Bretagne – eine Reise in die Vergangenheit

Im Land von Asterix und Obelix

Die Bretagne mit ihrem „Ende der Welt“ (Finistère – Finis Terrae), wie die Römer das Land bezeichnet haben, überrascht in allen ihren Facetten. Das fängt beim Klima an und hört bei den Wetterkapriolen nicht auf. Die Bretonen haben nicht nur eine eigene Sprache, sie können auch auf eine lange und interessante Geschichte zurückblicken. Wer die oft unberechenbaren Unwetter ignorieren kann, kräftigen Wind liebt und mit einfachem, meist meerbasiertem Essen zufrieden ist, der fühlt sich in der Bretagne mit seinen phantastischen Küstenlandschaften bestens aufgehoben.

Urlaub – wir müssen weit zurückdenken, da wir so einen richtig langen Urlaub verbracht haben. Anders sieht das bei unseren Freunden aus, die sich ständig irgendwo rumtreiben und die mit Freuden zugestimmt haben, uns zu begleiten. Überlegt, geplant und gebucht haben wir bereits im Frühjahr 2015, wobei für Urlaubsziel und Zeitpunkt vier Faktoren maßgeblich gewesen sind: Erstens sollte es eine Gegend sein, die wir alle noch nicht gesehen haben. Zweitens durfte es mit unserem Hund keine Probleme geben. Zum Dritten wollten wir die in diesem Falle privilegierte Situation unseres Alters nutzen und außerhalb der Hauptsaison fahren. Viertens sollte die Gegend klimatisch einigermaßen verträglich sein. Jedoch ist uns die Bretagne nicht ganz zufällig eingefallen. Denn erstens halten sich (andere) Freunde mit ihren Hunden regelmäßig am „Ende der Welt“ auf, zweitens haben meine Frau und ich gerade mit „Bretonischer Stolz“ den vierten Roman von Jörg Bong alias zu Ende gelesen. Zudem wissen wir, dass der Golfstrom diesem Zipfel von Frankreich ein außergewöhnlich mildes Klima beschert. Allerdings muss man dort schon, insbesondere ab Herbst, mit stürmischem Wetter rechnen. Aber wie sagt laut Bannalec der Bretone: „Il ne pleut que sur les cons – es regnet nur auf die Dummen.“

Buchung in jeder Hinsicht perfekt

Im Laufe der Planung haben wir uns entschieden, den Aufenthalt aufzuteilen, das heißt, zwei Wochen im Norden und zwei Wochen im Süden der Bretagne zu verbringen. Bei der Suche nach einem Ferienhaus war uns das Internet behilflich:

Der Bereich um Roscoff und Morlaix

Der Bereich um Roscoff und Morlaix im Norden

Der Süden am Golf von Morbihan

Der Süden am Golf von Morbihan

Wir buchten ein Haus mit Wohnzimmer, drei Schlafzimmern, zwei Badezimmern und beheiztem Swimmingpool im Garten am Rand von Saint-Pol-de-Léon, rund fünf Kilometer südlich von Roscoff, über dem Meer gelegen. Für den zweiten Teil der Reise haben wir ein Haus an der Südseite des Golfes von Morbihan gefunden, in , ebenfalls mit Wohnzimmer, drei Schlafzimmern, zwei Bädern, Terrasse und Garten, fußläufig vom Meer entfernt. Hier wollten wir auf den Spuren von Bannalecs Inspektor Dupin wandeln. Für beide Häuser zusammengenommen müssen wir für vier Wochen insgesamt zweitausend Euro Miete bezahlen, was bei vier Personen nicht sonderlich viel ist. Unsere kleine Reisegruppe hat beschlossen, nicht im Konvoi zu fahren, sondern getrennt anzureisen. Meine Frau und ich hatten vor, bereits zwei Tage früher zu starten und haben im nördlich von Caen direkt am Meer gelegenen Courseulles-sur-Mer ein Hotelzimmer für zwei Nächte reserviert. Unsere Freunde wollten einen Tag später aufbrechen und auf der Anreise eine Nacht in Rouen verbringen.

Erster Tag, 17. September 2015

Selten habe ich mich dermaßen auf einen Urlaub gefreut und dem Tag der Abfahrt entgegengefiebert. Bereits am Vortag ist alles vorbereitet, das Gepäck – eine Unmenge – bereit gestellt. Gott sei Dank haben wir ein paar Tage zuvor in weiser Voraussicht einen Dachgepäckträger gekauft. Dann geschieht das vor Reisen bei uns Unvermeidliche: Wir beide können vor Aufregung nicht schlafen. Also steigen wir kurz nach Mitternacht wieder aus unseren Betten und fangen an, das Auto zu beladen. Eine Stunde später, es ist exakt zwei Uhr, geht’s los. Böige Winde begleiten uns nach Belgien hinein. Bis Rouen haben sie sich zu einem veritablen Sturm entwickelt.

Mautstellen anfahren wie bei Boxenstopps

Wir sind schon lange nicht mehr auf den gebührenpflichtigen Autobahnen in Frankreich unterwegs gewesen. Daher wissen wir (noch) nicht, dass an den Mautstellen das Bezahlen mit Kreditkarte problemlos und mittlerweile gang und gäbe ist.

An der ersten Mautstelle nach der belgisch-französischen Grenze bezahlen wir bar. Das ist kein Problem. Dann, hinter Lille – es ist noch dunkel – blenden die Lämpchen am Automaten so stark, dass ich gar nicht erkennen kann, wo die zuvor gezogene Abrechnungskarte hineingeschoben werden muss, um zu erfahren, was zu bezahlen ist. Als es endlich klappt, gilt es herauszufinden,
wo der Geldschein reinkommt. Endlich ist auch das geschafft und das Wechselgeld klimpert klein wie bei einem einarmigen Banditen aus dem Automaten heraus. Immerhin haben wir jetzt Kleingeld.

Beim nächsten Automaten muss ich in der gleißenden Beleuchtung diejenige Stelle suchen, in die Kleingeld eingeworfen werden kann – aussichtslos, nichts zu finden. Aber da gibt es so etwas wie einen Panikknopf. Eine männliche Stimme, bei dem Lärm um uns herum kaum zu verstehen, erklärt live in französischer Sprache (in welcher sonst?), dass da, wo wir stehen, nur mit Kreditkarte
bezahlt werden kann. Hinter uns staut sich in Null komma Nix eine erkleckliche Anzahl an Autos mit vermutlich ungeduldig auf das Lenkrad klopfenden Fingern – zurückfahren geht nicht.

Wir versuchen es mit der Kreditkarte und hoffen, dass kein Pin angefordert wird. Tatsächlich! Die Kreditkarte kommt wieder heraus, eine Quittung streckt sich mir entgegen, die Schranke öffnet sich und wir können weiterfahren. Die Kreditkarte – mit ihr geht es tatsächlich sehr einfach.

In der Morgendämmerung erreichen wir die Seine-Brücke von Rouen, ein äußerst beeindruckendes Bauwerk, welches scheinbar steil in den Himmel aufragt.

Die Brücke von Rouen über die Seine

Die Brücke von Rouen über die Seine

Von oben können wir auf der rechten Seite in der Ferne den Ärmelkanal, links die Silhouette der Stadt Rouen mit ihrer alles beherrschenden Kathedrale bewundern. Gegen neun Uhr passieren wir Caen und wenden uns auf einer Route Nationale in Richtung Courseulles. Wir sind müde und freuen uns auf das Hotel. Ein wundersames Ereignis lässt uns staunen:

 

Es geht eine Zeit lang einfach nicht mehr weiter

Es geht eine Zeit lang einfach nicht mehr weiter

Ein einsamer Mitarbeiter einer mit nicht sehr offensichtlichen Baumaßnahmen befassten Firma steht mitten auf der Straße und hält uns ein Durchfahrtsverbotsschild entgegen, welches die Durchfahrt durch Drehung um 180 Grad und natürlich zeitgleiches Beiseitetreten der das Schild haltenden Person wieder freigibt.

Pflege kriegerischer Reminiszenzen

Um 10 Uhr erreichen wir endlich Courseulles-sur-Mer und finden das direkt am Strand gelegene Hotel ohne Probleme.

Auf dem Parkplatz vor unserem Hotel

Auf dem Parkplatz vor unserem Hotel

Wie im Internet beschrieben sei unser Zimmer erst ab 14 Uhr bezugsfertig. Immerhin können wir im Hotel dem französischen Klischee entsprechend frühstücken: Milchkaffee sowie jeweils drei wundervolle Croissants – Petra pur, ich mit Marmelade. Wider Erwarten ist bereits eine Stunde später unser Zimmer bezugsfertig gemacht worden. Die Bedingung für die Duldung unseres Hund lautet: Niemals alleine im Zimmer lassen. Goya signalisiert durch Schwanzwedeln, dass ihm das sehr entgegen kommt. Ein Platz für das Abendessen im Restaurant ist reserviert.

Das Hotelzimmer liegt nicht im Hauptgebäude des Hotels, sondern an der Strandpromenade etwa 100 Meter entfernt. Von der Straße aus müssen wir das notwendige Gepäck eine Etage höher tragen, vom Meer aus gesehen liegt es ebenerdig. Wir haben Ebbe, das Wasser ist weit draußen hinter mehreren hundert Metern Watt zu erkennen. Nach einer ausgiebigen Siesta hat sich das grundlegend geändert: Jetzt brandet das Meer an die Mauer der Strandpromenade unmittelbar vor unserem Hotelzimmer. Wir suchen eine Möglichkeit, mit dem Hund spazieren zu gehen. Das erweist sich trotz ausgedehnter Strände als gar nicht so einfach, weil dieser Strandabschnitt im Juni 1944 zu den Landungsstellen der alliierten Truppen gehört hat – Juno Beach. Hier waren die Kanadier gelandet. Und jetzt fällt es uns auf: Wir treffen auf einige der wenigen Touristen, die offensichtlich im Zusammenhang mit der alliierten Landung stehen, sowohl altersmäßig passende Personen wie auch deren Kinder oder Enkel, vielleicht auch nur kanadische Landsleute. Wir haben nicht gefragt. Am Strand sind eigens geschaffene Denkmäler zu finden sowie altes, mit Blumen geschmücktes Kriegsgerät.

Alter Panzer, der mit den Landungsbooten am Strand unter Dauerbeschuss an den Strand gefahren wurde

Schützenpanzer, der mit anderen auf Landungsbooten unter Dauerbeschuss an den Strand gebracht wurde

Denkmal, bis heute peinlichst gepflegt

Denkmal, bis heute peinlichst gepflegt

Der Zugang mit Hunden ist an diesen Stellen, vermutlich aus Pietätsgründen, grundsätzlich untersagt. Wir fahren also weiter in Richtung Vers-sur-Mer, wo wir endlich einen sehr schönen, ausgedehnten Strandabschnitt finden. Das Wetter ist normannisch launisch, Regen und Sonne wechseln sich in kurzen Abständen ab, im Minutentakt. Das damit verbundene Himmelsschauspiel ist beeindruckend.

Blick nach hinten

Blick nach hinten

Blick nach der einen Seite

Blick nach der anderen Seite

Auffällig ist die Naturbelassenheit der Gegend. Direkt hinter dem Deich weiden Rindviecher, in Zeiten lebensmittelproduktionstechnischer Anbindehaltung ein eher ungewöhnlicher Anblick. Eine junge Kuh läuft parallel zum Zaun mit uns mit und macht den Eindruck, als wolle sie mit Goya spielen.

Junge Kuh will mit unserem Hund spielen

Junge Kuh will mit unserem Hund spielen

Ausbeute am sogenannten Fischereihafen von Courseulles

Ausbeute am sogenannten Fischereihafen von Courseulles

Goya hat das offensichtlich begriffen und ist d‘accord. Nach der Rückkehr fahren wir kurz am Fischereihafen vorbei, ein großes Wort für den Kai mit ein paar Ständen, an denen kleine Fischerboote ihren Fang für den Verkauf anliefern.

Der erste Aufenthalt in Bayeux

Buntes Treiben in der Altstadt von Bayeux

Buntes Treiben in der Altstadt von Bayeux

Noch am Mittag machen wir uns auf den Weg nach Bayeux, in die Stadt, in welcher ein berühmtes, in der Länge monumentales Zeitzeugnis aus dem elften Jahrhundert zu besichtigen
ist: Der Teppich von Bayeux. Dabei handelt es sich um ein etwa fünfzig Zentimeter hohes, fast siebzig Meter langes Tuch, auf welchem die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer, beginnend bei dem Treffen des Earls von Wessex, dem späteren Harald II. und letzten angelsächsischen König, mit Eduard dem Bekenner, dem vorletzten zu dieser Zeit aktuellen angelsächsischen König, bis zur Schlacht von Hastings in Bild und Schrift dargestellt ist. Für die Aufbewahrung des Originals dieses Teppiches war in Bayeux im Jahr 1982 eigens das „Centre Guillaume le Conquérant“ errichtet worden. Wir besuchen den Teppich nicht, weil wir zu wenig Zeit haben. Bayeux selbst erweist sich als eine lebendige und hübsche Stadt – mit einer Einschränkung: Sämtliche Nebenstraßen scheinen menschenleer zu sein.

Im Gegensatz dazu gähnende Menschenleere in den Nebenstraßen

Gähnende Menschenleere in den Nebenstraßen

In der Nähe der Touristeninformation finden wir eine kleine Galetterie, in welcher wir unsere ersten Galettes, verfeinert mit Gruyère essen. Wunderbar sind diese Galettes, die mit „blé noir“, Buchweizenmehl gemacht werden. Anschließend besuchen wir die Touristeninformation und erhalten dort eine Broschüre. Die ist zwar voller Werbeanzeigen der örtlichen Konsumtempel, aber wegen des, wenn auch rudimentären Stadtplanes recht nützlich. Wir gelangen zur Kathedrale, einem Bauwerk, das nicht nur uns sehr beeindruckt.

Die Kathedrale von Bayeux

Die Kathedrale von Bayeux

Ohs und Ahs beim Anblick der Kathedrale

Ohs und Ahs beim Anblick der Kathedrale

Wir nehmen uns vor, am folgenden Tag mehr zu sehen und fahren zurück ins Hotel, wo wir uns erst mal ausruhen. Am Abend gegen 19Uhr30 begeben wir uns in das Hotelrestaurant. Es ist bis auf den letzten Platz belegt – gut, dass wir reserviert haben. Petra bestellt einen Meeresfrüchteteller, der, wie sich herausstellt, selbst für zwei Personen noch üppig bemessen wäre. Ich esse Austern und anschließend Miesmuscheln. In der Speisenkarte steht: Moules frites. Das sind Miesmuscheln mit Pommes Frites, nicht etwa frittierte Miesmuscheln, wie man denken könnte und ich gedacht habe. Als Abschluss gibt es einen besonderen Camembert, der, wie wir auf Nachfrage erfahren, zuvor rund vier Stunden lang in Cidre eingelegt worden war – ein genialer Geschmack. Das Abendessen macht mich so fertig, dass ich nach Rückkehr in unser Hotelzimmer sofort einschlafe. Petra muss inklusive Hundespaziergang und Versorgung des Tieres alles alleine regeln.

Zweiter Tag, 18. September 2015

Wir sparen uns das Frühstück und schlafen dafür lange. Goya gönnt uns das. Um 11 Uhr brechen wir schließlich wieder nach Bayeux auf. Unterwegs mache ich verschiedene Fotos.

Direkt an der Küste eine Landschaft wie im Bilderbuch

Direkt an der Küste eine Landschaft wie im Bilderbuch

Malerisch bewachsene Bäume unter malerischem Himmel

Malerisch bewachsene Bäume unter malerischem Himmel

Ständig wechseln sich blauer Himmel mit Sonnenschein und Regen ab. Wir besichtigen die Altstadt von Bayeux.

Blick von einer Brücke auf das Flüsschen Aure

Blick von einer Brücke auf das Flüsschen Aure

Petra braucht dringend eine Toilette. Aber merkwürdig, wo sonst an jeder Ecke in Frankreich öffentliche Toiletten zu finden sind, wird dieses Mal unser Vertrauen darauf enttäuscht. Daher halten wir Ausschau nach einem Restaurant und finden eines direkt in Blickweite zur Kathedrale. Es ist klein und trägt den Namen „Pomme d’Or“. Wir setzen uns nach draußen unter die Markise, weil das Lokal drinnen bis auf den letzten Platz besetzt ist. Zeitgleich mit unserer Bestellung – jeweils ein Kaffee und eine Galette mit Schinken und Ei – beginnt es, wie aus Eimern zu schütten. Das Essen ist grauenhaft – galettes d‘horreur! Die Bedienung ist zwar nett, aber völlig überfordert. Petra könnte da endlich mal die Toilette benutzen, was sie aus Gründen des Zustandes und der Umstände doch nicht tut. Ich persönlich hätte diese Toilette ebenfalls nur im alleräußersten Notfall in Anspruch genommen, weil sie sich de facto im Gastraum befindet. Jedes menschliche Geräusch kann nahezu ungefiltert von den Gästen wahrgenommen werden. Und wer da stinkt…

Der Rest vom Schloss

Der Rest vom Schloss

Wettergerechte Schirme

Am Place Charles de Gaulle hat sich, wie wir nachlesen können, ehemals das Schloss befunden. Es wurde einst von Napoleon zerstört. Jetzt gibt es da nur noch einen kleinen Park mit einem Brunnen im Zentrum. Uns fällt ein Laden auf, in welchem Apfeliges gebrannt wird und in welchem wir großzügig einkaufen.

In der Calvados-Brennerei

In der Calvados-Brennerei

Der Weg in den Brennkeller

Der Weg in den Brennkeller

Petra fragt den Eigentümer, ob sie mal die Toilette benutzen könne – im „Pomme d’Or“ hat sie ja dem Druck aus nachvollziehbaren Gründen nicht nachgegeben. Dem Calvados-Produzenten ist die Frage sichtbar peinlich. Er verweigert die Genehmigung mit dem Hinweis darauf, dass seine Toilette derzeit nicht benutzbar sei. Wahrscheinlich will er damit sagen, die Toilette sei grundsätzlich niemandem zuzumuten. Petra muss weiter verkneifen. Schließlich verlassen wir Bayeux. Petra markiert in der Wildnis.

Ursprünglich war geplant, ein paar der in dieser Gegend reichlich vorhandenen „Schatöschen“, also Schlösser zu besichtigen. Wir ändern jetzt das Programm, um zwei der äußerst stabilen, weil speziell konstruierten normannischen Schirme zu kaufen: Keine Parapluies, sondern „Passvents“. Ganz in der Nähe, in Crepon, sollte es nämlich eine kleine Manufaktur mit dem Namen „H2O“ geben, in welcher so etwas tatsächlich noch in Handarbeit hergestellt wird und die dafür berühmt ist.

 

H2O - früher in einem attraktiveren Gebäude, heute funktional

H2O – früher in einem attraktiveren Gebäude, heute funktional

Eine große Auswahl handgearbeiteter, winderprobter Schirme

Eine große Auswahl handgearbeiteter, winderprobter Schirme

Wir kaufen dort zwei Schirme zu einem stolzen, jedoch, qualitativ betrachtet, angemessenen Preis von jeweils 100 Euro. Madame teilt uns ganz nebenbei mit, dass viele Deutsche zu ihr kommen, um sich ordentliche Schirme zuzulegen. Ich sage ihr, dass in Deutschland ein Schirm in der Regel so etwas wie ein Wanderpokal sei und dort deswegen nur wenig Geld für so etwas ausgegeben werde. Die Rückfahrt nach Courseulles führt über Ver-sur-Mer. Von Crepon kommend durchqueren wir zufällig den alten Teil der Ortschaft: Welch ein Glücksfall. Die Wege und Sträßchen sind eng, mit wunderschönen Häusern und Anwesen. Traumhaft! Am Strand unternehmen wir einen Spaziergang mit dem Hund.

Dieses Landhaus lässt einen großen Hof vermuten, von dem laute Musik zu uns dringt

Dieses Landhaus lässt einen großen Hof vermuten. Von ihm dringt laute Musik zu uns

Im Hotel angekommen machen wir Pause und schlafen ein wenig. Anschließend suchen wir im Hafen von Courseulles ein Restaurant. Das erweist sich als schwierig, weil sie alle fast ausnahmslos ausgebucht sind. Das heißt, früh kommen nützt auch nichts. Am Jachthafen finden wir endlich eines: Im „Quay Est“ isst Petra eine ganz besondere Bouillabaise. Ich bestelle Escargots mit Champignons in Kräuterbutter und anschließend ein Entrecôte – ausnahmsweise. Als Apéritif gönnen wir uns je einen Pastis. Alles mundet ganz hervorragend. Anschließend begeben wir uns auf Umwegen ins Hotel. Petra ist schlecht. Mir nicht. Das hat zur Folge, dass ich heute Abend alles alleine erledigen muss. Honni soit…

Dritter Tag, 19. September 2015

Früh aufstehen ist angesagt, damit wir uns möglichst vor zehn Uhr auf den Weg nach Roscoff machen können. Petra kriegt einmal mehr diese blöden normannischen Türschlösser nicht zu. Hinter St. Malo müssen wir selbstverständlich einen Abstecher nach Le Mont St. Michel machen.

Im Angesicht des Mont St. Michel

Trotz oder vielleicht auch wegen der wenigen Leute auf dem Weg dahin ist es schwierig, weiterzukommen, weil das Parkplatz-Personal alles dafür tut, die Touristen zu den Bussen zum Mont zu geleiten. Wir schaffen es schließlich an allen vorbei und erreichen einen großen Hofladen mit normannischen „Kulinarien“. Hinter dem Gebäude offenbart sich malerisch der Blick auf Le Mont St. Michel.

Ein Wunder, dass noch so viel von ihm da ist bei den vielen Fotos...

Ein Wunder, dass noch so viel von ihm da ist bei den vielen Fotos…

Zugleich entdecken wir eine mobile Calvados-Brennerei sowie einen Karren mit Utensilien zur Herstellung von Cidre. Eine idyllische Toilette rundet den rundum komödiantischen Eindruck ab.

Nicht sehr vertrauenserweckend

Nicht sehr vertrauenserweckend

Nach kleinem Einkauf geht es weiter in Richtung Roscoff beziehungsweise Saint-Pol-de-Léon, wo wir gegen 14 Uhr ankommen. An einem Platz mit einem der beeindruckenden, typischen Häuser halten wir an, weil die uns angegebene Adresse des Ferienhauses nicht ganz eindeutig ist.

Eines der typischen Steinhäuser in der Bretagne

Eines der typischen Steinhäuser in der Bretagne

 

Perfekte Unterkunft

Glücklicher Weise haben wir im Vorfeld bereits die Funktelefonnummer der Verwalterin erhalten, die wir jetzt auch kontaktieren. Sie sichert zu, umgehend zu kommen. Schließlich werden wir fündig. Das Haus ist modern und beherbergt drei Ferienwohnungen nebeneinander wie Reiheneinfamilienhäuser.

Kein altes Steinhaus, aber funktional, sauber und äußerst bequem mit Blick auf die Bucht

Kein altes Steinhaus, aber funktional, sauber und äußerst bequem

Wir haben das Glück, die rechte äußere Einheit zu erhalten – auf dem Foto ist es links – und sind sehr angetan. Die Ferienwohnung auf zwei Etagen ist großzügig geschnitten, sauber, perfekt ausgestattet und bietet einen tollen Blick auf die Meeresbucht. Der Swimmingpool ist gepflegt. In Erwartung unserer Freunde Silvia und Albert, die gegen 16 Uhr aus Rouen kommend in Saint-Pol einlaufen wollen, inspizieren wir ein wenig die Gegend. Wir kaufen in Saint-Pol-de-Léon im Super U ein, den Petra sofort entdeckt hat. Nach Alberts Eintreffen gehen wir beide mit Goya den etwa einen Kilometer langen Weg hinunter zum Strand, wo wir auf die stark abgenutzten Überbleibsel touristischer Aktivitäten stoßen. Heraus ragt dabei die Tahiti-Bar. Ihr Name ist offenbar Programm.

Die salzighaltige Luft hat dem Gebäude kräftig zugesetzt

Die salzighaltige Luft hat dem Gebäude kräftig zugesetzt

Nach unserer Rückkehr zaubern Sylvia, Petra und Albert aus Fisch, Krabben und Mini-Langusten ein Abendessen. Dazu verkosten wir Cidre und Calvados. Nach intensiver politischer Diskussion – es ist mittlerweile Mitternacht – machen Albert und ich noch einen Spaziergang mit dem Hund. Der unglaubliche Sternenhimmel soll diesen in den kommenden zwei Wochen noch häufig zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.

Vierter Tag, 20. September 2015

Gemeinsam statten wir Roscoff unseren ersten Besuch ab und stellen fest, dass das kleine Städtchen völlig überfüllt ist. Wir finden nur zufällig einen Parkplatz und halten dann nach Albert Ausschau, der unbedingt mit dem Fahrrad fahren wollte. Ein Geschäft zieht unsere Blicke auf sich. Es ist ein kleiner Laden, der neben anderen Klamotten auch Regenmäntel verkauft, englische, mit ausgeklügeltem Regenschutzsystem. Petra und ich erstehen jeweils einen. Dann entdecken wir Albert.

Warten auf den Umzug

Warten auf den Umzug

Es ist ein schön, dass wir ausgerechnet zu einem Zeitpunkt in Roscoff ankommen, an welchem an drei aufeinanderfolgenden Tagen das „Fête du Patrimoine“ gefeiert wird. Viele Menschen sind verkleidet. Umzüge finden statt. Wir entdecken eine alte Dame in Kostüm vor demjenigen Haus, in dem einst Maria Stuart gewohnt hat. Überhaupt erinnern einige Gebäude an die Königin von Schottland, die auch kurzzeitig als Königin Frankreich regierte.

Eine alte Dame im Kostüm vor dem Huas in Roscof, in welchem einst Maria Stuart wohnte

Eine alte Dame im Kostüm vor demjenigen Haus in Roscoff, in welchem einst Maria Stuart gewohnt hat

 

Ebbe im alten Hafen von Roscoff

Ebbe im alten Hafen von Roscoff

Im alten Hafen – der neue befindet sich zwischen Roscoff und St.-Pol – macht sich der Höhepunkt der Ebbe dadurch bemerkbar, dass alle Boote auf dem Trockenen liegen.

Silvia und Petra gehen an den Marktständen entlang. Anschließend besichtigen wir die Kirche und kehren schließlich in ein Teehaus ein, um Kaffee und Schokolade zu trinken. Den kleinen Törtchen können wir nicht widerstehen. Die Inhaberin des Cafés ist, wie alle Bretonen, die wir noch im Laufe unseres Aufenthaltes kennenlernen sollen, ausgesprochen nett, ohne aufgesetzt zu wirken. Anschließend kaufen wir auf dem Fischmarkt frische Muscheln ein. Albert setzt sich wieder auf sein Fahrrad und wir sehen zu, noch vor dem großen Umzug aus dem Städtchen rauszukommen. Anschließend gehen wir mit dem Hund spazieren und machen in der Tahiti-Bar eine kurze Erholungspause.

Mit dem Telefon gemacht: Petra, Albert und Goya. Der letzte Ausschank in diesem Jahr, nur für uns

Mit dem Smartphone fotografiert: Petra, Albert und Goya blicken auf das Meer. Der letzte Ausschank in diesem Jahr, nur für uns!

Nach dem Essen spielen wir Doppelkopf. Ausnahmsweise gewinne ich, und das haushoch! Besonders bemerkenswert dabei sind die beiden Soli, eins schwarz gewonnen, eins total riskant mit Re/Contra gespielt und gewonnen. Dazu trinken wir ordentlich Calvados und gehen gegen drei Uhr früh schlafen.

Fünfter Tag, 21. September 2015

Nach meinem Morgenspaziergang mit Goya fahren Albert und ich nach Roscoff, um in diesem ausgesprochen netten Teehaus Croissants und ein Baguette zu kaufen. Dummerweise ist dort montags geschlossen und wir müssen einen anderen Laden finden, was uns auch gelingt. Im Laufe der kommenden Wochen werden wir uns noch zu regelrechten „Croissant-Sommeliers“ entwickeln. Wir sind mit dem Auto unterwegs und verfehlen den Rückweg. So fahren wir einigermaßen ziellos durch die Gegend. Schließlich kommen wir doch noch im Ferienhaus an und frühstücken ausgesprochen üppig. Es fängt an, zu regnen. Wir brechen nach Morlaix auf, um dort einen Supermarkt zu suchen. Morlaix scheint eine spannende Stadt zu sein. Albert jedoch macht Morlaix im Regen etwas depressiv. Die Stadt wirkt unter diesen Umständen ein wenig wie Wuppertal bei schlechtem Wetter. Zudem ist es heute wirklich saukalt.

Morlaix - wie Wuppertal bei schlechtem Wetter

Morlaix – wie Wuppertal bei schlechtem Wetter

Wir kaufen in einer hervorragend sortierten Vinothek Wein. Anschließend fahren wir auf dem falschen Weg, weil auf der falschen Seite des Flusses, zurück. Also müssen wir umdrehen. In St.-Pol-de-Léon landen wir erst einmal im Super U. Die Damen gehen alleine einkaufen, Albert und ich gucken uns währenddessen ein wenig den Ort an und bringen einiges in Erfahrung.

Die Kathedrale von St.-Pol-de-Léon beherbergt eine Statue der Schutzheiligen der Zahnärzte

Die Kathedrale von St.-Pol-de-Léon beherbergt eine Statue der Schutzheiligen der Zahnärzte

Die Schutzheilige der Zahnärzte, Ste. Appoline, wurde zu unter anderem durch Ausreißen aller ihrer Zähne zu Tode gefoltert

Die Schutzheilige der Zahnärzte, Ste. Appoline, wurde unter anderem durch Ausreißen aller ihrer Zähne ohne Narkose zu Tode gefoltert

Die Kathedrale in St.-Pol ist ein Schmuckstück. Der Ort war Bischofssitz und beherbergt immer noch ein Kloster. Wir nehmen uns vor, an einem der nächsten Tage nochmals in Begleitung der Damen hinzufahren, um alles genau anzusehen und zu fotografieren. Die Damen brauchen sage und schreibe anderthalb Stunden für den Einkauf. Wieder „zuhause“ angelangt, mache ich mit Albert einen Spaziergang mit dem Hund, wobei wir mal von unserem Standort aus gesehen die andere Seite in Richtung St.-Pol-de-Léon erkunden und einen weiteren Strand entdecken.

Zum Abendessen gibt es Artischocken mit selbst gemachter Senf-Mayonnaise sowie Spaghetti mit Tomatensoße. Dazu wird Burgunder Wein gereicht. Silvia besteht beim Doppelkopf in Anbetracht meines überragenden Sieges vom Vortag auf einem Platztausch und gewinnt prompt – zwar nicht ganz so überragend, aber immerhin.

Sechster Tag, 22. September 2015

Das Wetter ist wieder einmal sehr wechselhaft. Es bietet ein spannendes Himmelsschauspiel.

Unser Blick auf die Bucht bei heftigem, aber kurzem Unwetter

Unser Blick auf die Bucht bei heftigem, aber kurzem Unwetter

Wir faulenzen und liegen in der immer wieder durchbrechenden Sonne auf den Liegestühlen. Gegen 14 Uhr 30 fahre ich mit Petra nach St.-Paul-de-Léon, um die romanisch-gothische Kathedrale Saint-Pol Aurélien zu besichtigen und diese zu fotografieren. Paul Aurélien war der erste Bischof in Léon. Wir sind völlig überrascht. Bis dahin haben wir im Detail noch selten eine so interessante und schöne Kirche von innen gesehen.

Das Hauptschiff der Kathedrale von St-Pol-de-Léon

Das Hauptschiff der Kathedrale von St-Pol-de-Léon

Blick vom Altar aus

Blick vom Altar aus

Im Seitenschiff

Im Seitenschiff

Die Sitze für die "Großkopferten"

Die Sitze für die „Großkopferten“

Im Anschluss an die Besichtigung fahren wir gegen 15 Uhr 30 nach Roscoff, wo wir unsere Freunde treffen wollen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. Treffpunkt ist die Stelle, an der üblicherweise frische Fische verkauft werden. An diesem Tag allerdings nicht. Auf Nachfrage erklären uns die dort arbeitenden Bretonen: „Trop de vent.“ Wir bringen – scherzhafter Weise – unseren Unglauben ob der Feiglinge zum Ausdruck. Die Bretonen lachen und bestätigen uns, „oui (ausgesprochen wie ouä), ils sont des lâches“ und stecken sich lässig eine Zigarette ins Gesicht – keine Gauloises, sondern Marlboros. Ja, die rauchen noch ganz selbstverständlich. Also, kein Fisch vom Kutter. Wir gucken anschließend in der Stadt nach einer „Charcuterie“ und bleiben im kleinen Tee-Kaffee-Haus hängen. Anschließend stellen wir fest, dass die Charcuterie nicht sonderlich vertrauenerweckend aussieht. Weil auch der Gemüseladen nahezu leer geräumt ist, fassen wir den Entschluss, in St. Pol-de-Léon im „Super U“ einzukaufen. Ich bleibe mit Silvia im Ferienhaus zurück, Petra und Albert ziehen los. In der Zwischenzeit kopieren Silvia und ich die Fotos um. Anschließend wird gekocht und gegessen. Den Abend verbringen wir mit Musik und Lexikonspiel.

Siebter Tag, 23. September 2015

Heute stehen wir besonders früh auf, weil in Roscoff Markttag ist. Es gibt kein Frühstück. Kaum ist ein Parkplatz gefunden, schon sind die Damen verschwunden. Albert und ich entdecken eine andere Boulangerie, wo wir Baguettes und Croissant kaufen. Das Geschäft ist liebevoll ausgestattet. Und noch einmal muss gesagt werden, wie außergewöhnlich freundlich und charmant die Menschen sich hier uns gegenüber verhalten. Der Markt selbst ist eine Ansammlung von Ständen am alten Hafen, nichts Besonderes.

Ordentlich große Auflieger sind auf einem der Kais abgestellt

Ordentlich große Auflieger sind auf einem der Kais abgestellt

Ein reiner Zweckmarkt, den man eigentlich schnell wieder hinter sich lassen möchte

Ein reiner Zweckmarkt, den man eigentlich schnell wieder hinter sich lassen möchte

Allerdings gibt es Gemüse und Gewürze in Hülle und Fülle

Allerdings gibt es Gemüse und Gewürze in Hülle und Fülle

Wir erstehen schöne, violette Artischocken, dazu Käse, Knoblauch sowie Gemüse für eine geplante Bouillabaisse und ein weiteres Austernmesser. Mittlerweile ist bei uns ein geflügeltes Wort entstanden. Wenn irgendetwas fehlt, sei es ein Küchenuntensil oder ein Einrichtungsgegenstand: „Morgen kaufen wir das“. Wir kehren in die FeWo zurück, frühstücken zur Mittagszeit und machen dann Siesta im Garten, wo wir uns sonnen und Albert schließlich in den Pool springt.

Albert im beheizten Pool unseres Ferienhauses

Albert im beheizten Pool unseres Ferienhauses

Und noch mal für die Kamera

Und noch mal für die Kamera

Eine Not-Bouillabaisse

Als er es sich wieder auf der Liege bequem macht, erdreistet sich eine Wespe, ihn in den linken seitlichen Brustkorb zu stechen. Silvia verarztet ihn. Sie ist müde und hat keine Lust, zwecks Fischeinkaufes nochmals nach Roscoff zu fahren. Aus unerfindlichen Gründen wird Albert auch noch „durchfällig“, so dass Petra und ich alleine aufbrechen. Am alten Hafen angekommen müssen wir leider feststellen, dass es lediglich noch einen Seeteufel und einen Seeaal zu kaufen gibt. Wir nehmen von beiden jeweils ein ordentliches Stück mit und fahren wieder zurück. Dann wird Bouillabaisse gekocht und die Rouille hergestellt. Die notwendige Zerkleinerung des Gemüses nimmt mehr schlecht als recht Albert vor. Leider ist der Seeaal reich an Gräten, die können bei der Vorbereitung nicht alle gezogen werden können. Aus Erfahrung weiß ich, dass Fischstücke mit Gräten immer bei mir auf dem Teller landen. Um die Suppe etwas aufzupeppen – normaler Weise kommen ja mehrere Sorten Fisch hinein – werden noch von Kopf, Beinen und Panzer befreite Shrimps mitgekocht. Und tatsächlich, die Bouillabaisse schmeckt herausragend. Bis auf einen kleinen Rest wird alles vertilgt.

Die Bouillabaisse aus Seeaal und Seeteufel. Der Fischfonds wird aus den Karkassen hergestellt

Die Bouillabaisse aus Seeaal und Seeteufel mit Shrimps. Der Fischfonds wird aus den Karkassen hergestellt

Wegen den diversen nach und nach auftretenden Durchfälligkeiten bleibt der Rest des Tages ruhig, ohne Spiele oder Musik. Den Nachtspaziergang mit Goya unternehme ich alleine. Er gestaltet sich durchaus spannend, weil auf dem Rückweg die Batterien der Taschenlampe den Geist aufgeben. Ohne Licht ist diese Nacht stockduster.

Achter Tag, 24. September 2015

Am Morgen sind es unsere Freunde, die sich um die Backwaren für das Frühstück kümmern. Ich erkunde währenddessen mit Goya die Umgebung und halte einige der recht exotischen Pflanzen fest, die hier wachsen und die ein botanischer Hinweis auf das milde Klima auch im Norden der Bretagne sind.

Palmen wie in Südeuropa

Palmen wie in Südeuropa

oder auch Agaven, hier der Blütenstamm

oder auch Agaven, hier der Blütenstamm

Heute wollen wir nach St.-Pol fahren, damit sich auch Silvia die Kathedrale ansehen kann und wir alle dann die Chapelle Notre Dame du Kreisker besichtigen.

Kreisker - für eine Kapelle, als welche sie gilt, recht monumentale Ausmaße

Notre Dame du Kreisker – für eine Kapelle, als welche sie gilt, recht monumentale Ausmaße

Der Glockenturm der Kapelle gilt mit einer Höhe von 78 Metern als der höchste der Bretagne. Dieser Umstand soll auch die Zerstörung der Kapelle verhindert haben, weil mit der Bedeutung des Turmes für die Schifffahrt argumentiert werden konnte.

Silvia ist eine fleißige Postkartenkäuferin und -schreiberin. Also müssen wir eine Poststation finden, was uns erst auf mehrfache Nachfrage gelingt. Anschließend fahren wir weiter nach Plouescat, um dort den großen zu besichtigen. Auf dem Weg dorthin gelangen wir erst mal an einem Traumstrand ohne Menschen, wo Goya im Wasser herumtobt.

Menschenleerer Traumstrand

Menschenleerer Traumstrand

Trocknen nach Wasserspielen

Trocknen nach Wasserspielen

Unser erster Menhir

Auf der Weiterfahrt erblicken wir endlich ein „Schatöschen“, das Château Kerouzéré, ein sogenanntes Château Fort, welches vollständig aus Granitquadern erbaut wurde. Die Schlossburg kann an diesem Tag nur von außen besichtigt werden. Hunde dürfen grundsätzlich nicht auf das Gelände, so betreten den Park nur die beiden Damen und Albert. Ich warte mit Goya außerhalb des Geländes.

Das Château Kerouzéré. Foto: Petra Michael

Das Château de Kerouzéré.
Foto: Petra Michael

Die Strecke zum Menhir (übersetzt „Langer Stein“) von Plouesquat ist nicht durchgängig ausgeschildert. So müssen wir uns durchfragen und finden schließlich den Parkplatz. Der Anblick der Küste, der Felsen, des Felsenstrandes sowie der Weg zum Menhir sind großartig. Wir müssen ein Weilchen gehen. Der Weg entschädigt den Aufwand um ein Vielfaches.

Versteinerte Brandung?

Versteinerte Brandung?

Petra zwischen Granitbrocken

Petra zwischen Granitbrocken

Albert vor Granitbrocken

Albert vor Granitbrocken

Ein einzelner Granitbrocken hingeworfen

Ein einzelner Granitbrocken hingeworfen

Der Menhir

Der Menhir

Auf dem Rückweg entdeckt: Die Granitschildkröte von einem unbekannten Künstler

Auf dem Rückweg entdeckt: Die Granitschildkröte, vielleicht von einem unbekannten steinzeitlichen Künstler?

Auf der Rückfahrt machen wir in dem Städtchen Plouescat Halt, um in einem Café mit besonders muffiger Bedienung einen Milchkaffee zu trinken und eine Crêpe zu essen. Beide sind sehr gut. Die Wirtsleute haben offenbar miteinander Krach. Auf dem Rückweg nach St. Pol hören wir im Auto sehr laut Beethovens Choral Fantasia und sind glücklich. Gegen sieben Uhr wird gekocht. Es gibt Artischocken und einen leichten Kartoffelauflauf. Der Abend mündet in Doppelkopf bis etwa ein Uhr nachts.

Neunter Tag, 25. September 2015

Heute begehe ich am Morgen mal eine große Runde zur anderen Seite der Bucht hin, wo ich einen malerisch gelegenen Bauernhof entdecke – direkt am Meer.

Die einladenden Gebäude des Bauernhofes

Die einladenden Gebäude des Bauernhofes

Bei genauerem Hinsehen jedoch stutze ich: Merkwürdige Fässer ruhen in einem vollständig mit „Entengrütze“ bedeckten Weiher auf dem Gelände des Hofes.

Merkwürdige Fässer im Teich unmittelbar daneben

Merkwürdige Fässer im Teich unmittelbar daneben

Unendliche Felsenküsten

Nach dem Frühstück entscheiden wir uns, zur Côte de Granit Rose, zur Rosengranit-Küste oder, bretonisch, zur „Aod ar Vein Ruz“ zu fahren. Die liegt immerhin rund siebzig Kilometer von uns entfernt. Der Rosengranit verdankt seine Färbung den im Stein enthaltenen Hämatit und Alkalifeldspaten. Die Färbung tritt ganz besonders bei entsprechendem Licht auf. Wir gelangen über Lannion nach Perros Guirec, anschließend nehmen wir die Küstenstraße in Richtung Richtung Ploumanach und Trégastel. Die Felsen zu finden ist nicht ganz einfach, weil wir auf vermeintlichen Wegen zum Meer immer wieder in Sackgassen landen. Schließlich finden wir doch einen Parkplatz in Trégastel, von wo wir einen herrlichen Blick auf die roten Felsen und das Meer genießen können. Goya lassen wir einmal mehr im Meer herumtoben, bevor wir sehen, dass das Schwimmen dort wegen der heftigen Strömungen nicht erlaubt ist. Wir gehen davon aus, dass die Gefahr auch für Hunde besteht.

Goya tobt mit seinem Knochenholz im Meer und am Strand. Sand im Maul macht ihm nichts aus

Goya tobt mit seinem Knochenholz im Meer und am Strand. Sand im Maul macht ihm nichts aus

Das Schild steht am Ende! des Strandes und stimmt uns doch etwas bedenklich

Das Schild steht am Ende! des Strandes und stimmt uns doch etwas bedenklich

Ein wahrer Balanceakt

Ein wahrer Balanceakt

Ein Segelboot taucht hinter den Felsen auf

Ein Segelboot taucht hinter den Felsen auf

Nach der Besichtigung fahren wir weiter die Küstenstraße entlang. Hinter Trégastel öffnet sich ein atemberaubender Ausblick: Eine Stelle hoch über dem Meer, von wo aus wir zu Fuß auf einen Felsen, den sogenannten Königsfelsen gehen können, ein erhebender Eindruck!

Albert auf dem Weg auf den Königsfelsen

Albert unterwegs auf den Königsfelsen

Der Ausblick am Königsfelsen vorbei auf das Meer

Der Ausblick am Königsfelsen vorbei auf das Meer

Der Blick vom Rand des Königsfelsens nach unten

Der Blick vom Rand des Königsfelsens nach unten

Ohne Netz und doppelten Boden: Silvia filmt einfach

Ohne Netz und doppelten Boden: Silvia filmt einfach

Wir brechen wieder auf, verfolgen weiter die Küstenstraße und suchen ein Café möglichst mit Crèperie, können jedoch nichts finden. Es ist einfach schon zu spät und zugleich zu früh! Ich habe ja vorher bereits die ungewöhnliche Freundlichkeit der Menschen hier angesprochen, müssen jetzt jedoch feststellen, dass es durchaus auch Stinkstiefel gibt. Um unsere Überzeugung zu retten, beschließen wir, dass diese wenigen Menschen aus Lutetia oder Condate kommen müssen. Hungrig machen wir uns also auf in Richtung St. Pol, was Albert ungeheuer erfreut. Leider verfahren wir uns wieder einmal, so dass wir in Morlaix landen. Zufälliger Weise parken wir vor der Vinothek, kaufen Wein ein und gehen anschließend in ein Café in der Nähe eines der berühmten Laternenhäuser. Diese Häuser sind wegen ihrer Bauweise berühmt. Sie wurden um einen Innenhof errichtet, der oben verglast ist.

Eines der Laternenhäuser: Maison dite de la Duchesse Anne

Eines der Laternenhäuser: Maison dite de la Duchesse Anne

Sivia droht damit, einzuschlafen.

Die Müdigkeit sieht man ihr deutlich an

Die Müdigkeit sieht man ihr deutlich an

Albert will nach Hause.

Albert ist hellwach

Albert ist hellwach

Essen einkaufen ist nicht mehr möglich, weil sämtliche Läden bereits geschlossen haben. Wir müssen also nach Rückkehr in das Ferienhaus ein Reste-Essen veranstalten. Mir persönlich geht es seit dem späten Nachmittag nicht so gut. Ich befürchte, eine Erkältung ist im Anmarsch. Ich gehe dennoch von Albert begleitet gegen Mitternacht mit dem Hund spazieren.

Zehnter Tag, 26. September 2015

Männergrippe! Wie schon aus dem Namen zu schließen ist, handelt es sich dabei um die furchterregenste Krankheit, die jemals ein Mensch erleiden kann. Grauenhaft. Ich kriege keine Luft durch die Nase. Das ist für mich per se eine Katastrophe und ich leide entsetzlich. Die Nebenhöhlen gehen auch noch zu. Atemnot! Erstickungsanfälle! Es gibt Frauen, die behaupten, das sei nichts! Ich stehe bereits um drei Uhr früh auf der Terrasse. Ich höre sie schnarchen, die anderen. Ein Gefühl der Einsamkeit ergreift mich, droht mein Herz in ihren Klauen zu zerquetschen. Keiner kümmert sich um mich, bis auf zwei Käuzchen. Die jedoch können die Schlafgeräusche der anderen überhaupt nicht ertragen und flattern geräuschlos davon.

Das Frühstück findet weitgehend ohne mich statt. Ich lege mich wieder ins Bett. Silvia entscheidet, für sich einen faulen Tag zu machen. Um dreizehn Uhr fahren Albert und Petra einkaufen und stehen vor der verschlossenen Türe der überlebenswichtigen Vinothek in St-Pol. Danach erledigen sie die üblichen Einkäufe, hauptsächlich im Super U. Das ist der Tag, an welchem eine Knoblauchpresse und anständige Weingläser die Standardausrüstung des Ferienhauses optimieren. Am Nachmittag raffe ich mich auf und gehe mit Albert plus Hund zur Tahiti-Bar und an unseren Hausstrand.

Den laufen wir ein weites Stück entlang und schaffen gerade noch vor der Flut den Rückweg – saugefährlich! Danach schleppe ich mich wieder ins Bett. Petra sonnt sich im Garten.

 

Faul in der Sonne sitzen

Untätig in der Sonne sitzen nach der Rückkehr aus dem Supermarkt

Silvia hat gefaulenzt und brütet jetzt eine Frauengrippe aus, eine lächerlich harmlose Abart der Männergrippe. Albert und Petra sehen zu, dass sie doch noch Wein beschaffen können. Wir haben ja immerhin Samstag. Wegen des Wochenendes werden noch acht Artischocken gekauft sowie frischer Lachs und Crevetten. Dann kochen die beiden und rühren die übliche Mayonnaise an. Albert wird geschickter. Ich lege mich wieder ins Bett. Zum Essen an den Tisch treibt mich jedoch mein Verantwortungsbewusstsein, weil es ja den anderen schaden könnte, wenn ich nicht fit bin. Also esse ich mit. Vorab muss mir ein Pastis mit Eiswasser die Luftröhre freimachen, damit ich wieder atmen kann. Zusätzlich dient das Getränk natürlich der Desinfektion. Freundlicher Weise puhlt Petra die Crevetten für mich, weil sie das so gerne tut. Das Essen ist hervorragend. Den angebotenen Lachs, chaud-froid gegart, schaffe ich nicht mehr. Ich muss mich wieder hinlegen. Die anderen verbringen den Abend skatspielender Weise. Ich soll mich angeblich später dazugesetzt und unqualifizierte Kommentare abgegeben haben, kann mich daran jedoch nicht so recht erinnern. Albert und Petra machen um zwölf Uhr Nachts mit dem Hund den Abendspaziergang.

Elfter Tag, 27. September 2015

Die typische Männergrippe zeichnet sich zwar durch einen äußerst schweren, Gott sei Dank jedoch nur kurzen Verlauf aus. Die Nachwirkungen ignorierend bin ich wieder voll einsatzfähig. Silvia scheint es jetzt richtig zu treffen, aber sie ist ja hart im Nehmen. In Anbetracht der Gefahr, dass über das Wochenende viele Menschen aus Condate und Lutetia anreisen, die Strände demnach überfüllt sein können, entschließen wir uns, das Landesinnere zu erkunden und fahren nach Landerneau. Es entpuppt sich als ein nettes kleines Städtchen, an einem sogenannten Aber namens Elorne gelegen. Wegen der Ebbe fließt das Wasser nur als schmales, flaches Rinnsal. Dieser ‚Aber‘ ist bemerkenswert, weil Landerneau relativ weit weg von Brest, damit vom Meer gelegen ist. Landerneau war einmal die Hauptstadt des Fürstentums Léon und gilt heute als Hauptstadt des bretonischen Gemüseanbaus.

Zucchiniblüten

Zucchiniblüten

Ein Artischockenfeld

Ein Artischockenfeld

Vergessene Artischocken. Die Distel ist deutlich zu erkennen

Vergessene Artischocken. Die Distel ist deutlich zu erkennen

Die beiden Stadthälften werden durch eine Hausbrücke miteinander verbunden. Die Kirche Saint Thomas können wir nur von außen besichtigen, weil sie geschlossen ist.

Eine Häuserbrücke verbindet die beiden Stadthälften von Landerneau

Eine Häuserbrücke verbindet die beiden Stadthälften von Landerneau

Ein Toiletten-Erker, der in früheren Zeiten als solcher genutzt wurde

Ein Erker, der in früheren Zeiten als Toilette genutzt wurde

Der Kirchturm von St. Thomas

Der Kirchturm von St. Thomas

Anschließend pilgern wir zum Place Général de Gaulle, wo die Kirche St. Houardon ebenfalls nicht zugänglich ist, hier aus Gründen dringenden Renovierungsbedarfs. Der scheint so dringend zu sein, dass die Warnhinweise am Eingang entsprechend formuliert sind.

Die Kirche St. Houardon bedarf dringend der Renovierung

Die Kirche St. Houardon bedarf dringend der Sanierung

In einem Café mit offensichtlich rein bretonischer Tradition trinken wir Milchkaffee und entkommen nur knapp einem Terroranschlag, möglicherweise verübt vom verblichenen General:

Petra unmittelbar vor dem Anschlag

Petra unmittelbar vor dem Anschlag

Ein schwerer Aschenbecher aus Kristallglas oder ein ähnlich massives Gebilde zerschellt zwischen uns und anderen Gästen auf Tisch und Boden. Das Attentat scheint aus einem der Fenster des Hauses über uns verübt worden zu sein. Der Wirt verhält sich ziemlich unhöflich, was jedoch seine Ursache im Schreck zu haben scheint, der ihm selbst ob des Ereignisses in die Knochen gefahren sein muss. Er demonstriert uns jedenfalls pantomimisch, dass es sich nicht um einen seiner Aschenbecher gehandelt haben kann. Interessant in dem Café ist die gästeseitig verhaltensbezogene Einrichtung der Toilette: Es gibt kein Waschbecken.

Der erste Kalvarienberg

Auf der Weiterfahrt veranlassen mich diverse Artischocken- und Zucchinifelder sowie Silvias lauthalsige Aufforderungen zu Notbremsungen, um dieses Gemüse im „Urzustand“ fotografisch zu dokumentieren. Wo sieht man das schon bei uns? Der Tag soll jedenfalls noch anstrengend werden. Wir brechen nämlich anschließend zu einem Kalvarienberg mit der Kirche von Lampaul-Guimiliau und deren Umfriedung (Enclos Parassiau) auf. Die Kirche präsentiert sich innen und außen als unglaublich schön. In den Reiseführern wird der Kalvarienberg als das kulturhistorische Kleinod in der Bretagne beschrieben, das in dieser Form nirgendwo auf der Welt zu finden sei.

Die Kirche von Lampaul-Guimiliau und deren Umfriedung

Die Kirche von Lampaul-Guimiliau und deren Umfriedung

Der Turm der Kirche von Lampaul-Guimiliau

Der Turm der Kirche von Lampaul-Guimiliau

Ein mittelalterlicher Eindruck

Ein mittelalterlicher Eindruck

Eine Kreuzigungsszene am Eingang

Eine Kreuzigungsszene am Eingang

Das Kirchenschiff

Das Kirchenschiff

Blick auf den Altar

Blick auf den Altar

Lebensgroße Figuren stellen Jesus und seine Jünger nach der Abnahme vom Kreuz dar

Lebensgroße Figuren stellen Jesus und seinen Anhang nach der Abnahme vom Kreuz dar

Ausschnitt aus dem Ornament

Ausschnitt aus dem Ornament

Im Seitenschiff

Im Seitenschiff

Im Anschluss wollen wir uns etwas erholen und gelangen an einen großen Strand in Dossen bei Santec, von Surfern als Paradies beschrieben. Der Hund tobt und ist glücklich. Silvia macht heimlich Filmaufnahmen. Auffällig ist das Ende einer Straße, die nur bei Ebbe benutzt werden kann, um auf die Insel Île de Sieck zu gelangen, eine sogenannte Route Submersible.

In Dossen am Strand

In Dossen am Strand

Albert wirft, Goya tobt

Albert wirft, Goya tobt

Wir haben es als "Hitchcock-Haus" bezeichnet

Wir haben es als „Hitchcock-Haus“ bezeichnet

Bei Ebbe könn die Insel zu Fuß oder mit dem Auto auf einer befestigten Straße erreicht werden

Bei Ebbe kann die Insel zu Fuß oder mit dem Auto auf einer befestigten Straße erreicht werden

Wir finden direkt am Meer eine Crèperie mit Panoramablick und nehmen unsere übliche Vorspeise zu uns. Anschließend fahren wir nach Hause und essen mal wieder Artischocken, trinken Wein und spielen Doppelkopf. Alberts Buchführung gerät dabei in heftige Kritik und verdächtiger Weise will er sie nicht abgeben.

In dieser Nacht erwartet uns eine Mondfinsternis, die in dieser Form erst wieder in rund 400 Jahren auftreten soll. Es entwickelt sich eine hitzige Diskussion um die Frage, ob sich der Mond, wie die Erde auch, um die eigene Achse dreht.

Kurz vor dem Eintauchen in den Erdschatten

Kurz vor dem Eintauchen in den Erdschatten

Fast zur Hälfte drin

Fast zur Hälfte drin

Kurz vor dem Erröten. Danach konnte ich aus kältetechnischen Gründen nicht mehr

Kurz vor dem Erröten

Trotz vermeintlicher astronomischer Grundkenntnisse zeigen sich bei uns allen erschreckende Wissenslücken. Aus dem Internet gezogene, offensichtlich wissenschaftlich belegte Erkenntnisse namhafter Astronomen, Physiker und Mathematiker halten Silvia nicht davon ab, darauf zu bestehen, dass sich der Mond lediglich um die Erde, nicht aber um die eigene Achse drehe. Kränkelnd und schwächelnd geht sie bereits um zwei Uhr ins Bett. Albert legt sich im kalten Wind, in eine Decke eingewickelt, auf der Terrasse auf eine Liege. Unsere französischen Nachbarn von nebenan verbringen die Nacht ebenfalls im Garten. Ab und zu blitzt es von deren Kamera aus, möglicherweise glaubend, dadurch könne die Mondoberfläche ausgeleuchtet werden. Ich warte und richte die Kamera ein. Ab zwei Uhr dreißig löse auch ich regelmäßig aus. Allerdings unterschätze ich den Holz-Belag der Terrasse bezüglich dessen Festigkeit, so dass die mit Teleobjektiv und relativ langer Belichtungszeit aufgenommenen Fotos meist verwackelt sind. Der immer stärker aufkommende Sturmwind tut ein Übriges, zudem wird es gefühlt eiskalt. Etwa gegen 3 Uhr 45 verfärbt sich der Mond orangerot, befindet sich also im Kernschatten. Jetzt gebe ich auf. Albert und Petra haben sich bereits vorher zurückgezogen.

Zwölfter Tag, 28. September 2015

Die Raffinesse, mit welcher Albert sich des Morgens auf die Spuren guter Croissants und Baguettes in St.-Pol-de-Léon begibt, sucht ihresgleichen. Nachdem er sich zu Recht die Frage gestellt hat, wo wohl die Einwohner dieses Städtchens ihre Backwaren außerhalb des Supermarktes kaufen, beobachtet er mit Argusaugen die Menschen. Schließlich entdeckt er, aus einer Seitenstraße kommend, einen einsamen Mann mit einem Baguette unter dem Arm. Dessen vermuteten Weg rückwärts verfolgend entdeckt er tatsächlich eine Boulangerie. Während des Frühstücks befinde ich allerdings die Croissants für schlecht. Das Baguette ist in Ordnung.

Nach einer Ruhephase (Kalorienkoma am Morgen) teilen wir uns auf: Wir Männer marschieren mit Hund los zu einem ausgedehnten Spaziergang in den neuen Hafen von Roscoff, die Frauen fahren einkaufen. Die Vinothek in St.-Pol-de-Leon hat montags geschlossen – merde. Also ist Super U angesagt. Die Damen kaufen die obligatorischen Artischocken ein – allerdings nicht für Albert, der mittlerweile in den Artischockenstreik getreten ist.

Unser Spaziergang zum Hafen führt über mehrere Strände und am exotischen Park vorbei. Der Hafen präsentiert sich uns nüchtern, ohne jegliches romantische Flair, jedoch sehr spannend bei Ebbe, weil sich der Abstand von den Kais auf die Wasseroberfläche insbesondere bei den ausgesprochen heftigen Windböen als regelrecht beklemmend erweist.

Blick auf den Jachthafen von Roscoff. Die Stege werden bei mit den Booten bei steigender Flut automatisch mit angehoben

Blick auf den Jachthafen von Roscoff. Die Stege werden bei steigender Flut mit den Booten zusammen automatisch angehoben

Kaimauer trennt Jachthafen und Wirtschaftshafen

Eine Mauer trennt Jachthafen und Wirtschaftshafen

Wir entdecken den Fischereihafen mit der großen Auktionshalle. Leider gibt es dort keine Möglichkeit, privat einzukaufen.

Fischereibereich mit Auktionshalle

Fischereibereich mit Auktionshalle

Noch immer Ebbe, aber heftiger Wind

Noch immer Ebbe, aber heftiger Wind

Albert und Goya

Albert und Goya

Gegen 16 Uhr kehren wir zurück und Albert, der sich im Laufe des Aufenthaltes zum Maître de Café gemausert hat, versorgt uns alle. Nach einer Ruhephase wird gekocht: Artischocken, Hähnchenschenkel und Bratkartoffeln. Mhh…!! Des Abends beschäftigen wir uns mit Chaoten-Mau-Mau. Silvia zeigt deutlich ihre Unlust. So spielen wir doch noch Doppelkopf – für mich lauter Ommablätter, was mir fast schon peinlich ist, aber nur fast.

Dreizehnter Tag, 29. September 2015

Um die Mittagszeit brechen wir nach Carantec auf, einem Badeort gegenüber von Roscoff. Die Kirche kann im Vergleich zu den Vorgängerkirchen nicht mithalten, auch weil die „Sakrale Kunst“ weitgehend von moderner Malerei bestimmt wird – wem’s gefällt…

Das Zentrum von Carantec liegt auf einem Berg und wir müssen eine relativ steile, aber gut befahrbare Straße zum sogenannten Nautischen Strand hinunterfahren. Bei unserer Ankunft pegelt sich die Meeresoberfläche gerade bei absoluter Ebbe ein, so können wir relativ weit ins nicht vorhandene Meer hinausgehen.

Bei Flut ragen gerade mal die drei "Kamine" aus dem Wasser

Bei Flut ragen gerade mal die drei „Zinnen“ aus dem Wasser

Die unvermeidliche Suche nach Jakobsmuscheln oder sonstigem Gewürm

Die unvermeidliche Suche nach Jakobsmuscheln oder sonstigem Gewürm

Petra und Silvia halten wie Kinder nach Muscheln Ausschau in der Hoffnung, zum Zwecke der Sicherung unseres Abendessens die eine oder andere zu erbeuten. Sie finden allerdings lediglich Muscheln anderer Gattungen und Arten, die sie aus Gründen des Mitleids wieder dem nassen Sand oder den Seetangbergen übergeben. Höchstwahrscheinlich werden die dann von anderen „Fußfischern“ gefunden, die in großen Mengen unterwegs sind. Einschränkend sollte bemerkt werden, dass Jakobsmuscheln in Frankreich nur von November bis März, und das auch nur an drei Tagen in der Woche kommerziell gefangen werden dürfen. Also strengen sich Petra und Silvia nicht wirklich an.

Viele Windsurfer sind unterwegs, um den seit Tagen wehenden kräftigen Wind auszunutzen.

Windsurfer eilen zum Wasser

Windsurfer eilen zum Wasser

Und los geht's

Und los geht’s

Die kriegen mit ihren "Sinkern" bei dem Wind ordentlich Tempo drauf

Die kriegen mit ihren „Sinkern“ bei dem Wind ordentlich Tempo drauf

Albert und ich sind die hilfsweise Muschel(schalen)sucherei irgendwann leid und haben zudem genug gesehen. Daher begeben wir uns auf den Rückweg zu den Strandbars, in der Hoffnung, dort etwas Heißes zu trinken zu bekommen. Jedoch, außerhalb der Saison ist dort montags und dienstags Ruhetag. Also setzen wir uns unter eine Palme auf eine Bank und warten und warten. Schließlich kommt uns die einsetzende Flut zu Hilfe. Petra und Silvia kehren langsam, die Betonung liegt auf „langsam“, zurück, intensive Kommunikation pflegend. Im Anschluss erklimmen wir wieder den Berg, um dort ein Café zu besuchen. Leider ist die Küche bereits geschlossen, so dass wir keine Vorspeise mehr zu uns nehmen können und mit einem Café au Lait Vorlieb nehmen müssen.

Die Sonne wärmt die durchfrorenen Körper von außen, der Kaffe von innen

Die Sonne wärmt die durchfrorenen Körper von außen, der Kaffee von innen

Im Supermarkt abgestellt

Die Rückfahrt dehnen wir etwas aus und entdecken die Küste entlang, rund um die Bucht an den Hängen hochgebaut, eine Menge fantastischer Bauten, ganz offensichtlich von Reichen in diesem Lande initiiert. Auf der Rückfahrt machen wir Halt in Saint-Pol, besuchen unsere Vinothek und anschließend den Super U, wo die Damen, am Zeitaufwand gemessen, wieder einmal alles in den Schatten stellen, was da sonst noch einkauft. Wir können das gut beobachten und beurteilen, weil wir wie üblich gegenüber der Kassen auf einer zum Angebot des Marktes gehörenden Couch quasi abgelegt werden. So sehen wir Einkaufende kommen und gehen, von unseren beiden Damen lange Zeit keine Spur.

Nach der Ankunft in unserem Ferienhaus werden wir, also Albert und ich, erst mal von unserem Hund spazierengeführt, der – und das muss endlich einmal gesagt werden – eine Engelsgeduld beweist.

Zum Abendessen gibt es Austern. Und die wehren sich eindrucksvoll dagegen, geknackt zu werden. Wir essen sie sofort an der Spüle, während die Artischocken vor sich hin köcheln. Das eigentliche Abendessen besteht aus Artischocken und Spaghetti mit vorher gepuhlten, leider gekochten Crevetten. Als Soße dient dieses Mal eine Fertigsoße, die nicht sonderlich schmeckt. Den Abend verbringen wir mal wieder mit Doppelkopf, den Petra, unkonzentriert und pausenlos über völlig andere Dinge redend, haushoch und ganz nebenbei gewinnt.

Vierzehnter Tag, 30. September 2015

Heute besuchen wir den Friedhof von St.-Pol-de-Léon. Von außen wirkt er so, als ob man unbedingt hin muss. Der Turm der Friedhofskapelle ist weithin sichtbar und scheint förmlich zu winken: „Kommt, kommt!“

Die Kapelle mit ihrem hohen Turm winkt schon von Weitem

Die Kapelle mit ihrem hohen Turm winkt schon von Weitem

Auf dem Friedhof selbst beschleicht uns ein merkwürdiges Gefühl: Alles, wirklich alles steht in Reih‘ und Glied, dunkle Steine, eine Unmenge Kreuze, alles einheitlich ausgerichtet.

Warum die meisten Grabverzierungen aus Stein sind, erschließt sich aus den umgekippten Topfblumen

Warum die meisten Grabverzierungen aus Stein sind, erschließt sich aus den umgekippten Topfblumen

Ein Meer aus Kreuzen, alle in einer Richtung

Ein Meer aus Kreuzen, alle in einer Richtung

Meist einfach und schmucklos

Meist einfach und schmucklos

Im Hintergrund Kreisker

Im Hintergrund Kreisker

Kurz vor Ende des Friedhofsgeländes befindet sich seitlich ein Bereich, der extra für die Gefallenen beider Weltkriege reserviert worden ist. Selbst im Tod sind die Namen der Offiziere, Unteroffiziere und gemeinen Soldaten getrennt voneinander in den Stein gemeißelt, militärisches Standesdenken auf ewig, schade.
Die Kapelle ist innen schön und schlicht gehalten.

Selbst im Tod gibt es das bessere Militär, rangtechnisch betrachtet

Selbst im Tod gibt es das bessere Militär, rangtechnisch betrachtet

Die Kapelle innen buntlichtdurchflutet

Die Kapelle innen buntlichtdurchflutet

Auch sie erweckt den Eindruck von Mittelalter. In einer Ecke weisen schlichte Holzkreuze auf die Gräber von Ursulinen hin. Auffällig ist, dass sie sich alle, ohne Ausnahme, eines ausgesprochen langen Lebens erfreuen konnten. Daneben befinden sich Gräber von offenbar zivilen Militärangehörigen, getötet während des 2. Weltkrieges. Anschließend wollen wir wissen, was sich hinter einer hohen und langen Mauer verbirgt. Auf Nachfrage erhalten wir die Auskunft, dass es sich um das Schloss des Grafen handele. Das Anwesen dürfe nur am Wochenende des bretonischen Vaterlandsfestes betreten und besichtigt werden. Wir fahren an der Mauer entlang und kommen schließlich zum Meer. Von dort können wir einen Blick auf den beeindruckenden gräflichen Wohnsitz erhaschen.

Das Schloss des Grafen

Das Schloss des Grafen

Der Damm, mediterran bewachsen

Der Damm, mediterran bewachsen

Auf diese Weise gelangen wir in einen Bereich von St.-Pol, den wir bis dahin noch überhaupt nicht wahrgenommen haben. Es handelt sich um einen Damm, der an einer kleinen, grünen Insel mündet, der Îlot Sainte-Anne, mit einem Aussichtsfelsen, den wir besteigen.

Auf dem Felsen: Goya entwickelt sich zunehmend zur Gemse

Auf dem Felsen: Goya entwickelt sich zunehmend zu einer Mischung aus Gemse und Steinadler

Petra schon wieder auf der Suche nach Jakobsmuscheln, verpasst deswegen die Austernbänke

Petra schon wieder auf der Suche nach Jakobsmuscheln, verpasst deswegen die Austernbänke

Die Austernbänke bei Ebbe vom Felsen aus gesehen

Die Austernbänke bei Ebbe vom Felsen aus gesehen

Die Damen gehen natürlich auf Muscheljagd, wieder mit minimalem Erfolg. Goya erklimmt mit Albert und mir den Felsen. Mir bleibt einige Male fast das Herz stehen, weil er ja immer die direkten Wege in Höchstgeschwindigkeit zu nehmen pflegt, auch wenn dabei das eine oder andere Mal Flugeinlagen von Nöten sind.

Anschließend fahren wir quer durch die in den Küstenfelsen angelegten schmalen Wege, bis wir zu dem neben dem exotischen Garten gelegenen „Privatstrand“ gelangen, wo Einheimische, vermutlich Rentner, ihr Leben genießen, picknickend und boulespielend.

Sie machen sich einen schönen Lenz - und haben ihn sich

Sie machen sich einen schönen Lenz – und haben ihn sich vermutlich verdient

Die Boule-Kugel fliegt

Die Boule-Kugel fliegt

Endlich, die Jakobsmuschel

Es ist immer noch Ebbe. Hier waren wir ja ein paar Tage zuvor auf Leute getroffen, die mehr als für eine Mahlzeit ausreichend allerlei Getier gefunden hatten, inklusive einer schönen, großen Jakobsmuschel. Das hatten wir den Damen erzählt und diese machen sich jetzt umgehend auf die Suche. Albert und ich ruhen uns auf einem großen Stein aus.

Sie wollte unbedingt auch noch eine Coquille St. Jacques finden

Sie will unbedingt auch noch eine Coquille St. Jacques finden

Schließlich ereilt uns das Erfolgserlebnis des Tages: Petra jault auf und hält triumphierend eine Jakobsmuschel in die Höhe.

Die erste Jakobsmuschel, eine ganz kleine, sie müsste eigentlich noch Windeln tragen

Die erste Jakobsmuschel, eine ganz, ganz kleine…

Es ist ein süßes, kleines Ding, das uns aus seinen rund einhundert winzigen Äuglein mitleiderregend anschaut, stumm darum bittend, wieder freigelassen zu werden. Bildlich gesprochen hat sie noch Windeln an.

Wir konnten sie gerade noch daran hindern...

Wir können Petra gerade noch daran hindern…

Na gut, dann eben nicht

Na gut, dann eben nicht

Nach mehreren Fotos und unter schier unmenschlicher Anstrengung von Seiten Petras, nicht zuzubeißen, wird die kleine wieder ins Meer entlassen. Enttäuscht beschließen die Damen, wieder zurück in das Ferienhaus zu fahren.

Fünfzehnter Tag, erster Oktober 2016

Der frühe Morgen verläuft heute anders. Ich fahre mit Albert nach Roscoff, um gute Croissants und Brötchen einzukaufen. Wir kommen am Hafen vorbei. Es ist Flut. Sämtliche Fischerboote, die noch am Vortag während der Ebbe auf dem Hafengrund gelegen haben, liegen jetzt im Wasser und sind am Kai vertäut.

Fischerboote im alten Hafen von Roscoff bei Flut

Fischerboote im alten Hafen von Roscoff bei Flut

Sie werden beladen – mit Fischen!! Auf Nachfrage erfahre ich, dass die Fische als Köder für die Krabben- und Hummerfischerei dienen. Auf einem der Boote arbeitet gar ein junges und ausgesprochen hübsches Mädchen, welches sich um meine Kamera keinen Deut schert.

Junge Fischerin hilft beim Beladen des Bootes

Junge Fischerin hilft beim Beladen des Bootes

Wir entdecken ein kleines, nettes Café, wo wir zum einen Croissants und zwei Baguettes kaufen, zum anderen einen Milchkaffee trinken. Nach der Rückkehr finden wir angesäuerte Frauen vor, weil am Tag zuvor deutlich gesagt worden sein soll, dass am heutigen Vormittag etwas von Petra Bestelltes in St.-Pol abgeholt worden sein müsse. Also bin ich um des lieben Frieden willens gezwungen, vor dem Frühstück nochmals losfahren. Nach längerem Warten stellt sich heraus, dass das abzuholende Gut erst einen Tag später, also am 2. Oktober eintreffen wird. Gemeinschaftlich beschließen wir, nach dem Frühstück einen weiteren Kalvarienberg, den in St. Thégonnec aufzusuchen.

St. Thégonnec: Wie auf allen Kalvarienbergen Darstellung der Kreuzigung und des Drumrums

St. Thégonnec: Wie auf allen Kalvarienbergen Darstellung der Kreuzigung und biblischer Szenen, hier mit „nur“ 40 Figuren

Figuren am Fuße des Kreuzes

Figuren am Fuße des Kreuzes

Das Ossuarium

Das Ossuarium

Das prächtige Hauptschiff von St.-Thégonnec

Das prächtige Hauptschiff von St.-Thégonnec

Die Kanzel

Die Kanzel

Dieser war seinerzeit im Wettbewerb mit dem Kalvarienberg in Guimiliau erbaut worden, wohin wir im Anschluss weiterfahren wollen.

Kalvarienberg St. Guimilieau

Kalvarienberg St. Guimiliau

In diesen Wettbewerb soll sich laut einer Sage sogar der Teufel eingeschaltet und dafür gesorgt haben, dass Guimiliau den Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Zwar sind der Calvaire und die Kirche in St. Thégonnec sehr beeindruckend, der Kalvarienberg Guimiliau, die Kirche und das Drumrum sind jedoch prächtiger geraten. Das allerdings auf Kosten einer Merkwürdigkeit, einer Besonderheit: Einige Säulen im Langschiff von Guimiliau sind nämlich schief und krumm.

Die Säulen sind schief und krumm

Die Säulen sind schief und krumm

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Dennoch auch hier gegenreformatorische Pracht

Auch hier gegenreformatorische Pracht

Auf Nachfrage können wir lediglich erfahren, dass das schon beim Bau der Kirche geschehen sein soll. Vielleicht war ja der Teufel doch ein wenig überfordert. Der Calvaire jedenfalls ist mit sage und schreibe zweihundert Figuren ausgestattet.

Zweihundert Figuren auf dem Calvaire

Zweihundert Figuren auf dem Calvaire

In Guimiliau lernen wir einen Künstler namens Jean Glenn kennen, der hauptsächlich mit Reliefs in Schiefer arbeitet. Es ist schon faszinierend, zu beobachten, mit welcher Präzision er in den Stein die bretonischen Muster mit Hilfe von Hammer und Meisel fräst. Die Damen kaufen ihm jeweils eine Arbeit ab, von uns im weiteren „Bonsai-Hinkelsteine“ genannt.

Jean Glenn bei der Arbeit

Jean Glenn bei der Arbeit

Da mal wieder sämtliche Crèperien im Ort geschlossen haben, machen wir uns auf den Weg nach Dossen auf, wo wir zum einen hoffen, eine Vorspeise einnehmen zu können – hat ja schon mal geklappt -, und zum anderen dem Hund Bewegung im Wasser verschaffen zu können. Bei der Ankunft allerdings müssen wir feststellen, dass die einzige heute geöffnete Crèperie keinen Besuch von Hunden wünscht. Den Wasserstand in Dossen haben wir noch nie so niedrig gesehen, das heißt, das Meer hat sich weit zurückgezogen. Grundsätzlich wäre es demnach möglich, zu Fuß oder mit dem Auto auf die Île de Sieck zu kommen.

 

Unser "Hitchcock-Haus" in Dossen

Unser „Hitchcock-Haus“ in Dossen

Blick von der Wassergrenze zurück

Blick von der Wassergrenze aus zurück

Um an das Wasser zu gelangen, müssen Albert und ich eine recht große Strecke über den Sand zurücklegen, während die Damen sich mal wieder auf Jakobsmuschelfang begeben. Goya tobt im Wasser, indem der seinen von uns geworfenen Holzknochen jagt. Nach jedem Wurf müssen wir uns etwas zurückziehen, weil das Wasser langsam zurückkommt. Schließlich machen wir uns zum sicheren Ufer auf und fahren nach St.-Pol, um dort nochmals Essen einzukaufen. Im Ferienhaus angekommen heißt es: Alles ausziehen, um den letzten Waschmaschinengang zu bestücken.

Zum Abendessen gibt es eigenhändig gepuhlte Crevetten, Artischocken und gebratenen Seelachs mit Blattsalat. Auf Wein verzichten wir dieses Mal, was mir persönlich ganz recht ist, weil ich magentechnisch betrachtet die Mengen offensichtlich nicht mehr vertrage. Am Abend spielen wir Doppelkopf.

Sechzehnter Tag, 02. Oktober 2015

Die erste Amtshandlung am Vortag unserer Abreise in den Süden der Bretagne gilt der Wäsche. Anschließend fahren Petra und ich nach St.-Pol, um endlich die bestellte Grätenzange abholen – um die ging es nämlich tags zuvor. Danach geht es weiter nach Roscoff, wo wir Baguette und Croissants einkaufen. Wir trinken einen Milchkaffee, schauen nochmals nach den Fischerbooten und kehren dann zurück in das Ferienhaus, wo bereits der Tisch für das Frühstück gedeckt ist. Nach kurzer Erholungspause brechen wir gemeinsam nach Carantec auf, dieses Mal, um möglichst auf die Insel Callot zu gelangen.

Das Wasser sinkt und gibt sukzessive die Route Submersible frei

Das Wasser sinkt und gibt sukzessive die Route Submersible frei

Im Auto auf dem Meeresgrund

Das ist ein kleines Abenteuer. Wir gehen zu Fuß in einem weiten Bogen um die Route Submersible, die immer noch submersible ist, herum. Die Damen fahnden einmal mehr in Sand, Geröll, Tang und Wasserlachen nach Jakobsmuscheln. Goya hat mittlerweile so richtig gelernt, in den Felsen herum zu klettern.

Goya, der mutierte Gemsenadler

Goya, der mutierte Gemsenadler

Auf dem Umweg geht's schneller. Aber auch hier muss noch gewartet werden

Auf dem Umweg geht’s tatsächlich schneller. Aber auch hier muss noch gewartet werden

Ganz ungeduldige fahren quer über das Sandgeröll

Ganz Ungeduldige fahren quer über das Sandgeröll

So endet die eine oder andere Reifenspur scheinbar im Nichts

So endet die eine oder andere Reifenspur scheinbar im Nichts

Die Route submersible ist frei

Die Route Submersible ist frei

Auf der Insel angelangt können wir sehen, dass die Ebbe jetzt die Route Submersible freigegeben hat.

Insel Callot: Mediterraner Anblick

Insel Callot: Mediterraner Anblick

Um endlich einmal eine solche Unterwasserstraße zu befahren, machen wir uns zu Fuß auf, diese Straße nutzend unser Auto zu holen. Auf dem Weg fragen wir eine freundliche Dame, die sich in ihrem Geländewagen ebenfalls auf dem Weg zum Festland befindet, wie lange denn die Straße befahrbar bleibe. Sie sieht uns offenbar unsere Bedenken an und beruhigt uns. Lachend bietet sie an, im Falle unseres Zuspätkommens in ihrem Haus auf der Insel auf die nächste Ebbe warten zu können.

Die Route Submersible von Callot aus gesehen

Die Route Submersible von Callot aus gesehen

Mit dem Auto zurück auf Callot versuchen wir, die Insel zu erforschen. Das allerdings erweist sich als schier unmöglich, weil so gut wie alle Straßen und Wege dort nur von „Riverains“, von Anliegern befahren werden dürfen. Touristen wie uns bleibt nur die Hauptstrecke mit ihren Sand-Parkplätzen allüberall. So besichtigen wir zu Fuß lediglich ein paar der wunderschönen Anwesen von außen, oft mit Privatstrand.

Traumhafte Anwesen und kein Platz für Touristen

Traumhafte Anwesen und kein Platz für Touristen

Anschließend fahren wir auf das Festland zurück.

Letzte Amtshandlungen

Dieses Mal verzichten wir auf eine Vorspeise. Wir suchen umgehend unser Ferienhaus auf, trinken dort Kaffee und packen anschließend. Als würdiges Abschiedsessen in würdigem Ambiente haben wir in St.-Pol haben auf Anraten einer Freundin, die Roscoff gut kennt, in einer schnuckeligen Crèperie für 18 Uhr 30 – um diese Zeit soll offiziell auch geöffnet werden – vier Plätze reserviert. Zur gebuchten Zeit warten wir vor dem Restaurant. Wir warten immer noch. Um 18 Uhr 50 können wir von außen durch die Fenster sehen, wie eine Mitarbeiterin der Crèperie damit beginnt, sauberzumachen. Erst gegen 19 Uhr 15 können wir das Restaurant betreten. Etwa eine halbe Stunde lang sitzen wir dort völlig alleine und essen. Kurz vor 20 Uhr ist das Lokal bis auf den letzten Platz besetzt. Die Crèpes sind Spitzenklasse, die Desserts ebenfalls. Der Cidre steht in nichts nach.

Fortsetzung im Süden

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 11. Februar 2016.