Das Bonn-Center

Ende eines Wahrzeichens mit Zukunftsaussicht

Wir schreiben das Jahr 1949. Im Jahr nach der Währungsreform befindet sich Deutschland im Wiederaufbau. Am dritten November entscheidet sich der Deutsche Bundestag im Museum König in Bonn gegen Frankfurt als provisorische Hauptstadt der neuen Bundesrepublik. Bonn soll es sein. Für die beschauliche, gemütliche Kleinstadt am Rhein, das „Rentner- und Studentenstädtchen“, bedeutet diese Entscheidung einen heftigen Einschnitt. Südlich der Reuterbrücke wird ein komplettes Parlaments- und Regierungsviertel aus dem Boden gestampft. Im Laufe der Jahre fällt auf, dass es im Parlaments- und Regierungsviertel mit der einer Hauptstadt angemessenen Betriebsamkeit und Optik nicht zum besten steht. Das Bonn-Center muss her, am besten ein Hochhaus mit Einkaufszentrum und Vergnügungsmöglichkeiten. Einen geeigneten Platz findet man am Rande des Regierungsviertels direkt an der Reuterbrücke.

Anfang 1967 erwerben der Offenbacher Textilhändler Philipp Bauschke sowie der aus Bonn-Beuel stammende Maurermeister Bernd Domscheit von der Stadt Bonn in aller Heimlichkeit das Gelände der dortigen Schrebergartensiedlung. Vierzig Millionen Mark sind für ein vom Berliner Architekten Friedrich Wilhelm Gerasch geplantes achtzehn-geschossiges Hochhaus mit Seitentrakten veranschlagt. Bauschke und Domscheit als Bauherren geben ihre Finanziers nicht preis. Auch die Genehmigung des Projektes durch den Rat der Stadt Bonn erfolgt in geheimer Sitzung! „Wir brauchen endlich etwas Leben im Regierungsviertel“, so der damalige Oberstadtdirektor Wolfgang Hesse wie zur Rechtfertigung dieser Heimlichkeiten.

Das Bonn-Center von der Reuterbrücke aus, noch intakt. Foto: Sepp Spiegl

Das Bonn-Center von der Reuterbrücke aus, noch intakt. Foto: Sepp Spiegl

Umfassende Infrastruktur

Gerasch schwebt bei seiner Planung ein „Schaufenster mit internationalem Charakter“ vor. Das Bonn-Center solle eine Begegnungsstätte werden, in welcher Menschen beiderlei Geschlechts, Beamte, Abgeordnete und Bürger sich treffen, „nicht nur im Schwimmbecken und auf der Kunsteisbahn, sondern auch in der Sauna und im Massagesalon, auf der Bowlingbahn und im Kino“. Zusätzlich sind ein Hotel, Büroräume und Wohnungen geplant, ein Supermarkt, Geschäfte, ein Autosalon, eine Bankfiliale und acht Büroetagen. Die meisten Vorhaben werden verwirklicht.

Am 25. November 1969 ist es so weit. Das Bonn-Center wird eröffnet. Es ist zu diesem Zeitpunkt mit sechzig Metern Höhe das dritthöchste Gebäude der Stadt. Nur das Hochhaus im Tulpenfeld mit siebenundsechzig Metern, das im Jahr 1964 bezugsfertig wurde, sowie das Abgeordnetenhochhaus „Langer Eugen“ mit einhundertvierzehn Metern, das nahezu zeitgleich mit dem Bonn-Center fertig gestellt wird, sind höher. Der sich auf dem Gebäude drehende, im Durchmesser acht Meter große Mercedesstern, ist weithin sichtbar. Er erinnert an das Europa-Center in Berlin. Die Konferenzräume und das Restaurant „Ambassador“ in der obersten Etage werden von Gästen aller Couleur gerne genutzt. Selbst Botschaften, wie die japanische und die neuseeländische, mieten sich ein. Von Mitte 1980 bis Ende 1990 ist das Informationsbüro Bonn des Europäischen Parlaments hier zu finden.

Auf der Bühne des Pantheon Casino: Szenenbild von 'The Songs of Tom Waits', hier Muriel Leonie Graf und Lucas Sanchez

Auf der Bühne des Pantheon Casino: Szenenbild von ‚The Songs of Tom Waits‘, hier Muriel Leonie Graf und Lucas Sanchez

Verschwiegener Nachtclub

Das Steigenberger Hotel hält rund dreihundert Betten bereit. Fernpendler können eines der vierundsechzig bequemen Appartements unterschiedlicher Größe mieten. Unter Eingeweihten legendär ist das im Keller des Hochhauses installierte Kasino, ein äußerst diskreter Nachtclub des Steigenberger Hotels mit Geheimzugang vom zweiten Untergeschoss aus, die Lizenzen für Roulette und Black Jack inklusive. So einige Taxifahrer könnten darüber berichten, wie gut betuchte, oft prominente Fahrgäste in Begleitung auffallend hübscher Damen sich gegen gutes Schweigegeld zum Kasino chauffieren ließen. Im Anschluss an den Auszug des Steigenberger Hotels im Jahr 1988 geht die Lizenz für das Glücksspiel an eine Dame namens Ilona W. über, die den Betrieb genauso diskret zwei Jahre lang weiter aufrecht erhält. Danach verfällt das Kasino in einen zweiundzwanzig Jahre andauernden Dornröschenschlaf. Erst auf Initiative des Pantheon Theaters wird es wach geküsst. Das sucht nämlich eine kleinere Spielstätte. Rainer Pause ist vom Kasino begeistert. Nachdem die Bank of Scotland als Eigentümerin ausfindig gemacht wird, kann der Mietvertrag unterschrieben werden. Vom Jahr 2012 an ist das Kasino unter dem Namen Pantheon Casino als kleines, aber feines Geschwisterchen des Pantheon Theaters aktiv.

Der Niedergang

Zwar hat der Auszug des Steigenberger Hotels nicht ursächlich mit der politischen Entwicklung in Deutschland zu tun – der Neubau auf dem Gelände der Casselsruhe auf dem Venusberg ist längst geplant. So läutet die Vereinigung von Ost und West letztlich doch das Ende des Bonn-Centers ein. 1989 werden die ehemaligen Hotelzimmer in Büroräume umgebaut. 1991 bis 1999 ist im siebten und achten Stockwerk die PDS untergebracht – widerwillig, wegen des Mercedessterns auf dem Dach. Im Sog des Regierungsexodus wandern auch deren letzte Mitarbeiter im Jahr 1999 nach Berlin ab. 1993 zieht der Fernsehsender ntv ein. Der schon längere Zeit nicht mehr gepflegte Ladenbereich wird im Jahr 1996 endgültig geschlossen.

Keine Chance

Es gibt zahlreiche Versuche, das Objekt zu retten. Die Bremer Landesbank ist bis 2007 Eigentümerin des Komplexes, den anschließend die niederländische Larmag-Gruppe des gebürtigen Schweden und Immobilienkaufmanns Lars-Erik Magnusson übernimmt. Die neue Eigentümerin greift Ideen aus dem Jahr 1991 auf, wonach ein neues Restaurant, weiterer Raum für Arztpraxen und eine Apotheke geplant waren. Wegen der Aktualisierung von Brandschutzeinrichtungen müssen hohe zusätzliche Investitionen mit eingeplant werden. Die Räumlichkeiten des ehemaligen Supermarktes können ihrem früheren Zweck nicht mehr zugeführt werden, da sie an ein Fitnessunternehmen vermietet sind. Es wird überlegt, das Bonn-Center zu erweitern. Die Nähe zum World-Conference-Center bietet die Möglichkeit, diesem kleinere Büros und Tagungsräume zur Verfügung zu stellen. Wegen der Insolvenz des Betreibers bleiben die Pläne jedoch in der Schublade liegen.

Demontage des Mercedessterns am 17. Februar 2017

Der Mercedesstern wird am 24. Februar 2017 vom Dach des Hochauses gehoben. Foto: Sepp Spiegl

Die Entscheidung ist gefallen

Im Jahr 2011 zieht die Deutsche Post aus. Vierzehn der insgesamt achtzehn Etagen bleiben ungenutzt. Doch das Bonn-Center wird immer noch nicht aufgegeben. Die Kölner Immobilien-, Investment- und Managementgesellschaft ART-INVEST Real Estate kauft im Jahr 2014 den gesamten Komplex. Sie ist sich noch nicht sicher, ob saniert werden oder ein völlig neues Objekt entstehen soll. Spätestens als die neue Eigentümerin den letzten standfesten Mietern zum Ende des Jahres 2015 die Mietverträge kündigt, ist das Schicksal des Bonn-Centers endgültig besiegelt. Ende Mai 2016 schließt das Pantheon Casino seine Pforten, das Pantheon-Theater gibt mit „Früchte des Zorns“ seine letzte Vorstellung am 24. Juni 2016. Ende Oktober ziehen die letzten Arztpraxen aus. War ursprünglich geplant, das Hochhaus abzureißen, entscheidet sich die Eigentümerin dann doch für die Sprengung. Ab November 2016 wird der Gebäudekomplex von allem befreit, was eine Sprengung und die anschließende Entsorgung gefährlich oder unberechenbar machen könnte. Der Mercedesstern, der sich siebenundvierzig Jahre lang gedreht hat, wird am 2. November 2016 abgeschaltet und am 3. November 2016 „umgelegt“. Am 24. Februar 2017 wird er mit Hilfe eines Krans vom Dach gehoben.

Am 19. März 2017 ist es so weit. Zweihundertfünfzig Kilogramm Sprengstoff, strategisch verteilt in tausendfünfhundert Bohrlöchern, werden um Punkt elf Uhr von unten nach oben in kurz aufeinander folgenden Abständen gezündet. Fünfundvierzigtausend Tonnen Stahl und Beton stürzen (fast perfekt) innerhalb von zehn Sekunden vertikal in sich zusammen. Die rosige Zukunft des Neuen Kanzlerplatzes ist schon geplant.

Fotostrecke

2017-11-29T11:20:12+00:00 24 November 2017|