenschaftlern die Knochen der Verstorbenen untersucht, um herauszufinden, ob es sich bei den Toten ausschließlich um Ortsansässige handelte, oder ob hier auch Fremde, wie beispielsweise Pilger des Jakobsweges, ihre letzte Ruhestätte fanden.

Die Galerie

Die Galerie

In den Felsen gehauene Galerie

Über eine hölzerne Treppenkonstruktion gelangt man zu den achtzig Stufen, die im Felsen nach oben auf die ebenfalls in die Felswand gehauene Galerie führen. Von hier kann aus rund dreizehn Metern Höhe durch fensterartige Öffnungen nach unten in den Kirchenraum geblickt werden. Vermutlich war diese Galerie seinerzeit für die Repräsentanten des Adels in Aubeterre reserviert, die auf diese Weise quasi von oben herab an den Messen teilnehmen konnten. Dafür sprechen auch die heute verschlossenen Gänge, die vom Schloss aus direkt in die Galerie der Kirche führen und durch welche die Schlossbewohner scheinbar die Möglichkeit hatten, ungesehen in die Kirche zu gelangen.

Der Blick in die Krypta

Der Blick in die Krypta

Ein Zufall

Erst im Jahr 1961 wurde durch einen Zu- beziehungsweise Unfall die Krypta entdeckt. Damals fuhr ein LKW an der Kirche vorbei. Beim Manövrieren brach unter dem Fahrzeug die Straße ein. Man entdeckte einen Raum unter der Kirche von etwa sechzehn Metern Länge. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Krypta der Kirche handelte. Auch konnten die Treppen freigelegt werden, die heute noch den Zugang ermöglichen.

Die Fotos durften wir mit freundlicher Genehmigung des Bürgermeisters von Aubeterre-sur-Dronne, Jacques Mercier, aufnehmen und veröffentlichen.

2017-10-10T15:54:20+00:00 1 Oktober 2017|