Der Fall Gurlitt

Ein Leben auf der Rasierklinge

Acht Jahre ist es her, dass ein Einfamilienhaus in Salzburg von der Polizei aufgebrochen wird. Die besorgte Nachbarschaft befürchtet, dass der seit langer Zeit nicht mehr gesehene Bewohner, Cornelius Gurlitt, Sohn von Hildebrand Gurlitt, nicht mehr am Leben sei. Die Polizei findet das Haus verlassen und verwahrlost vor – von Gurlitt keine Spur. Den zahlreichen Bildern in den Zimmern des Hauses schenken die Polizisten keine Beachtung. Im selben Jahr wird in einem Zug an der deutsch-schweizerischen Grenze ein älterer Herr mit Aktentasche und neuntausend Euro in bar von Zollbeamten aufgegriffen. Es handelt sich um Cornelius Gurlitt. Auf Fragen nach der Herkunft des Geldes erklärt er, er habe es seinem Schließfach beim Schweizer Bankhaus UBS entnommen und sei auf dem Weg nach Hause. Damit kommt ein Stein ins Rollen, der in die „Aufklärung“ des vermeintlich größten Kunstraubes in der Geschichte Nazi-Deutschlands münden soll.

Am Eingang die Aktentasche von Cornelius Gurlitt auf einem Spiegelboden

Am Eingang die Aktentasche von Cornelius Gurlitt auf einem Spiegelboden

Bis zum 28. Februar 2012 dauert es, bis Beamte der Staatsanwaltschaft Augsburg zusammen mit Zollfahndern die neunzig Quadratmeter große Wohnung Gurlitts im Münchener Stadtteil Schwabing aufbrechen. Es besteht der dringende Verdacht der Steuerverkürzung. Bei dieser Aktion stoßen die Beamten in den drei Zimmern auf eine Kunstsammlung, die es in sich hat. Weit über tausend Werke hochkarätiger Künstler wie Picasso, Chagall, Liebermann, Degas, Beckmann, um nur einige zu nennen, werden beschlagnahmt. Zu diesem Zeitpunkt wissen weder Staatsanwaltschaft noch Zoll noch Politik noch Gurlitt selbst, welche Bilder dem Erben von Hildebrand Gurlitt von Rechts wegen zustehen.

Sammlung längst bekannt

Erst am 3. November 2013 erfährt die Öffentlichkeit aus einem Beitrag des Nachrichtenmagazins „FOCUS“ von der Beschlagnahme. Der berichtet von Nazi-Schatz und Raubkunst. Nach Mitteilungen der Augsburger Staatsanwaltschaft werde gegen Gurlitt wegen „eines dem Steuergeheimnis unterliegenden strafbaren Sachverhaltes“ sowie wegen des Verdachts auf Unterschlagung ermittelt.

Plakate zu den Ausstellungen nach dem Krieg

Plakate zu den Ausstellungen nach dem Krieg

Unterschlagen werden Erkenntnisse, wonach die Sammlung Gurlitt nicht nur in einschlägigen Kreisen bereits seit Mitte der Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts bekannt ist.

Dr. Alfred Weidinger, seit dem 1. August 2017 Direktor des Museums der Bildenden Künste Leipzig (MdbK), davor Vizedirektor des Wiener Klassikermuseums Belvedere, äußert sich nach Bekanntwerden der Gurlitt-Sammlung wenig schmeichelhaft über die deutschen Kunstsachverständigen. Es sei geradezu lächerlich, von einer großen Entdeckung zu sprechen. „Dass diese Sammlung existiert, das war kein Geheimnis. Im Grunde genommen hat jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst, dass es das gibt – auch in der Dimension.“ Weidinger unterstellt den Restitutionsforschern unordentliche Arbeit. „Wenn man im Jahr 2013 darauf kommt, dass es in München die Sammlung Gurlitt gibt, dann haben die ihren Job nicht richtig gemacht.“ Der Präsident von MoMa und Jüdischem Weltkongress, Ronald Lauder, spricht in diesem Zusammenhang von „Vorsätzlicher Unkenntnis“.

Der Erbfall tritt am 9. November 1956 ein – es ist der Tag, an welchem der Vater Hildebrand Gurlitt infolge eines Verkehrsunfalles nach zweiwöchigem Koma verstirbt. Nach dem Krieg reingewaschen, „entnazifiziert“ worden, übernimmt er als Direktor von 1948 an den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf. Seit Ende 1956 lebt Cornelius Gurlitt vom periodischen Verkauf einzelner der ihn Frage stehenden Kunstwerke. Dabei arbeitet er bevorzugt mit einem bekannten Schweizer Kunsthändler zusammen, dem heute vierundneunzigjährigen Eberhard Kornfeld aus Bern. In dieser Verbindung liegt möglicherweise eine Erklärung dafür, dass Gurlitt das Berner Kunstmuseum als Erben eingesetzt hat.

Das Adressbuch von Hildebrand Gurlitt

Das Adressbuch von Hildebrand Gurlitt

Alles nur geklaut?

Um zu verstehen, woher diese Kunstwerke kommen, muss man weit in die von der Kunst beherrschte Vergangenheit des Hildebrand Gurlitt eintauchen. Er stammt aus einer Künstlerfamilie und macht früh Karriere im akademischen Kunstbetrieb. Bereits im Alter von dreißig Jahren leitet der promovierte Kunsthistoriker das König-Albert Museum in Zwickau. In dieser Funktion zeichnet er sich als Förderer expressionistischer Kunst aus, einer Kunst, die später in großen Teilen von den Nazis als „entartet“ definiert werden sollte. Er pflegt freundschaftlichen Umgang mit vielen seiner kunstschaffenden Zeitgenossen, wie beispielsweise Max Beckmann, Ernst Barlach oder Emil Nolde. Er erwirbt zahlreiche Werke von aktuellen Künstlern für das Museum – und für sich selbst. Sein Einsatz für die moderne Kunst bringt ihn ins Visier rechtskonservativer Kreise, so dass er am 1. April 1930, vorgeblich aus wirtschaftlichen Gründen, entlassen wird.

In Hamburg, wo er ab Mai 1931 den Kunstverein leitet, machen die aufstrebenden Nationalsozialisten Front gegen ihn. Ein halbes Jahr nach der „Machtergreifung“ wird Gurlitt auch hier zum Rücktritt gezwungen. Ihm bleibt nichts anderes übrig: Er macht sich als Kunsthändler selbständig. Dabei helfen ihm sein immenses Wissen, sein feines Gespür für moderne Kunst und seine umfangreichen Kontakte. Sein Kunstkabinett erwirbt sich rasch nationales und internationales Ansehen.

Foto vom Ehrenhof des Düsseldorfer Kunstpalastes. Im Sommer 1938 wurde hier die Wanderausstellung

Foto vom Ehrenhof des Düsseldorfer Kunstpalastes. Im Sommer 1938 wurde hier die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Vorne links das Geschäftsbuch des Gurlitt’schen Kunstkabinetts (1935-1944), rechts ein Fotokatalog des Kunstkabinetts aus dem Jahr 1939

Ein fotografischer Blick in das Depot der Verwertungskommission 1937

Ein fotografischer Blick in das Depot der Verwertungskommission 1937

Sündenfälle

Bis zu diesem Zeitpunkt scheint das Geschäftsleben des Hildebrand Gurlitt unter ethischen Aspekten nicht angreifbar. Zunehmend gerät er, der wegen seiner halbjüdischen Mutter selbst von den Rassegesetzen der Nazis betroffen ist, unter existenziellen Druck. Möglicherweise liegt hier einer der Gründe, warum sich Gurlitt im Herbst 1938 den nationalsozialistischen Machthabern als Experte für die „Verwertung entarteter Kunst“ anbietet. Die Nazis hatten schnell festgestellt, dass der Verkauf dieser Werke ins Ausland vorteilhafter war als deren Vernichtung.

Die Verbrennung von Kunstwerken vermeintlich entarteten Charakters kann zu keinem Zeitpunkt nachgewiesen werden. Gurlitt erfüllt sämtliche Voraussetzungen für die Aufnahme in die von den Nazis installierte Verwertungskommission. Als deren Mitglied verkauft er von den jüdischen Eigentümern abgepresste „entartete Kunst“ ins Ausland, versorgt jedoch zugleich deutsche Kunstliebhaber im Inland und sich selbst mit solchen Kunstwerken.

Schreiben von Hildebrand Gurlitt an Prof. Dr. Hermann Voss, der 1943 zum Sonderbeauftragten für den Aufbau und die Bestückung von Hitlers geplantem Führermuseum in Linz ernannt wurde.

Schreiben von Hildebrand Gurlitt an Prof. Dr. Hermann Voss, der 1943 zum Sonderbeauftragten für den Aufbau und die Bestückung von Hitlers geplantem Führermuseum in Linz ernannt wurde.

Raubkunst und Kunstraub

Vorausschauend hatte Gurlitt bereits Monate vor Abschluss dieser Verwertungsaktion 1941 sein Operationsgebiet auf die besetzten Westgebiete, auf Benelux und Frankreich ausgedehnt. Jetzt beginnen sich die Begriffe „Raubkunst“ und „Kunstraub“ zu vermischen: Raubkunst richtet sich gegen die eigene Bevölkerung. NS-Verordnungen zum Zwecke des Ausschlusses der Juden aus der sozialen Gemeinschaft, wie beispielsweise Berufsverbote oder der automatische Verlust der Staatsbürgerschaft beim Verlassen des reichsdeutschen Staatsgebietes, schaffen die Grundlage für weitere Verordnungen, welche der Enteignung der jüdischen Bevölkerung eine formal-juristisch belastbare Grundlage bieten.

Die Kunsträuber machen in den Benelux-Ländern und in Frankreich weiter. Auch hier sind es Verordnungen, mit deren Hilfe die Kunstsachverständigen der Nazis der jüdischen Bevölkerung Kunstwerke abpressen. Hildebrand Gurlitt macht mit. (In den Ostgebieten hält man es nicht mehr für nötig, eine juristische Grundlage für den Raub zu schaffen).

Adolf Hitler auf dem Obersalzberg vor einem Modell des geplanten Führermuseums in Linz

Adolf Hitler auf dem Obersalzberg vor einem Modell des geplanten Führermuseums in Linz

Foto der für Linz eingelagerten Bilder im Stollen. Im Vordergrund ein für Hitler bestimmter Katalog

Foto der für Linz eingelagerten Bilder im Stollen. Im Vordergrund ein für Hitler bestimmter Katalog

Führermuseum Linz

Ein guter alter Freund von Gurlitt, Hans Posse, wird am 1. Juli 1939 von Hitler beauftragt, für das geplante Führermuseum eine umfangreiche Kunstsammlung zusammenzutragen. Posse, ein paar Jahre zuvor in Ungnade bei den Machthabern gefallen und rehabilitiert, arbeitet ungeheuer engagiert. Er verstirbt Ende 1942. Sein Nachfolger wird der Kunsthistoriker Prof. Dr. Hermann Voss. Der ernennt Gurlitt wegen dessen herausragenden Fähigkeiten zum Einkäufer. Gurlitt ist jetzt ein wichtiger und kompetenter Kunsthändler Adolf Hitlers.

Ab sofort sauber

Gegen Kriegsende wird das Haus der Familie Gurlitt in Dresden bei einem Bombenangriff zerstört. Die Familie macht sich mit einem Lastwagen, vollgepackt mit Kunst, nach Bayern auf. Dort lässt sie sich bei einem Freund auf dessen Schloss nieder. Bayern gehört zur amerikanischen Besatzungszone.

Ein Beispiel für die Verweigerungshaltung von Hildebrand Gurlitt ist der Fall von Henri Hinrichsen

Ein Beispiel für die Verweigerungshaltung von Hildebrand Gurlitt ist der Fall von Henri Hinrichsen

Die US-amerikanischen Besatzer beschlagnahmen viele der von Hildebrand Gurlitt mitgebrachten Kunstwerke – das, was sie finden – wegen des Verdachts auf Raubkunst. Die Amerikaner hatten direkt nach dem Krieg drei sogenannte Collecting Points eingerichtet. Die Kunstwerke Gurlitts werden nach Wiesbaden gebracht, wo sie, wie andere verdächtige Sammlungen auch, auf ihre Herkunft hin untersucht werden, um sie gegebenenfalls den rechtmäßigen Eigentümern zurückgeben zu können.

Erfolgreich setzt sich Gurlitt in den Verhören zur Wehr. Er verweist auf die jüdische Herkunft der Großmutter, sein nachweisbares Engagement für die künstlerische Moderne in den Zwanziger- und Dreißigerjahren mit allen für ihn negativen Konsequenzen sowie seine freundschaftlichen Verbindungen zu Künstlern. Die um ihr Eigentum gebrachten Juden scheinen nur insofern eine Rolle zu spielen, als Gurlitt einigen von ihnen durch den erpressten Ankauf von Kunstwerken Geld für die Flucht verschaffen konnte. Dabei ist von Bedeutung, dass von Gesetzes wegen Juden für ein Kunstwerk maximal tausend Reichsmark bezahlt werden durften. Dadurch waren diese gezwungen, Bilder zu Schleuderpreisen zu verkaufen.

Gurlitt lügt bei den Verhören und verhindert in vielen Fällen die Rückgabe. Einen großen Teil der Kunstwerke kann er vor den Amerikanern verborgen halten. Seine behauptete Situation als Opfer des Regimes wird ihm letztlich geglaubt. Fünf Jahre später erhält er seine Sammlung zurück.

So genannte Entartete Kunst von Max Beckmann, einem der Fürsprecher von Hildebrand Gurlitt

So genannte Entartete Kunst von Max Beckmann, einem der Fürsprecher von Hildebrand Gurlitt

Fall Bundesrepublik?

Vor diesem Hintergrund ist nur schwer nachvollziehbar, dass die Behörden nichts davon gewusst haben sollen, dass Hildebrand Gurlitt im Besitz einer umfänglichen und wertvollen Kunstsammlung war. Denn mit dem Tod der Eltern von Cornelius Gurlitt sowie seiner Schwester (1956, 1968 und 2012) ist dreimal ein Erbfall eingetreten, der jeweils einen finanztechnisch relevanten Verwaltungsakt ausgelöst haben müsste: Die Festsetzung der Erbschaftssteuer. Auf Nachfragen bei der Pressestelle des Bayerischen Landesamtes für Steuern wurde uns lediglich mitgeteilt, der Beantwortung solcher Fragen „steht der Schutz des Steuergeheimnisses gemäß § 30 Abgabenordnung entgegen. Dies ist auch in Bezug auf verstorbene Steuerpflichtige im Rahmen des postmortalen Persönlichkeitsrecht zu beachten. Außerdem betrifft Ihre Anfrage die (steuerlichen) Rechtsverhältnisse etwaiger Erben des Herrn Gurlitt“.

Alpental mit Sennerin von Carl Spitzweg, keine entartete Kunst

Alpental mit Sennerin von Carl Spitzweg, keine entartete Kunst

Der Kreis schließt sich

Genauso wenig nachvollziehbar bleibt, dass ein erwachsener, intelligenter Mensch wie Cornelius Gurlitt sich nicht gefragt haben soll, wie und unter welchen Umständen zumindest eine bedeutende Anzahl aus der Ansammlung von Kunst in den Besitz seines Vaters gelangt ist. Die Tatsache, dass die Bestandsaufnahme Gurlitt bislang zur eindeutigen Identifizierung von lediglich sechs Werken als Raubkunst geführt hat, lässt keinesfalls den Umkehrschluss zu, dass der Rest der Sammlung rechtmäßig und ethisch einwandfrei erworben wurde. Der Fall Gurlitt wirft ein bezeichnendes Licht auf den Umgang der jungen Bundesrepublik mit der NS-Vergangenheit und insbesondere mit den Opfern. So sorgte beispielsweise die bundesdeutsche Gesetzgebung dafür, dass nach 1962 vorgebrachte Ansprüche als verjährt galten.

Das Verdienst der Bestandsaufnahme Gurlitt besteht zweifellos darin, dass sie etwas tut, was mit viel größerer Aussicht auf Erfolg bereits vor vielen Jahrzehnten hätte unternommen werden müssen und was sich von Jahr zu Jahr schwieriger gestaltet. Denn die meisten derer, die als Eigentümer oder Zeugen in Frage kommen, leben nicht mehr. Immerhin haben bezüglich der Werke und deren Provenienz einige Anfragen das Bonner Kunstmuseum erreicht. Der Sprecher des Kunstmuseums, Sven Bergmann, bittet um Verständnis dafür, dass zu diesem sensiblen Thema keine Auskunft erteilt werden kann.

Die Bonner Bestandsaufnahme Gurlitt schloss am 11. März 2018 ihre Pforten. Die Arbeit geht weiter. Die Ausstellung wird vom 19. April 2018 bis 15. Juli 2018 in Bern zu sehen sein. Anschließend kommt sie nach Berlin in den Martin-Gropius Bau vom 14. September 2018 bis zum 07. Januar 2019. Bezüglich weiterer Planungen gibt es derzeit nichts Konkretes zu berichten, es werden lediglich Gespräche mit anderen Institutionen geführt. (ag/kws)

Fotostrecke

2018-08-15T22:47:05+00:0011 März 2018|